Metamorph, oder was?

Es ist schon ein Glücksfall, wenn man zuschauen kann, wie aus einem Kokon ein bunter Schmetterling schlüpft. Wie alle metamorphen Vorgänge in der Natur ist seine Verwandlung vom Kriech- zum Flugtier ein wunderbarer Schöpfungsakt. Und es keimen Gedanken auf wie „ ….. wenn wir Menschen die gleiche Fähigkeit …..“ – man nennt das dann wohl reines Wunschdenken. Nein, die Krone der Schöpfung altert ohne Metabolie still vor sich hin. Nur gelegentlich, und aus besonderem Anlass entwickelt sich beim Menschen eine – wenngleich sehr spezielle – Umgestaltung. Dabei sind Körper und Geist gefordert. Unzählige Menschen sind betroffen, spüren die Dramatik, und benennen den Prozess salopp mit einer allfälligen Floskel: „Ich werd‘ halt alt.“

Ich werde konkreter. Eben noch voll im Saft und einigermassen selbstbewusst, haut es Dir die Beine weg. Du nimmst die Hilfe dankbar an, und schliesslich stellt man Dich wieder auf die Füsse.

Nun stellst Du fest, dass Dich Deine Beine nicht mehr tragen mögen. Rasch machst Du eine ideelle Anleihe bei den Seeleuten, die „Eine Hand für den Mann, eine Hand fürs Schiff!“ auswendig gelernt und in die alltägliche Praxis umgesetzt haben. Nur: Schiff ist nicht. Aber jede Menge andere Objekte zum Festhalten. Und so bewegst Du Dich greisenhaft in Deinem kleinen Reich, jedoch nur, wenns unbedingt sein muss. Ein Schreibtischsessel ist ein sicherer Hafen.

Plötzlich kommt ein Ereignis über Dich, das die Metamorphose, welche längst unbemerkt begann, endlich abschliesst. Es sind drei triviale Gegenstände, die Dir den Rest geben. Es sind Rollator, langstielige Greifzange und Hausnotruf. Ich kriege diese drei Sachen heute angeliefert, und bin damit auch mental umgestellt auf „gebrechlicher alter Mann“. Der adulte Schmetterling flattert davon und sorgt für die Erhaltung seiner Art. Ich dagegen greife zum Rollator, und ich weiss: Vorne, auf der Sitzfläche hockt Gevatter Tod und rollt mit – so lange es ihm gefällt. Irgendwann löscht er die Lichter, und um die Ecke, im Nirwana wartet man schon auf mich. Zumindest Ben, unser Berner Sennhund. Und der kann sich freuen – das muss man gesehen haben!