Alltag

Die Krankenschwester vom Pflegedienst informierte mich eben über die Wetterlage. Demnach ist der Sommer zurückgekehrt. Das ist eine durchaus erfreuliche Neuigkeit, denn ich erwarte heute eine Weinlieferung, darunter ein Rosé, der gut gekühlt als „Terrassenwein“ durchaus Freude bereiten kann.

Ich habe nun Jalousie und Jalousette hochgezogen und tanke Frischluft. Natürlich schaue ich eine Weile in unseren verwilderten Garten. Da steht vor meinem Fenster eine üppig gelb blühende Distel, sie ist ein Solitär und ca. 160 cm hoch. Gleich nebenan, am Terrassenrand wachsen die lila blühenden Disteln, die grösste Pflanze bringt es auf mehr als 200 cm. Mittendrin blüht eine Wilde Möhre mit einer Höhe von mehr als 300 cm.

Es herrscht ein reger Flugverkehr von Blüte zu Blüte. Kriechendes, also Raupen, Würmer und Schnecken sind auch wieder anwesend. Es werden wohl einige tausend Viecher sein, die unsere Wildnis beleben.
Highlights sind a. ein Mäuseloch, b. der Besuch eines Distelfinks und
c. der Besuch eines Bussards. Es könnte bereits die alte Gesetzmässigkeit vom Fressen und Gefressen werden aufgelebt sein. So ist unser Garten keine Oase der Glückseligkeit für Viehzeug. Hier wird gelebt und gestorben, was das Zeug hält!

Gestern abend seilte sich eine Spinne direkt über meinem Schreibtisch ab und hing mir fast vor der Nase. Instinktiv griff ich zu einer Fliegenklatsche – und legte diese tödliche Waffe sofort wieder zurück. Was hat Dir dieses Tier angetan? Nichts. Garnichts. Also bin ich ein Stückchen zur Seite gerückt
und habe mich um den Gast nicht weiter bemüht. Er bemerkte mein Desinteresse, rollte seinen Tampen wieder auf und verschwand grusslos.
Ich war mit mir sehr zufrieden.

Meine Nachbarn auf der Westseite sind mit unserer Wildwiese so garnicht einverstanden. Sie befürchten mit Recht den Flug von Grassamen, und Graswuchs, wo man ihn icht so gerne sieht. Ausserdem reklamieren sie Feuergefahr. Die Wiese könnte abbrennen, wenn zu viel Trockenes herumliegt. Ich habe recherchiert. Keines der heimischen Insekten raucht Zigarre.
Aber wie auch immer: Hier gilt es, Rechtsgüter abzuwägen. Zwei Menschen gegen tausende Insekten. Meine Familie hat den Viechern Vorrang gegeben. Für die Menschen geht es um fast nichts, und bei den Tieren ums Überleben. Ist das nicht so?

In toto: Der Anfang ist gelungen. Jetzt ist, wie in der deutschen Wirtschaft gefordert, Wachstum angesagt!

Ein Blick aus dem Fenster – 2 –

Hallo Natur-Fan’s! „Ein Blick aus dem Fenster“ beschreibt kurz den Zustand unseres Hausgartens. Warum schreibe ich darüber? Ad 1 ist es mir wichtig, was sich da draussen entwickelt, und ad 2 denken andere „Gärtner“ mal darüber nach, was Sinn macht.

Da sind etwa 14 qm an der Strasse, die eine verwirrte Hand total überdüngt hat. Der Rollrasen ist ungemäht durchgedreht und auf eine Höhe von 1,85 m herangewachsen. Diese Fläche wirkt exotisch, und Passanten bleiben verwundert stehen. Ich übrigens auch.

Daneben blühen diverse Wildblumen, weil das Gras es noch nicht dorthin geschafft hat. Bemerkenswert: Es wurde ein Stieglitz gesichtet. Er sass mit seinen vollen 12 Gramm Körpergewicht auf einem Blütenstengel. Wahrlich eine Rarität.

Dahinter kommen ca. 100 qm Wildwiese. Hier steht einem Leuchtturm gleich eine dieser bösartigen Disteln in stattlicher Höhe von 150 cm und einem leuchtend-gelben Blütenbouquet. Unmöglich, sie zu fällen. Vielleicht kriehgt sie nächstes Jahr Kinder! Ansonsten wuchert dort eine Gemeinheit, die zu beseitigen sich eine Reihe von Fachkräften im Netz umtut. Nur der NABU plädiert für den Gemeinen Hornklee, weil er, der Hornklee, den Insekten reichlich Nektar anbietet. Und die sind wieder da.

Kurz gesagt: Unsere re-naturierte Insel funktioniert, und ist sowas von pflegeleicht! Aber irgendwer muss nun für Regen sorgen. Oder soll ich das auch noch übernehmen?