Ein Schwachmatikus erzählt


Wieder einmal befallen mich Zweifel und
lähmen mich in meinem Denken und
Handeln. Ich sitze verzweifelt, oder
sagt man eingezweifelt? Ich sitze also
grübelnd unentschieden vor meinem
Keyboard (heute ist Sonntag, an Werktagen
nenne ich das Gerät eine Tastatur); ich sitze
also an Besagtem und quäle mich mit
Grundlegendem, quasi mit einer, der
humanen Existenz entliehenen Frage:
„Soll ich mir jetzt einen Kaffee kochen, und
falls nein, was geschieht dann mit meinem
Rosinenbrot?“
Ich lebe allein, aber irgendwer muss mir
antworten.
 
Nachtrag: Ich habe unter Missachtung aller
ökonomischen Risiken  eine Kanne Kaffee
maschinell hergestellt. Diese Maschine hat
unentwegt gestöhnt und geröchelt, und
ein schwarz-braunes Ejakulat abgesondert.
Mein Rosinenbrot erwies sich als ein
hinterhältiges Produkt. Eingespeichelt
änderte es seine Konsistenz und wurde
im Mund wieder zum Teig, den man
erneut aufbacken müsste. Aber die Not
macht bekanntlich erfinderisch.
Ich habe mich technisch weiterentwickelt:
Abbeissen, nicht kauen sondern schlucken,
und mit Kaffee nachspülen.
Der weitere, internistische Prozessverlauf
ist automatisiert, und ich reagiere nur
auf akustische Störmeldungen.

Mahlzeit


Bratwurst in Pfannen
windet sich  in der Hitze.
Ein Me(E)sser droht.
 
Wer Sauerkraut hat,
verzichtet gern auf Mostrich.
Eine Bratwurst dankt.
 
Der Senf im Glas schmollt.
Er fühlt sich unverstanden.
Die Wurst triumphiert.

Mein Apfelbaum


Das Elbe-Urstromtal, heute die Elbmarschen
genannt, ist an meinem Wohnplatz
ca. 9 km breit, gesäumt von eiszeitlichen
Endmoränen.
 
Irgendein Landwirt hat irgendwann
damit begonnen, hier Obstbäume zu pflanzen.
Man zählt heute zum Beispiel
9 Millionen Apfelbäume.
Und – was soll ich sagen – einer davon
gehört mir. Ein roter Boskop.
 
Mein Baum ist alt. Seine Äpfel, sollte er
überhaupt welche zustande bringen,
sind klein, und nicht mehr rot.
Er ist ein Methusalem seiner  Art,
in Menschenalter gemessen so
um 120 Jahre alt.
 
Ein Obstbauer mahnte, der Baum müsste
gefällt werden, und ein junger koste
nur einige Oiros und so weiter, und die
Familie stimmte uneingeschränkt zu –
aber dieser Baum bleibt. Er gehört zur
Familie. Man mag das gerne wunderlich
nennen, aber er hat gerade
wieder prachtvoll geblüht.
Das war natürlich vergebliche Mühe für
den Alten, denn es fehlen die Bestäuber.
Anders gesagt: Mein Garten ist biologisch
so tot wie ein Klappspaten.
 
Dies feststellen zu müssen ist bitter.
Der Garten hat nie Herbizide, Fungizide
oder Insektizide zu spüren bekommen, und
dennoch ist tierisches Leben nahezu
komplett erloschen.
 
Wann ist wohl der Mensch dran?

Geplauder über ein Tabu


Man sagt, das Sterben beginne mit der Geburt.
Dieser Prozess, das Leben kann Jahrzehnte laufen.
Die Prozessdauer bemisst sich in Schicksalen.
Diese sind nicht in Menschenzeit umrechenbar.
Der Prozess verläuft progressiv.
(Je älter, desto schneller.)
Pflege verlängert die Prozessdauer.
Dennoch entstehen zunehmend Schäden.
Bei grossem Schaden schaltet die
Zentrale ab.
(Oder sie wird per Externem abgeschaltet.)
Am Prozessende heisst der Status „Tod“.
Oder: Der Prozess ist tot.
Oder: Der Mensch ist tot.
 
Hmmm. Damit verbindet sich die Frage,
was seine Seele die ganze Zeit
getrieben hat, und wo sie nun
unterkommt. Aber ist das relevant?
Wer hat je eine Seele gesehen?
Wenn es sie gibt, so kennt man nur
ihre Wirkung. Und wenn es sie nicht
gibt, dann hat die Wirkung
eine andere Ursache. Die Verdauung?
Zum Beispiel Empathie für das 
Menschengeschlecht?
Der eine hat sie, der andere nicht.
 
Wo sitzen im Körper die Gefühle?
Wieso  kann man sie stimulieren?
Wo wirkt der gute alte Absinth?
Ausser auf die Leber …..
Emotionen sind das Resultat
bio-chemischer Sub-Prozesse
im Gehirn?
Warum kann ich eine Woche
lang traurig sein, aber
nicht glücklich?
 
Wie oft muss ich wiedergeboren
werden, um hierzu richtige Antworten
zu erhalten?
Kann man die Endgültigkeit
des Nirwana tatsächlich geniessen?
 
Ich glaube, ich spinne.
Habe die Peilung verloren.
Um die Ordnung wieder herzustellen,
gehe ich jetzt in die Küche und
mache den Abwasch.
Wir im Norden nennen das
„Kombüse aufklaren“.

Zen


Zen-Meister Ikkyū Sōjun  zu einem
verzweifelten Schüler:
„Ich würde gerne irgend etwas anbieten,
um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir
überhaupt nichts.“
 
Im Zen-Buddhismus übt man die Aufgabe
des selbstbezogenen Denkens und des Selbst
durch Meditation.
„Den Weg zu studieren heißt sich selbst
zu studieren, sich selbst zu studieren heißt
sich selbst vergessen. Sich selbst zu vergessen bedeutet
eins zu werden mit allen Existenzen.“
 
„Wenn unser Geist die Ruhe findet,
verschwindet er von selbst.“,
sagte Zen-Meister Sengcan .
 
Dann ist das Folgende möglich.
Das Ziel ist wohl, mit der Wirklichkeit
im Einklang zu leben,
also inneren Frieden zu finden.
Der Weg dahin, die geübte Sitzmeditation
nennt man Zazen.

So ist das Leben


So ist das Leben, sagte der Clown
 mit Tränen in den Augen,
und malte sich ein Lächeln ins Gesicht.