Ein Liebesbrief

Im Jahr 1811 schrieb die an
Krebs erkrankte Henriette Vogel
an ihren Freund Heinrich von Kleist,
( Dramatiker und Lyriker )
einen Liebesbrief, bevor beide
am Kleinen Wannsee in Berlin
Selbstmord begingen:
 
„Mein Hyazinthenbeet,
 mein armer, kranker Heinrich,
mein zartes, weißes Lämmchen,
meine Himmelspforte.
Meine Dornenkrone,
meine tausend Wunderwerke,
mein Lehrer und mein Schüler,
wie über alles Gedachte
und zu Erdenkende
lieb ich dich.
Meine Seele sollst du haben.“

Epitaph:
 
„Er suchte, sang und litt
in trüber, schwerer Zeit.
Er suchte hier den Tod
und fand Unsterblichkeit.“

Stille Wasser

Nichts ist so rätselhaft
wie die Stillen,
die Frauen, die verschlossen
und geheimnisvoll
in unser Leben treten,
nur anwesend sind und leise.
Ihr Lächeln deutet an,
es gäbe keine Mauer,
keine Gitter gegen die Welt,
nur Aufmerksamkeit
und sittsame Teilhabe
am bunten Leben.

Wohl dem, der den Schlüssel findet
zur Seele einer Stillen.
Sie lässt sich öffnen, und
der Betrachter wird überwältigt
im eigenen Erleben.
Ein Feuer scheint entzündet
und breitet sich rasch aus,
beherrscht die Szene
und ist kaum zu ertragen.
Die Wärme erreicht die eigene Seele,
und manchmal entwickelt sich unbemerkt,
was nach Vollendung
Liebe genannt wird.