Leben 27

Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als daß gute Menschen gar nichts tun.

Edmund Burke, (1729-1797)

Früher war alles besser? Dass ich nicht lache! Wenn ich dieses Zitat auseinander nehme, so bleibe ich an einem neuralgischen Punkt hängen. Es ist die Frage, warum gute Mneschen nichts tun.

Darf man einen Menschen „gut“ nennen, der nichts für die Gemeinschaft tut? Oder der Unmengen Bier trinkt, um die Arbeitsplätze einer Brauerei zu sichern? Blödsinn!

Ich korrigiere Mr. Burke. Richtig ist

Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als dass Menschen gar nichts tun.

Nun geht’s von vorne los. Warum tun Menschen garnichts? Steckt dahinter eine krankhafte Entwicklung? Etwa der moralische Zerfall einer Gesellschaft? Ich lege mich fest mit meiner Antwort: Ja. So isses. Wenn die Toleranzgrenze überschritten ist, und man sich in seiner Wohnung nur noch elend fühlt, packt man seine Sachen und zieht aus. Man entkoppelt sich, sucht einen neuen Platz zum Weiterleben ohne Schmerz. Und wer Glück hat, findet seinen neuen Liegeplatz in sich selbst.

Von aussen betrachtet: Es sieht aus, als sei man in krassen Egoismus abgeglitten. Tatsächlich waren Verzweiflung und Notwehr die Triebfeder für einen Rückzug auf eine geschützte Position.

Um konkreter zu werden: Man steht da in seinem kurzen Hemd, und soll Kreuze auf Wahlzettel malen für jene, deren Handeln oder Nichthandeln die Ursache des Exodus ist. Und im Hinterkopf rotiert der Spruch von den dummen Kälbern, die ihren Schlachter selbst wählen. Doch nicht genug. Man erwartet von mir, dass ich unsere Demokratie achte, eine Staatsform, die alles andere als demokratisch ist, ein Marionettentheater, das den Bürgern Demokratie vorgaukelt, während das Grosskapital die Richtlinien der Politik bestimmt.

Es fehlt mir nur noch, dass ich von politisch Ungebildeten mit „Kommunist“ beleidigt werde. Ich bin seit 60 Jahren bekennender, waschechter Sozialdemokrat, dem man seine Partei gestohlen hat.
So sieht’s aus!

Nach dem Regen

Regen? Das war vorhin.
Die Sonne hat sich den Himmel zurück geholt.
Die dunkle Wolke ist weitergezogen.
Sie hinterlässt der Sonne nasse Spuren,
einen flüchtigen Mikrokosmos,
der eigenen Regeln folgt.

An einem Zweig hängen zwei Regentropfen.
Ein Sonnenstrahl umschmeichelt sie
und hat doch nichts Gutes im Sinn.
Warme Erde duftet.
In den Tropfen bricht sich das Sonnenlicht,
sie funkeln verführerisch gleich Diamanten.

Unverhofft trifft ein Besucher ein.
Ein Vogel lässt sich nieder,
und der Zweig neigt sich, zeigt nach unten.
Bewegung bestimmt nun die Szene.
Beide Tropfen rinnen die Schräge hinab
und treffen sich vereint an einer Knospe.

Zwei Regentropfen sind verschwunden.
Ein grosser Wassertropfen kämpft und verliert.
Fällt zu Boden,
und befeuchtet den Sand gierig Korn für Korn.
So haben die Regentropfen erneut ihre Gestalt verändert
sind in viele kleinste Tropfen zerfallen.

Ein Beobachter erkennt:
Man bedenke seine Schwächen.
Beim Aufstieg, dem Grösserwerden halte Mass,
denn je grösser man wird,
desto höher ist das Risiko zu fallen,
und der Sand unter den Füssen ist kein Freund.

Stilles Tal

Geheimnisse der Nacht
füllen das Tal mit Nebel,
warnen erneut die Menschen.
Irdischer Alltag ist unbarmherzig.
Irdischer Alltag ist unberechenbar.
Heute ist es der Nebel,
morgen kann es der Berg sein,
der Dich erfasst
und in eine andere Dimension entführt.
Und während sich der Nebel lichtet,
rückt der Berg den Menschen
um ein weniges näher.
Und ängstliche Gemüter werden –
so sie Bewegung spüren –
sie werden an Göttliches glauben,
da Unbewegliches sich bewegt.
Eine Höhere Macht sagt Nein!
Heute nicht.
Die Sonne mag den Nebel vertreiben,
und es soll lichter werden im Tal!
Diese Welt ist meine Welt,
und das Göttliche bin ich –
ich – der Mensch!
Und dazu lächelt Mutter Natur milde.

Fisch ist gesund

In Amsterdam steht man nicht auf der Strasse
und verschlingt Pommes. Nein, es ist ganz anders.
Man atmet Matjesfilets vorsichtig ein, lenkt sie an der Luftröhre vorbei in die Speiseröhre und lässt sie sachte rutschen.
Nur Feiglinge kauen den Matjes ein wenig durch,
dabei geht allerdings der rustikale Charme der Szene völlig verloren.
Liebe Niederländer, in Sachen Matjes bin ich ganz bei Euch. Für diesen Fisch habt Ihr wirklich ein goldenes Händchen. Deutscher Matjes ist dagegen ein zu Fisch gewordener Straftatbestand.

Dumm gelaufen

Der Mops sieht krank aus, fett und rund.
Sigi, sein Floh ist kerngesund,
doch unzufrieden, auf dem Dicken.
Es treibt ihn um – nun macht er Zicken.

Sucht eifrig einen neuen Wirt,
den hoffentlich kein Halsband ziert.
Der Mops kratzt sich ein letztes Mal.
So endet seine Höllenqual.

Die Hausfrau windet sich und zuckt,
schiebt Kämmchen dorthin wo es juckt.
Sigi, der Floh scheint nun berauscht.
Hat mit Erfolg sein Heim getauscht

Zumindest glaubt er, so sei’s gut.
Doch seine Wirtin packt die Wut.
Sie weiss nicht, was und warum‘s juckt.
Fluchen bleibt besser ungedruckt.

Doch kommt es, wie’s kommen muss.
Ein Schaumbad ist sein Todeskuss.
Der Floh atmet nun Gülle-Luft
und glaubt, es sei ein Moschusduft.

Aphorismus 15

Die Selbstbestimmung ist eine durch alle Klassen verbreitete Schule für das bürgerlich-politische Leben.
Wo diese Schule fehlt, können nur die allerverkehrtesten und irrigsten Ansichten Platz greifen
und Unwissende und Unerfahrene werden dann das große Wort über die Staatsverhältnisse führen.

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (1811 – 1877)
deutscher katholischer Bischof von Mainz;
Gegner der Unfehlbarkeitserklärung des 1. Vatikanischen Konzils

Hat Herr von Ketteler im 19. Jahrhundert prophetisch formuliert, oder hatte man damals tatsächlich dieselben Probleme mit der Politik wie heute? Und darf man amüsiert sein, oder muss man sich drüber ängstigen, dass die politische Praxis nach 180 Jahren immer noch keinerlei Verbesserung erfahren hat?

Man bedenke die steile Fortschrittskurve in Kultur und Wissenschaft, den technischen Fortschritt und so fort. Warum nur hat sich das Sozialverhalten des Menschen seit dem Neandertal nicht positiv verändert? Warum tragen wir Werteordnungen durch die Öffentlichkeit wie Wahlplakate, die man schliesslich rasch und unbeachtet auf der Müllhalde entsorgt? Da gibt es doch im Gehirn von Max Mustermann eine kleine Ecke, die der Fortschritt unbeachtet lässt und die nichts als Dreck speichert! Neulich las ich in einem Kommentar, wir sollten unser Bestes geben.
Gerne, dachte ich mir – auch wenn mein Bestes immer noch etwas Schlechtes ist. Einen Versuch ist’s immer wert.

Eskalation

Ein Olm! Ein Grottenolm! wisperte das Moos,
bevor es gefressen wurde.
Ein Steinschlag! schrie der Olm,
bevor ihn das Geröll erschlug.
Ein Riss! Ein Riss, ächzte der Berg,
bevor er die Grotte mit Felstrümmern füllte.
Mein Berg! Mein Berg!, stöhnte das Gebirge,
bevor der Hochvogel im Allgäu zerbarst
und 260.000  Kubikmeter Fels
ins Fallental stürzten.
Meine schönes Gebirge!, klagte der Planet Erde,
und dreht weiter seine Kreise
um sich selbst und um die Sonne.
Es ist halt immer irgendwo etwas!,
meinte die Galaxie
und wendete sich wieder
ihrem Schwarzen Loch zu.
Und das Schwarze Loch?
Ich kann warten.
Irgendwann seid auch Ihr fällig,
Ihr, die Ihr euch „Leben auf der Erde“ nennt.

Die Quelle meiner grössten Sorge

Nimm Dir die 90 Minuten und schaue Dir dieses Video aufmerksam an. Dann mache Dir bewusst, dass der Deutsche um keinen Deut besser ist als der Amerikaner. Erinnere Dich an die heute bereits offenkundigen Risse unserer Gesellschaft; ich helfe gerne ein wenig aufs Pferd: Infrastruktur-Schäden, Altersarmut, Hartz IV, Kinderarmut, Arbeitsplatz-Abbau, Mietwucher usw. usf. und, als Folge, der Rechtsruck in Richtung AfD, Pegida etc. Unsere Karre ist bereits mit Höchsttempo unterwegs Richtung Wand. Wir liegen im Vergleich mit den USA nur 5 bis 8 Jahr zurück.

Die in der Bevölkerung vorherrschende Dummheit und Ignoranz hat sich auf unheilige Weise mit dem Spiel und Geld und Macht des regierenden Geldadels vereinigt, und wir werden einen Rückfall in früh-industriellen Gesellschaftsformen hinnehmen müssen.

Es ist, wie Warren Buffet sagte: Die Reichen werden den Krieg gegen die Armen gewinnen.

Man lebt so vor sich hin

Ich möchte die Lebenszeit des Menschen mit einem Gebirge vergleichen. Sie stellt sich in drei Dimensionen dar. Da ist die Breite des Intellekts, da sind die Längen der Lebensphasen und des Lebens als deren Summe, und da sind Höhen und Tiefen zu durchschreiten.

Gut, sagt man vielleicht. So kann man es auch sehen. Aber was nützt diese Betrachtungsweise? Ich sage: Sie nützt mir. Ich habe gelernt, dass die Ameisen-Perspektive ein falsches, weil unvollständiges Bild vermittelt. Entweder sitze ich im Abgrund, oder ich sitze auf einem Berg und schaue in einen Abgrund. Pessimismus drängt sich buchstäblich auf. Anders, wenn ich die Adler-Perspektive nutze. Ich sehe einen vielfach grösseren Abschnitt meines Lebens mit Höhen und Tiefen distanziert, und ich erkenne: Alle Teile sind miteinander verknüpft, und sie existieren gleichzeitig, also nebeneinander als Pluralität. So war das in der Vergangenheit, so ist es in der Gegenwart, und so wird es in der Zukunft sein. Und vielleicht erkenne ich auch, dass mittel- und langfristig die Tiefen durch die Höhen kompensiert werden. Dazu braucht es nichts weiter als Geduld, und – extrem wichtig – genügend Achtsamkeit für das Erkennen und Verbuchen des Positiven. So kann man optimistisch bleiben.

Nichts am Leben des Menschen ist Selbstverständlichkeit. Niemand hat je dafür ein Drehbuch geschrieben.