Italienisch

Ich wollt´, ich wär´ein Trüffelschwein,

dann zög´ich mir ´n Trüffel rein

wie´n Kinderkopf so gross.

Statt dessen bin ich dünn und klein,

schwimme umher in rotem Wein

als Bratenstück mit Soss´.

Dieser dämliche Vers ist mir gestern nacht im Bett eingefallen. Nach der Soss´ bin ich direkt hinübergeglitten – in Morpheus´ Arme. Und heute morgen war er wieder da, der Vers (nicht der Morpheus). Ich glaube, das hat etwas zu bedeuten. Vermutlich ist es schon wieder viel zu lange her, seit ich die Toscana besuchte. Siena lockt!

 

Menschen in ihrer Hölle (Tatsachenbericht)

Man sollte meinen, die folgende Story hätte längst einen guten Abschluss gefunden, müsste aufgearbeitet und ad acta gelegt sein, aber nein. Eine höhere Instanz hat anders entschieden. Der Zeitpunkt für den Schlusstrich wird anderweitig bestimmt. Das Erleben von Menschen in grosser Not beeindruckt sehr nachhaltig.  

Man hatte mir ein Urteil verkündet, daraus folgend war die „Umbettung“ aus einer Privatklinik in ein Hamburgisches Krankenhaus entschieden worden. Die befristete Aufbewahrung im Fachbereich Onkologie, zurückhaltend „Lungenabteilung“ genannt, wurde ohne Befragung des Betroffenen eingeleitet.

Der Grund: In der Onkologie wird dauernd gestorben, da passt der Patient hin. (O-Ton 2 Ärzte)  

Man stelle sich den Umzug aus einem Hotel der INTERCONTI-Klasse in einen Knast der Santa-Fu-Klasse vor. So jedenfalls habe ich den Klinikwechsel wahrgenommen. Dieser Abstieg in eine kleine Hölle hatte 24 Stunden ungläubiges Schweigen zur Folge. Erst dann war der Schock überstanden, Galgenhumor gewann schliesslich wieder die Oberhand. Neugierde breitete sich aus wie eine Seuche; immerhin war zu klären, wo verdammt noch mal ich angespült worden bin. Die Inventur dauerte einige Tage an. Die Resultate waren beeindruckend.  

Ich setze hilfsweise ein Modell an, wenn Sie wollen, nennen Sie es ein Bild: Ich war zu drei Wochen in Ihrer Abteilung verurteilt. Fragte man mich heute, wo ich hinmöchte, dann sagte ich: Drei Wochen Knast sind besser!  

Dort sind die Flure sauber und aufgeräumt. In der Klinik dagegen sind die Flure sauber – und Lagerplatz für allerlei Mobiliar, medizinische Gerätschaften sowie volle und leere Kartons; in dieser bizarren Szenerie bewegen sich behende die Weissgewandeten, und träge die Bunten – deren Pyjamas, Jogginganzüge und Bademäntel bringen immerhin Farbe in die Düsternis. Man versteht zunächst nicht, was Farbe an diesem tristen Ort zu suchen hat.

Im Knast hat man sein eigenes Klo in der Zelle. In der Klinik liegt die Gemeinschaftstoilette am Flurende, mit zwei Kabinen, für ca. 35 Patienten, und diese sind stets in einem unbeschreiblichen Zustand.  

Immerhin gibt es einen Aufenthaltsraum, sogar mit TV. Resopal und Sperrholz beherrschen das Zimmer, Zeitungsreste und verwelkte Blumensträusse komplet-tieren das Interieur – Benutzer fehlen meist. Man trifft sie dort zuverlässig nur am Samstagabend – der Sportschau wegen. Zu jeder anderen Zeit sitzt man hier etwa so gerne wie etwa auf einem Pappnagel.  

Die Krankenzimmer halten keinem Vergleich mit einer Knastzelle stand, hat dort doch der Insasse die Möglichkeit indiviueller Ausgestaltung. Eine Zwei-Personen-Zelle ist mit zwei Personen belegt, und alles hat seine Ordnung. Nicht so in der Klinik. Ein Zwei-Personen-Zimmer ist planmässig mit drei, gelegentlich mit vier Betten ausgestattet. Kompromisse sind vonnöten; der Tisch muss raus (natürlich auf den Flur), die Stühle werden in die Ecken gestellt, die Betten längs an die Wände links und rechts gerückt, und siehe – schon passt´s. Nur mit der Optik hapert es wieder einmal, es sieht halt aus wie in einem Möbellager, in dem sich Jammergestalten unrecht mässig breitgemacht haben. Immerhin bleibt Platz für die unsäglichen blechernen Beistellschränkchen und 30er Spinde.  

Bei der Waschgelegenheit hat man den Charme der zwanziger Jahre über ein Dreiviertel-Jahrhundert in die Gegenwart hinübergerettet. Es gibt ein Waschbecken mit Vorhang, und zwei Handtuchhaken für drei bis vier Patienten.  

Spätestens an diesem Punkt fragt man sich, auf welche Weise die Freie und Hansestadt Hamburg einen täglichen Pflegesatz von 486 Mark rechtfertigen würde, könnte man einen Verantwortlichen dazu befragen. Wichtig zu wissen: Der Pflegesatz entspricht dem Preis für die Vollpension in Hotels; medizinische Leistungen jeglicher Art werden gesondert, also zusätzlich abgerechnet.  

Natürlich sind die Planstellen für Ärzte und Pflegekräfte zu knapp bemessen. Ein Streik im öffentlichen Dienst verschärft die Situation auf der Station, Nervosität ist ständiger Begleiter der Weisskittel. Die Behandlung der Patienten ist effizient und sachlich – und auf den Krebs gerichtet. Was sich um das Karzinom herum befindet, bleibt so lange Nebensache, bis die Chemo ihre verheerende Wirkung auf den Rest des Körpers auszuüben beginnt – man nennt das dann Nebenwirkungen.

Die seelische Not bleibt des Kranken Privatangelegenheit, ist störend und überfluessig. „Lassen Sie sich nicht so hängen! Sooo werden Sie nie gesund!“.  

Das Küchenpersonal bietet, was Ärzte und Pflegepersonal vermissen lassen, nämlich Warmherzigkeit und Fürsorge. So geraten die Mahlzeiten zu wirklichen Highlights des Tages.  

Merkwürdigkeit:

Fraglos ist das Rauchen verboten. Aber es wird ausserhalb des Gebäudes geduldet. So vereinen sich die Karzinome mit den Tuberkulosen und den Verpilzten zu einem Tabak-Kolloquium – die Atem- masken abgelegt – und nötigen dem Neuling Staunen ab über die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Eigentümer erkrankter Lungen ihre Organe soliden Härtetests unterziehen.  

Zusammengefasst:

Das also ist das Umfeld, in dem man gesund werden, oder sterben soll. Man – das sind mehrheitlich die Lungenkrebse, die offenen Tuberkulosen und Lungenmykosen. Und das bin ich, ein Unikat. Wie selbstverständlich werde ich in die Gruppe der Krebskranken integriert, es wird meine Kranken-geschichte abgefragt, mit Aha und Achso kommentiert. Beinahe peinlich, bekennen zu müssen, dass kein Krebs vorliegt, keine OP, keine Chemo- oder Strahlentherapie ansteht. Frage: „Ja sach man! Was machst Du dann hier?“ Antwort: „Mal sehen. Vielleicht sterben, vielleicht leben.“ Man will ja auch ein bisschen prahlen ….. dann der Ruck: „Wieder auf die Füsse kommen!“

Kommentar eines Lungenkrebses: „Tja!“  

Statistik: Bronchialkarzinom – Letalitaet 90 % in den ersten 5 Jahren.  

Die Patienten:  

Sie treffen sich auf der Krebsstation und ordnen sich in der Regel problemlos in eine Gruppe ein, die herkömmliche Schranken ignoriert, ohne andere zu entwickeln. Der Krebs verbindet – und es interessiert nicht mehr, woher man kommt, und welche Automarke man fährt. In Notgemeinschaften gelten bessere Regeln als in der Überfluss-Gesellschaft draussen – vor allem anderen ist jeder ein Mit-Leidender, der Respekt und Zuwendung verdient. Und es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass man mitfühlt. Alte Bekannte werden zur dritten Chemo so herzlich begrüsst, dass es anrührt. Derbe Witze über den erbärmlichen Zustand des gerade Angekommenen verdecken Erschrecken und das Aufkommen von Angst. Überdies wird stets Zuversicht zur Schau getragen. Durch Versachlichung des Sterbens wird die Drohung auf Distanz gehalten. Es braucht seine Zeit, bis man den Zweck der Methode begreift: Sie lässt es immerhin zu, den Rest der Lebenszeit in Würde leben zu können.  

Begegnungen, eine Auswahl:  

Merkwuerdig, dass ausgerechnet Herr M. – gestraft mit Alters-Demenz – auf eindrucksvolle Weise Würde demonstrierte. Nach seiner Ankunft hatte man ihn in einen gestreiften Pyjama gesteckt. Er hat täglich Ausbruchsversuche inszeniert, indem er sich ankleidete, nicht ohne seine Krawatte mit einem korrekten Windsor-Knoten zu binden, seinen Koffer ordentlich zu packen, den Stockschirm unter den Koffergurt zu schieben, um dann mit der Erklärung, seit heute sei Krieg und er müsse nach Deutschland zurück, Richtung Taxistand beim Krankenhauspförtner   zu verschwinden. Am dritten Tag war er für immer weg; er ist krebskrank in einer Psychiatrie gelandet. Man hat einem Menschen seine Würde gewaltsam genommen, ihm verweigert, sein eigenes, skurriles Leben bis zum nahen Ende weiterzuleben. Die Welt, in der er lebt(e?), ist uns fremd. Das schafft Akzeptanzprobleme. Denkwürdig: Auch bei den weissbekittelten Medizin-Robotern. Es scheint, die Medizin dient nicht dem Patienten, sondern der Patient ist für die Medizin da. Jeder Fall ist interessant, bringt die Schulmedizin voran. Nur: Von Dementen ist nichts zu holen.  

Zur selben Zeit stirbt nebenan ein Türke, Herr G. Familie und Freunde versammelten sich in jener Nacht, um Herrn G. das letzte Stückchen Weges zu begleiten. Es war zu vermuten, dass er nicht mehr in der Lage war, die Anwesenheit seiner Familie wahrzunehmen. Am frühen Morgen waren Herr G. tot und seine Familie gegangen. Über den Vormittag hinweg herrschte auf dem Flur betroffenes Schweigen.  

Kurz vor dem Mittagessen erschien krakeelend Herr S. Er schleppte seinen durch Metastasen gepeinigten Körper anhand zweier Gehhilfen, Krücken genannt, über den Flur zum hinteren Fenster, dem „Kommunikationszentrum“ der Abteilung. „Ich hole mir nun die 4. Chemo ab!“, verkündete er, und legte eine Zuversicht an den Tag, die in totalem Gegensatz zu seiner körperlichen Verfassung stand. Offenkundig war er ein Platzhirsch, wurde als solcher respektiert, und hatte einen Stammplatz direkt am Fenster. Ein Vieraugen-Gespräch liess erkennen, wie fragil die zur Schau getragene Fassade doch war. Herr S. hatte sein Leben „abgehakt“, er wartete auf das Ende.  

Herrn A., einem Türken, verengt ein Karzinom jene Aorta, die den Kopf versorgt. Die Onkologen schienen ratlos, der Mann verlor täglich ein kleines Stückchen Leben. Der Mann war mein Bettnachbar.

Ein grosser Esser vor dem Herrn, verdrückte er seine Klinik-Ration und zusätzlich Berge von Essen, die seine Frau ihm kochte – türkische Küche natürlich. Frau A. schien gänzlich in ihrer muslimisch empfundenen Rolle als Frau gefangen zu sein. Nur einmal hat sie mir in die Augen gesehen, als sie eine Essensration brachte und ihren Mann nicht in seinem Bett vorfand. Mit Panik schaute sie mich an und fragte  leise: „Wo Mann?“.

Seltsam, dass diese Szene so sehr betroffen machte. Wie auch jene, als Herrn A.´s Sohn mit seinen Kindern erschien, um seinen Papa mit Enkeln und mit Mama zu fotografieren. Zu mir gewandt bemerkte der junge Mann, es wäre schon komisch, dass er ins Krankenhaus gehen müsste , um seinen Papa zu fotografieren, anstatt die Familie zu Hause abzulichten. Ich kann sein lachendes Gesicht mit den traurigen Augen nicht vergessen …..

Herr A. berichtete zuverlässig, wer ihn gerade besucht hatte. Es schienen alle Mitglieder seiner Familie, seine Verwandten und seine Freunde und Arbeitskollegen gekommen zu sein. Gewiss nahmen sie Abschied; zuvor hatte man ein Gespräch mit den Ärzten geführt und erfahren, dass man nichts mehr tun könne.  

Da war auch Herr R., ein Hamburger Rentner, der nach einer harten Chemo den Kern seines Karzinoms nicht losgeworden ist. Noch während das Ärztekollegium über eine erweiterte Chemo, einen Crossover beriet, entdeckte man auf der anderen Lungenseite eine Metastase. Seine Ehefrau sass, während er zu einer Untersuchung abkommandiert war, in meiner Nähe und weinte, fragte ausgerechnet mich, was sie nun tun sollte. Mir war danach zumute, mitzuweinen. Ich habe den Tag verflucht, an dem man mich in diese Abteilung gesteckt hatte.  

Wenige Tage später traf man auf dem Flur auf einen weinenden jungen Mann, der gerade angekommen war und sich weigerte, seine Strassenkleidung abzulegen. Bei einer Routine-Untersuchung hatte man einen Krebs auf der Lunge entdeckt. Er schien nicht zu begreifen, warum er hier war, warum ihm dieses Übel widerfahren ist, und warum seine Frau noch nicht gekommen war. Tage zuvor war er zum ersten Mal Vater geworden. Meine Versuche, ihn zu trösten, ihm Mut zu machen, ihm zu erklären, blieben erfolglos.  

Man beginnt, den Krebs zu hassen, wie man seinen schlimmsten Feind hasst – ein Alarmsignal: Zu geringe Distanz, so kann man die restliche Zeit nicht ohne Schaden überstehen.  

Das Schicksal ist gnädig – es schickte auch Herrn S. Nummer zwo. Gediegener Hamburger, im Rentenalter, leidenschaftlicher Schlepper-Kapitän und Optimist der Spitzenklasse.  „Een Lungenfleugel is rut! Nu ward das allns gaut!“ Seine OP hatte er weggesteckt wie´n Schnöf, und nun war wieder leben angesagt. Als ich ihm meine Affinität zur Schiffahrt offenbarte, hat er mir einen – wie mir schien ziemlich kompletten – Lehrgang zur Antriebstechnik für Hafenschlepper verpasst, interessant dargestellt, und vergnüglich obendrein. Wo immer er sein möge: Danke für alles, Kaptein!  

Irgendwann – die Uhr dreht sich halt unaufhaltsam – war meine Zeit um. Ich wechselte in ein anderes Universum. Der ersten Freude folgte Verwunderung, dann Wiedererkennen: Oh!. Die gibt es ja auch noch, die Welt draussen. Nichts vom Sommer mitgekriegt, aber es wird sicher einen neuen geben, nächstes Jahr! Aber halt nicht für jeden ….. von uns ….. Scheisse!  

Polemik:

Möchtest Du erfahren, welchen Wert ein Menschen-leben hat? Dann sprich mit Todkranken über Leben, Krankheit und den Tod, höre genau zu, und achte auch auf das Ungesagte. Höre aber nie auf Leute, die ein „sozialverträgliches Ableben“ Kranker als Teil einer Reform des Gesundheitswesens empfehlen; ehrlich formuliert lautet ihre Botschaft nämlich:  

Lasst sie sterben, das spart!  

Asoziales Verhalten ist weniger bei den Berbern auf der Platte zu entdecken, aber man findet es weitverbreitet in den Chef-Etagen. Auch bei der Bundesärztekammer. Dort ist anscheinend der Hippokratische Eid zur Beliebigkeit degeneriert.  

Alles nicht wahr? Ich bin nur ein kleiner, dummer Patient? Einer von den Nörglern, die alles wissen, schlimmer, die verstehen wollen? Korrekt. Das bin ich. Gott sei Dank.

Kein PC im Haus?

Also, ich weiss nicht, wie es Dir ergeht, wenn Du an Deinem Computer beschäftigt bist. Wie bitte? Du benutzt keinen Computer? Das gibt es einfach nicht. Erst mal mach Deine Elektrogeräte alle auf, und schau nach, was drinsteckt. Computer. Schau unter den grossen Deckel Deines Autos: Computer! Klapp zur Sicherheit Dein belegtes Brötchen auf – man weiss nie!

Im Ernst: Kein PC? Schreiben mit der Hand am Arm? Spell checking per Hirn, und einen Thesaurus im Kopf? Hut ab – das nenne ich originell. Und wie hältst Du es dann mit dem Rest der häuslichen Technik? Waschmaschine? Staubsauger? Fernseher? Deine Kuh von Hand melken? Ach, Du hast keine – das ist was anderes. Normalerweise ruft der Bauer den Futterplan für jede Kuh einzeln ab, und Futterautomaten zählen dem Rindvieh die Maiskörner vor bis auf das letzte Stück! Wenn im Stall jedes Stück Vieh einen Namen trägt, dann nicht, damit man mit ihm eine gepflegte Konversation führen kann, sondern weil der Computer Namen benötigt. In den Kabelkisten hat alles einen Namen! Auch wenn Fachleute dann file name, field name oder name dazu sagen. Den Dialog mit der Kuh Marie kannst Du vergessen. Statt dessen darfst Du Dich mit dem Computer unterhalten, vielmehr mit einer Software namens Super!milch – das Fütterprogramm für die glückliche Kuh! Und wenn der bäuerliche Computer dann auf einen schweren Ausnahmefehler brummt und der Hotliner schon wieder zum Arzt musste, ja dann wird die Kuh halt hungern müssen! Dann wird sie nach ihrem Kraftfutter brüllen, keinen an ihren Euter ranlassen, und der Bauer steht ratlos davor und weiss nichts, schmeisst in seiner Verzeiflung eine Schaufel Trockenfutter in den Trog, aber Marie brüllt vor Zorn, weil sie das nicht kennt, so nicht, das Zeug aus dem Futterautomaten sieht ganz anders aus, und der Bauer frisst auch keine ungekochten Nudeln, nur weil die Wasserwerke streiken, dann setzt er sich ans System und schaltet aus. Sofortige Rebellion im Kuhstall. Jetzt hat er alle Rindviecher gegen sich, weil die Biester denken, nun gäbe es nichts mehr zu fressen. Einschalten. Der Monitor spendet das vertraute grüne Licht, die Kühe stehen still in ihren Boxen, käuen wieder. Plötzlich rasselndes Geräusch. Der Bauer dreht sich entnervt um, und schaut ungläubig zu, wie Marie unvermutet gefüttert wird. Keiner weiss warum. Natürlich brüllt sie weiter, aber der Bauer behält nun die Oberhand. Sie will endlich gemolken werden, weil ihr mittlerweile das Monster-Euter höllisch wehtut. Und während der Durchflusszähler leise vor sich hinrödelt und schliesslich 27 Liter Frischmilch der Marke „Marie“ anzeigt, kommt der Bauer doch noch zum Nachdenken. Nimmt sich vor, den Computer rauszuschmeissen, und, um eine erneute Rebellion seiner Milchbrigade zu verhindern, nur den Bildschirm weiterleuchten zu lassen. Hauptsache grün. Und füttern wie früher. Mit den Tieren reden, ihnen die Schlager aus dem Jahr 1965 vorsummen, ein wenig kraulen – und wenn die Kuh leer ist, eine ordentliche Wurst draus machen lassen. Die Kabelkiste schenkt er seinem 12jährigen Neffen, der hat noch bessere Nerven.

Vom Älterwerden

Ich muss den Tatsachen ins trübe Auge sehen, und gestehe: Auch ich werde älter.  Nun ist es raus. Aber die Zeichen mehren sich nun mal. Andere bemerkten früher als ich verräterische Spuren im Gesicht und anderswo. Ich selbst bin da in gewisser Weise behindert. Fast ausschliesslich beim Rasieren stehe ich vor dem Spiegel, dann natürlich ohne Brille, sodass ich die Verwüstungen, die die Jahre in meinem Antlitz angerichtet haben, nicht wahrnehme. Lediglich die Waage spricht zu mir eine deutliche Sprache: Du wirst immer dicker, Alter. Du bewegst Dich zu wenig, Alter! Du isst mehr, als Du in Deinem Alter benötigst, Alter! Früher befand sich Dein Bauch am Bauch, heute unterhalb, Alter! Früher warst Du 30, jetzt bist Du 79, Alter! Früher warst Du 187 cm gross, heute noch 185, Alter! Aber 187 um die Taille, Alter!

Eigenartig, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, einmal pro Woche auf diese Waage zu steigen – ausser vielleicht dem einen: Sie macht jeden um 4 kg leichter, als er tatsächlich wiegt. Sie verkauft eine Illusion. Leider spricht sie zu mir eine realistische Sprache, so oft ich die Illusion suche. Dumm, dass ich das Delta kenne.

Jener Teil von mir, jener junge Mann, der ich gestern noch zu sein glaubte, hat vor Jahrzehnten gelebt, war gestern eine Illusion, und er ist heute  eine Erinnerung. (Da muss man erst mal draufkommen!) Eine gute Fee meint: Mache es Dir endlich bequem, denke nach, und dann beginne,  Dein Leben auf behutsame Weise in eine neue Richtung zu lenken. Du hast alle Zeit der Welt – und die ist zu knapp zum Verzocken!

 

Die Welt

Redet man über DIE WELT, dann … also … über – hmmm.  Die Herkunft dieses Begriffs WELT ist zumindest jenen klar, die althochdeutsch parlieren können. „Weralt“ meint bekanntlich Menschenalter, Menschenzeit. Hast Du nicht gewusst? Nun, ich auch nicht. Gut, dass ich lesen gelernt habe. Wie man vor dem 6. Jahrhundert die Welt genannt hat, liegt jedoch im Dunkeln. Egal, man hat einen Aufhänger, an dem man festmachen und in logischen Gedankengängen eine Definition entwickeln kann, die schlussendlich in der Science fiction ihre letzte Erklärung finden mag, und man ist anschliessend in der Lage, der 96jährigen Tante die Heimat von E.T. plausibel zu machen.

Oder man macht in der Astrophysik fest, wenn es denn dort unbedingt sein muss, am besten irgendwo in der Nähe von Stephen Hawkins, der in jener Sphäre lebt und arbeitet, auch wenn er nun in Ermangelung weiterer Erklärungsmodelle über die Philosophie auf die Theologie zurückgreift, was sein Weltbild etwa so griffig macht wie einen Viertelliter Senf, oder man landet direkt in der Philosophie und versinkt in ihr, denn wer von den Weltendenkern hat nicht schon seinen Senf dazugegeben, nämlich praktisch alles, was Rang und Namen hat, hat gedacht, kommentiert oder kritisiert – was und wie auch immer.

Was also ist die WELT?

Die Welt ist die Gesamtheit der wirklichen Dinge im erkennbaren All. (aus der Kosmologie)

Die Welt als beseeltes Wesen (Philosophie der Antike), oder

Die Welt als goettliche Schoepfung. (Christliche Philosophie des Mittelalters)

Die Welt ist die absolute Totalität des Inbegriffs existierender Dinge. (Kant, Erkenntnistheorie)

Phänomenologisch: Sie ist der Horizont der Erfahrung (Husserl, kenn ich nicht), die Ganzheit der Welt ist als der offene Horizont der Raum-Zeitlichkeit zu begreifen.

In Weiterfuehrung der Kant’schen transzendentalen und phänomenologischen Bestimmung von WELT ist sie die Allheit der Dinge begründenden ontologischen Kategorie als Charakter des Daseins, als Verstehenshorizont für das Seiende sowie für den Menschen, und zudem Entwurf des eigenen Seinkönnens, d. h. Welt ist die Ganzheit der Seinsmöglichkeit des Daseins (Martin Heidegger).

Hast Du auch alles mitbekommen? Ich gestatte mir ein Grinsen – Wahrlich: Das ist Kost für die Eisenfresser.

Phrasen dreschen

Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht, zur Praxis des Sprücheklopfens Stellung zu nehmen, zu einer  Unart, die man auch mit Phrasendrescherei bezeichnet.

Stellung beziehen zur Phrasendrescherei? Denk nach, mein Freund. Was sollte wohl dabei herauskommen? Kann man jemandem, oder gar sich selbst  diese Unsitte abgewöhnen? Lächerlich. Das Sprücheklopfen unterlassen? Ja dann bin ich doch nur noch ein halber Hans Otto! Phrasen sind schliesslich so etwas wie die Sättigungsbeilage, wie man in der ehemaligen DDR Kartoffeln, Reis und Nudeln bezeichnete, jener Stoff also, mit dem man ein ernsthaftes Gespräch anreichert, nur um Volumen zu erzielen!

Ein Redner, ich meine einen Profi am Mikro, redet 2 Stunden lang; wenn er den Inhalt seines Vortrags auf die reine Substanz eindampft –  sinnigerweise reden Köche vom Reduzieren der Kochflüssigkeit, um mehr Geschmack z. B. an die Sosse zu bekommen –  wenn also der Redner eindampfen würde, blieben acht bis zehn Sätze übrig, die angesagt drei bis vier Minuten erforderten, dann wüsste jeder Bescheid, und alle könnten rascher ans Kalte Buffet gelangen. Aber: Wie armselig stünde der Redner hinter seinem Pult,  müsste sich fragen lassen, wofür er ein solches Pracht-Honorar kassiert. Und er würde sofort erkennen, dass er nicht für die Essenz bezahlt wird, sondern für den Verdünner – farblos, ohne Geschmack, und an jedem Wasserhahn für den Bruchteil eines Cents zu haben.

Gewiss: Ohne Substanz ist eine Rede, eine Unterhaltung nicht auszuhalten; die Protagonisten setzen sich der Lächerlichkeit aus.

Das ist, wie man weiss, noch kein Hinderungsgrund – substanzlose Reden sind an der Tagesordnung, denn wer etwas sagen muss, obwohl er nichts zu sagen hat, der kann nur noch zu diesem merkwürdigen Verhalten Zuflucht suchen. Wohl dem, der für anderes gebraucht wird – bei ihm übt man Nachsicht. Wohl dem, der Macht besitzt – er wird gefürchtet und bleibt verschont. Aber wehe der Randfigur, die mitlaufend sich aufzuplustern versucht, um damit nach Anerkennung und Aufwertung zu fischen – solche Bedauernswerte sind Hohn und Spott ausgesetzt – Zombies ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Also noch mal von vorne. Warum sich über Dampfplauderer auslassen? Möglicherweise schärft man damit den eigenen Blick zum Erkennen der Rattenfänger in unserer Gesellschaft, und damit auch der solideren Gattung, die redlich sich bemüht …

Zeit

Der Faktor Zeit hat in unserem Leben einen extrem hohen Stellenwert. Schliesslich sagt man, Zeit sei Geld! Nur ….. was ist das eigentlich, ZEIT? Der Versuch einer Erklärung führt uns bei einem angemessenen Mass an Gründlichkeit unversehens und unvermeidbar in die Kosmologie.

Man stelle sich ein Universum vor, in dem nichts, aber auch garnichts existiert ausser einem riesigen Stein. Niemand kennt dieses unbelebte Universum. Niemand weiss irgendetwas über seine Entstehung. Es war immer da, und es wird immer existieren. Es ist ewig. Dort existiert Zeit, aber fliesst sie? Meine Antwort lautet:

Keine Ahnung. Aber was soll dort schon fliessen?

Eine andere Betrachtung: Ein Raumkoerper hat 3 Dimensionen. Kein Mensch käme auf die Idee, dass eine der drei Dimensionen fliessen könnte. Nun sprechen einige mathematische Beziehungen dafür, dass eine vierte Dimension existiert, kurz „die Zeit“ genannt. Sie zeigt genauso wenig Bewegung wie die Dimensionen 1 bis 3. Ausdehnungen fliessen nicht. Sie sind.

Hat ein Kreis Anfang und Ende?

Wenn Zeit vergangen ist, haben wir ein Stück davon hinter uns gelassen. Wie bei der Bewegung über eine Strasse ein Stück des Wegs hinter uns bleibt. Aber die Strasse fliesst nicht …..

Sir Isaac Newton formulierte bereits vor 300 Jahren, Zeit erstrecke sich aus einer endlosen Vergangenheit in eine endlose Zukunft. Meinte er einen Zeit-Kreis? Er beschrieb damit jedenfalls seine Vorstellung von Ewigkeit in seinem physikalischen Weltbild.

Mit der modernen Theorie vom Urknall verbindet sich die Vermutung, die Zeit begänne mit dieser spektakulären Geburt eines Universums. Folglich endet sie mit dessen Kollabieren.

Was aber, wenn Newton recht hatte? Man schliesse die Augen und stelle sich das folgende Modell vor:

Die Zeit ist invariant. Sie ist also eine Konstante und wird mit dem Begriff EWIGKEIT begreifbar. Nun geschehen an verschiedenen Stellen der Zeit Ereignisse. Beispielsweise wird ein Universum geboren. Big bang! Dieses Universum hat seine eigene Zeitausdehnung. Entlang dieser geschehen weitere Ereignisse. Und jedes dieser Events trägt den Charakter eines Universums – mit eigener zeitlicher Dimension. Und in jedem jener Universen geschehen Events, und so weiter, wie z. B.  meine Autofahrt nach Hamburg und zurück (Event in meinem eigenen Universum!) bis hinein in die Prozesse, wie sie in der Struktur von Atomen ablaufen.

In der Kosmologie spricht man heute von Multiversum, errechnet Hyperräume mit 6 Dimensionen; ich finde, das eben skizzierte Modell ist dagegen schon noch begreifbar. Zeit und Ereignisse sind wie Faden und Perlen, wobei in jeder Perle wiederum andersartige, aber gleich strukturierte Perlenketten existieren, in deren Perlen wiederum gleichartige Strukturen zu finden sind, und so fort.

Der Zeitfluss ist nützliche, eine Erfindung genialer Menschen. Uhren messen in Zeiteinheiten nicht die Zeit, sondern die Dauer von Prozessen. Ausschliesslicher Zweck ist es, zu organisieren, indem  messbare Grössen definiert sind.

In unserem eigenen Universum geschehen unentwegt unendlich viele Ereignisse. Bewege ich meine Hand vom Keyboard zur Nase, dann ist der Faktor Zeitmenge gewiss irrelevant. Doch das ist er sehr wohl, sobald ich eine Reise nach Südafrika antreten möchte.

In diesem Beispiel existiert ein Event „Reise planen“ und ein Event „Reisen“. Dazwischen existiert eine Wartezeit. Wir messen Planzeit, Wartezeit und Reisezeit mit unseren Uhren.Nichts fliesst. Es laufen Prozesse ab mit einer messbaren Prozessdauer.

Wenn wir den Zeitfluss wahrzunehmen glauben, dann unterliegen wir wohl einer Sinnestäuschung. Tatsäch-lich leitet sich die Bewegung aus der Wahrnehmung einer Vielzahl von Prozessen mit begrenzter Dauer ab ….. wie jenes: Ein Auto taucht auf, faehrt vorbei und verschwindet wieder. Gleichzeitig hat ….. usw.

Unser „Zeitgefuehl“ resultiert aus der Messung der Prozess-Dauer – und der dabei gewonnenen Erfahrung (im Sinne des Erfahrens von Prozessverlaeufen). Zwischen den dynamischen Prozessen herrscht Statik …. Ewigkeit.

Eine Fliege erlebt Gleiches, wenn auch in sehr beschraenkter Form. Sicherlich ist ihr die Erfindung der fliessenden Zeit gleichgueltig, und sie ist fuer andere menschliche Erfindungen empfaenglicher, etwa die des Doppel-Whoppers bei McDonalds.

Soweit mein Ping, mein Statement zum Thema ZEIT, meine eigene String-Theorie sozusagen, gerade noch brauchbar als pseudowissenschaftliche Grundlage für einen Science fiction-Roman, den zu schreiben mir leider die Fähigkeiten fehlen.

Im Park

Das Leben ist wie …..  tja, wie was? Gängiges Klischee einsetzen? Wäre Blödsinn, dann versteht keiner, was gemeint ist. Ich erzähle eh nicht, wie das Leben ist. Kenne ohnehin nur mein eigenes. Es gibt Hauptsachen, Nebensachen, Ursachen. So Sachen halt. Ich denke, also lebe ich. Das wäre eine Hauptsache. Ich bin. Bin Laden. Oh, san ma? Naaa , san mir net! Wortspiele – Nebensache. Ich sitze auf einer Parkbank – Hauptsache. Nebenan knötet ein Hund – Ursache. Es riecht nicht gut – Nebensache.

Ich blicke. Das langt nicht hin. Ich blicke sinnig. Andere mögen sagen, ich blicke blödsinnig. Auch gut, weil beides richtig sein kann. Blöde wär zu definieren. Ist was für die anderen. Ich kann das jetzt nicht. Keine Zeit. Bin zu sehr mir nichts beschäftigt.

Da gibt es das durchaus vergleichbare Riesenproblem der Definition für „normal“. Ja, ich weiss auch, was normal ist, und was nicht. Jeder weiss das, hat es mit der Muttermilch eingesogen. Nur Milupa-Kinder können da nicht mithalten. Schweres Leben, wenn Mama keine Milch hatte.

Empirisch betrachtet ist für Normale das Blöde unnormal, das Normale wiederum ist für Blöde unnormal, während sie das Blöde als normal bezeichnen, und Normale finden tatsächlich das Normale als normal, und das Blöde für blöd. Die Frage nach dem anormal könnte ich hier reinfriggeln, lasse ich jedoch offen.

Ordnungssysteme dieser Art lassen sich für jedes andere Gegensatzpaar rein subjektiver Klassifizierung durchdeklinieren, siehe  Sinn und Unsinn, moralisch und amoralisch beispielsweise. Normal – anormal – paranormal – ja, ich werde den Begriff paranormal an die Stelle von blöde setzen. Das ist zwar definitiv falsch, aber es hört sich gut an, und kaum einer weiss, was paranormal wirklich meint.

Überträgt man das Prinzip ins Gegenständliche, so lässt sich der Blödsinn steigern: Definiere Kraut und Unkraut! Oder noch eins drauf: Definiere Kosten und Unkosten! Oder gar Fug und Unfug!

Jawohl, es bringt mir Freude, Sprache wie ein Gummiband zu benutzen, Verzerrungen zu produzie-ren, dann wieder loszulassen, zu hören, wie es patscht, wenn  ernsthafte Linguisten sich erregen, den Missbrauch eines hohen Kulturguts beklagen, Unernstes mit Ernstem verwechseln und die Verballhornung durch Computer-Kauderwelsch (Ich maile, Du mailst, er mailt …. ) gleichsetzen mit dem berühmten AKÜFI (tut mir leid, meint Abkürzungs-fimmel), dem Durchseuchen des Deutschen mit Anglizismen, der sprachlichen Präferenz neo-linguistischer Parvenues für extraordinäre Expres-sionen, Himmel nein, ich meine hierbei keineswegs dieses Register am Harmonium, das für echtes Tröten sorgen soll, jedermann kennt die Registerknöpfe, oder hat wenigstens ihre Wirkung schon vernommen.

Da haben wirs. Schon wieder fällt mir Georg Kreisler ein: Gehn mer Tauben vergiften im Park! Fällt mir immer ein, wenn ich auf einer Parkbank herumsitze und nicht weiss, was ich mir hier ansehen soll. Habe schon alles gesehen und vieles  ausprobiert. Da wäre beispielsweise der Panorama-Blick. Verständlich ausgedrückt: Breitwand, alles rein ins Bild. Zwei kurze Blicke, einen halblinks, einen halbrechts, beide sinnvoll zu einem Ganzen zusammengefügt,  dies und ein durchschnittliches Kurzzeitgedächtnis genügen für diese Sicht in CineMaxx-Format. Dann die Prüfung des Erfassten. Kontrollblicke. Alles drin? Gibt’s schon wieder Veränderungen? Sind solche von Bedeutung? Will ich überhaupt dran herumbasteln? Alles fertig? Dann:

Ist es schön? Ist´s interessant? Romantisch? Englisch, oder wenigstens katholisch? Natürlich ist es nichts davon, es ist eigentlich nur ….. wie immer.

Ich habe drei weitere Wochen benötigt, um eine neue Idee zu entwickeln. Habe sie ausprobiert, im Spot-Format geguckt. Ein Hund auf dem Weg. Nicht mehr. Computerwissen angewandt; markieren, ausschneiden, Zwischenablage, löschen. Ein Viertel Ententeich, mal mit, mal ohne Ente. Mal alter Mann mit Taube, dann Taube ohne alten Mann, dem geht es  hoffentlich gut, sah krank aus – sofort bemerke ich die Entgleisung, ein unzulässiger Gedanke, ist ein Kontext zum Taubenbild, nichts, was ich sehen könnte, Gedachtes wird aus dem Tagesprotokoll gestrichen, nur Gegucktes ist relevant.

Neuer Spot: Ein Jogger joggt, was sonst auch. Sabber rinnt ihm über das Kinn, immerhin eine zwar unappetitliche, aber eine neue Variante eines alten Themas, des Sports nämlich. No sports. Aber nicht jeder ist Sir Winston´s Meinung. Der da auch nicht. Hat eine sehr effiziente Methode des Abnehmens entwickelt, verbraucht Kalorien beim Rennen und Flüssigkeit beim Schwitzen und Sabbern. Muss er sich bei den Bordeaux-Doggen abgeschaut haben. To jog – mühsam gehen, zuckeln, trotten – stimmt!

Schon wieder im Kontext. Es geht wohl doch nicht ohne. Nur Computer halten Disziplin. Sind zu paranormal für Individualität. Ein Vorteil, und ein Nachteil zugleich.

Irgendwann fasse ich zusammen. Ohne Spot hätte ich den Sabber beim Jogger nie bemerkt – ein Gewinn. Aber was soll ich mit einer Ente? Mit jener alten Dame, die nicht wie meine Grossmutter aussieht? Mit der Cola-Dose mitten auf dem Weg? Alles paranormal! In diesem Moment stosse ich auf ein sprachliches Dilemma, weil paranormal sein soll, was nicht auf natürliche Weise erklärt werden kann.  Es keimt der Verdacht, dass ich mit mir selbst Unfug treibe. Linke gegen rechte Gehirnhälfte, oder was?

Ich konzentriere mich auf diese völlig normale Cola-Dose. Sieh da, es steht Holsten Pils drauf.  Registriere Trainingsbedarf für den Spot. Ist wohl wie beim Spagat, oder beim Spaghetti-Essen. Training ist alles. Spargel mag ich nicht. Man riecht hinterher nach tibetanischer Bergziege. Tibet, das wäre was. Muss mal wieder Lamm mit Reisnudeln beim Griechen essen, wenns schon nicht Tibetisch sein kann. Und auf Tee mit Yakbutter kann ich ohnehin verzichten. Schmeckt wahrscheinlich so, wie Spargelpipi riecht.

So sitze ich auf dieser Parkbank und versinke in sprachlichen Übungen, gedanklichen Entgleisungen, lasse mich von Assoziationen verführen, komme mir  zwischendurch auch mal kindisch vor, weiss am Ende nicht mehr, ob ich mich  im Englischen Garten in München, oder auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg aufhalte. Das ist anscheinend allns egal wech, wenn der Rhododendron nicht blüht. Dann allerdings ist der Friedhof nur zu verwechseln mit dem Bremer Rhododendron-Park, oder  einigen Flecken im Ammerland. Eine eigentümliche Situation. Man stelle sich vor, man sitzt auf dem Ohlsdorfer Friedhof und kriegt einen grossen Durst auf eine Mass Bier! Da bleibt doch nur der Wasserhahn, wo sonst Witwen ihre Giesskännchen füllen, nicht wahr? Schauderhaft!  Und andersrum gedacht: Münchner Witwen gehen mit Giesskannen zum Biergarten, um – nein, das geht zu weit, obschon „eine Kanne Bier“ sicher mal ein gängiges Wirtshaus-Mass gewesen sein mag, als man das Bier noch Met nannte und bevor der Honig durch Hopfen und Malz ersetzt wurde.

Ich sitze noch immer auf der Parkbank. Ein Blick zur Uhr hat mir gesagt, ich müsse eine weitere Stunde aushalten, bis zu Hause die Pellkartoffeln gar sind. Mag Pellkartoffeln. In solcher Stimmung macht mir ein Passant mit Vollglatze einen rechten Appetit. Gross, rund, glatt und gelb. Mehlig? Um Himmels willen, ich kenne den Mann doch gar nicht! Ich versuche anschliessend herauszufinden, wie ein Schnittlauch-quark vorbeidefiliert. Vielleicht eine Lady mit weissem Sommerhut, welcher mit Grün drapiert wäre. Hackte man das Grün und streut es es über den Deckel, käme es hin …. schmeckte  wahrscheinlich wie unsere Kokosmatte vor der Haustür, aber optisch ginge es an.

Es ist wirklich ein schöner Moment, wenn ich von der Bank hochkommen darf, um endlich den häuslichen Kartoffeltopf aufzusuchen. Aber noch ist es nicht so weit. Muss zusehen, wie ein Schwan, so ein Angeber mit aufgerichteten Flügeln, das Wasser hinter sich lässt, sich einen Dreck darum scherend, wie er an Land aussieht, und nun auf mich zulatscht,. Ja, er latscht. Alle Schwäne tun das, wegen ihrer Plattfüsse. Auch ihre Weiber latschen. Mann, sieht das aus. Wäre ja amüsant anzuschauen, nur der da latscht direkt auf mich zu, schaut bedrohlich drein. Ich erinnere, dass ich vor anderthalb Stunden das Schwanenfutter aufgefressen, Verzeihung – aufgegessen habe, weshalb sich nun mein Gewissen regt, und ich frage mich, ob der das gesehen hat und nun an Land kommt, um Rache zu nehmen, dabei waren es nur vier knochentrockene Brötchen, die knabbert man so weg, das ist nicht essen, bestenfalls naschen, aber der Schwanen-Kerl kommt angelatscht und fordert gleich sein Futter ein, und ich ….. jetzt dreht er ab, nicht ohne mich verächtlich anzugucken und kurz zu fauchen, nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er mich als Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen versucht, was habe ich mit seinen drei Weibern zu tun, es geht wohl wirklich um die Brötchen, aber der hat ja wohl ein Rad ab!

Andererseits: Er kann ja nichts dafür, dass in seinem kleinen Kopf ein grosses Hirn keinen Platz findet. Umgekehrt ist es möglich, und darum vielfache Realität. Der Mensch ist eben doch die Krone der Schöpfung, und nicht der Schwan.

Der Jogger kommt zurück. Ich habe noch fünfundzwanzig Minuten bis zu den Pellkartoffeln. Dieser Mensch dort hat nun einen grossen nassen Fleck auf der Brust. Dunkelbeige auf hellbeige. Er muss seine  Sabberproduktion gesteigert haben, während er sein Tempo reduzierte. Wo zum Teufel hat er nachgefüllt? Im Englischen Garten in München hätte es Bier sein können, auf dem Ohlsdorfer Friedhof  Wasser aus dem Hahn, womöglich sogar aus irgendeinem appetitlichen Giesskännchen einer trauernden Witwe. Jogger eilen, und Witwen weilen, nicht wahr? Jogger sabbern und Witwen labern – wir stanzen uns zwei neue Klischees!

Was für ein Quatsch.

Der Jogger ist plötzlich verschwunden, und der Schwan schleppt sich mit leerem Kropf zurück zum Wasser. Kann mir nicht vorstellen, dass hier ein Zusammenhang besteht. Auch der Glatzkopf ist mir unversehens abhanden gekommen. Der wird aber im schlimmsten Fall bebrütet –  wenn eine der Schwanen-Damen kurzsichtig ist und ihr Brut-Trieb sich voll entfaltet hat, ohne dass die Eierlegerei sich mitentwickelte, oder weil ihr Alter, dieser Angeber, wegen der Brötchenkrise  einfach noch keine Zeit gefunden hat, das Projekt auf Kiel zu legen.

Da latscht er nun zurück zum Teich, bleibt stehen, hebt den Pürzel und – Schwanen-Scheisse ist auch nicht vom Feinsten, zehn von den Vögeln wiegen ein Flusspferd auf, und dreizehn einen Elefanten, und die können Wachtmeister setzen, Herrschaftsseitn! Womit mir schon wieder der Schnittlauchquark in den Sinn kommt.

Das nenne ich wahrhaft rustikal gedacht. Deftig und paranormal.

Immer noch 10 Minuten, und ich beginne zu speicheln! Wie man weiss, lassen Jogger einfach laufen. Die dürfen das. Jedermann weiss, dass Hunde über die Zunge schwitzen. Zählt man hilfsweise die Jogger zu dieser  Lebensform, macht alles Sinn. Nur die Kleidung scheint dann unzweckmässig, wegen …..  gut, jetzt nicht schlüpfrig werden, vergessen wir den Gedanken, bloss nicht weiterspinnen, obwohl etwas drinsteckt, kunstvoll ausformuliert werden könnte, so ganz im Sinne der Neuen Deutschen Comedy à la Mittermaier, nein, um Himmels Willen, der Michi, nicht die Rosi! Die hat ganz anders gewedelt, nicht wahr? Das ist schon Jahre her.

Auch Schwäne wedeln mit dem Schwanz. Unklar bleibt, warum. Vielleicht wedeln sie hinten, damit sich vorne der Kropf in den Magen entleert. Oder umgekehrt.

Fünf Minuten. Jetzt mache ich mich auf den Weg nach Hause. Wenn ich vorne am Kiosk noch ein Bierchen trinke, bin ich zur rechten Zeit am Kartoffeltopf. Nur dass Madame das dann bemerkt und ihre 2-Minuten-Gift-Nummer gibt. Dabei wirkt Bierfahne wie Pfefferminzfahne gleichermassen auslösend, hat somit dieselbe Wirkung. Bist wieder nicht an Edi vorbeigekommen, die ewige Biersauferei, guck Dir Deine Wampe an – die allseits und international beliebte Zwei-Minuten-Bürsten-Massage für den Herrn. Mit einem eiskalten Wasserguss kombiniert härtet das ab. Ist somit gesund. Ohne Wasserguss härtet es auch ab, ist dann aber ungesund.

Ich habe mir den Spass gegönnt, Pefferminz zu lutschen, ohne vorher Bier getrunken zu haben. Das setzt meine Frau direkt ins Unrecht. So habe ich sie ausgetrickst. Sie lässt sich beim Giften zwar nicht aufhalten, aber ich fühle mich dabei richtig überlegen. Und die Pellkartoffeln schmecken doppelt gut. Diese Taktik ist übrigens ein Beweis für den Sieg der Intelligenz über die Emotion. Der Nachteil: Ich habe kein Bierchen gehabt. Jedes Ding hat eben zwei Seiten, und nichts gibt’s umsonst.

Pellkartoffeln mit Schnittlauchquark. Gewiss, dies ist eine eher schlichte Kost.  Warum ist Schlichtes schlecht? Nehmen wir den Quark. Die Chinesen sagen, Käse sei schlecht gewordene Milch. Und das ist wahr,  das ist Quark nun mal. Und was ist nun an Quark schlecht? Schlechtes muss nicht schlecht sein. Und  Wahres muss nicht wahr sein, wenn Käse nichts Schlechtes ist. In beiden Fällen kommt´s auf den Kontext an, auf den wir so wenig Zeit und Mühe verwenden. Dabei kann der Mensch denken, wie die Fliege guckt, nämlich in Facetten. Will er aber nicht. Lieber irren. Selektiv zuhören. Wahrgenommenes verdrängen. Klischee statt Wahrnehmung verwenden. Und dem Schwan das Futter wegfressen. Wäre der Mensch flüssig, dann würde ein auf ihn geworfener Stein Ringe erzeugen, die nicht auseinander streben, sondern ins Zentrum – umgekehrte Richtung einschlagend, um  sich über dem Stein zu vereinigen – mitten im Ego!

Käse! Nun bin ich glatt fünf Minuten zu spät dran, und sitze immer noch auf dieser Parkbank. Unbequem, das Ding. Holz auf Beton, aber nicht ergonomisch. Wurde wahrscheinlich in den USA  für Vietnam gebaut und vom CIA getestet, als die Amis dort noch Krieg führten. Der Konstrukteur hatte anscheinend die Vision von Vietkong mit Wirbelsäulenschäden jeglicher Art. Die Amis bringen auch das noch. Sind ganz liebe Bushbabies.

Ich komme einfach nicht hoch. Sässe ich im Englischen Garten, dann würde mich Harndrang von der Bank vertreiben. Spaten-Bräu wirkt so.  Beim Zustand meiner Prostata wäre ich schon im Gebüsch verschwunden. Nichts dergleichen geschieht.

Fünfzehn Minuten plus. Nun kann ich auch im noch Sturmschritt  marschieren. Erst mal hoch. So. Ich stehe schon mal. Und nun wieder hinsetzen. Jesus! Die alten Knochen! Jetzt wieder hoch. Los. Jetzt. Hopp! Hoffentlich sieht niemand her, ich mache da wohl keine gute Figur. Heiligs Blechle!

Ja, hat funktioniert, ich stehe wieder, mache das Kreuz gerade. Ich konzentriere mich auf den ersten Schritt. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Es geht doch. Erst ein Blick auf den Schwan und seine Weiber, faules Vieh, dümpelt auf dem Teich, ohne eine Schwimmhaut zu bemühen, gründeln ihren Schnittlauch, müssen nicht mal aufs Klo rennen, wenn sie sich überfressen haben, was sie eh nicht können, weil die Natur dafür sorgt, dass sie nur so viel fressen, wie sie brauchen, und warum tut sie das nicht bei mir, die alte Mutter Natur? – aber ich gehe plötzlich. Halte wieder an, werfe ein Pfefferminz-Bonbon ein und gehe weiter. Erst gemessenen Schrittes, wie man so sagt, dann das Tempo langsam steigernd, dabei den ersten Schwung mitnehmend. Ordne an: Heute kein Bierchen bei Edi.  Ich bin auf dem Wege.

Der Amtsschimmel

Man sagt, die wichtigste Vorbereitung für eine höhere Beamtenlaufbahn wäre, zu trainieren, 20 Minuten aus dem Fenster zu gucken, ohne zu denken. Da ist was dran.

Gedacht wird nicht in einer Amtsstube, sondern anderswo, oder gar nicht. Ein Beamter macht, nicht dacht. Macht, was immer ihm vorgeschrieben ist. Das ist übrigens der Grund, weswegen er nie und nimmer bemerkt, dass eine Vorschrift aus dem Jahre 1899 stammt und deshalb in der Gegenwart überhaupt nicht anwendbar ist. O doch, sagt er, es geht. Sie sehen doch, dass es geht. So zum Bürger.

Und: Sieht Scheisse aus! Weiss auch nicht, warum! So zum Kollegen, wenn der Bürger das Weite gesucht hat.

Man darf nicht ungerecht werden. Der Spruch mit der Beamten-Übung vor dem Fenster ist grober Unfug, um nicht zu sagen eine Form von Beamtenbeleidigung. Für diese Feststellung nenne ich zwei Gründe. Erstens ist es eine technische Unmöglichkeit, nicht zu denken. Dabei spielt das Gehirn nicht mit. Und kein Beamter könnte, so er wollte, sein eigenes Denkorgan abschalten. Ich selbst habe  im Büroschlaf noch geträumt. Und zweitens erfordert es ordentliche Denkleistung, eine Verordnung aus dem Jahr 1899 in der Welt des 3. Jahrtausends so anzuwenden, dass zwar der Bürger möglicherweise erschreckt davon-huscht, aber der Vorgesetzte voll zufriedengestellt bleibt.