Nachgedacht 22

Der Alte ist mal wieder richtig
gut gelaunt. Sein Geschäft floriert
besser denn je mit
150.000 Todesfälle pro Tag
weltweit. Das sind 104 pro Minute.
Und das Beste: Täglich zählt man
250.000 Geburten!
Die Wachstumsrate seines Business
beträgt sagenhafte 66%.
 
Und so murmelt er vergnügt den Vers,
den Goethe in einer Jagdhütte
an die Bretterwand formulierte:
 
„Über allen Gipfeln ist Ruh‘,
In allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde ruhest auch du.“

Über ein Übel

Tiere fressen bis zum Erbrechen.
Der Grund:
Sie können nicht wissen,
wann sie wieder mal Nahrung
finden.
 
Säuglinge trinken, bis nichts mehr geht.
Bis sie überlaufen.
Ihr Verhalten bei der Nahrungsaufnahme
ist animalisch.
 
Erwachsene Menschen sind kein
Deut besser. Sie raffen allerdings
keine Milchmahlzeiten, sondern
Geld, und davon mehr als ihnen
zukommt. Ihre Geldgier kennt keine
Grenzen. Sie sind schlimmer
als Tiere. Zwischen Lunch und Diner
verschwenden sie ohne Skrupel,
was der Witwe nebenan für ein Leben
in Würde fehlt.
 
Und sie nennen sich
die Krone der Schöpfung.
 
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So. Das ist jene Art Polemik, die ich
garnicht mag. Sie ist übel. Aber
warum steckt so viel Wahres drin?
 
Sie ist zugleich unwahr, da sie vorgibt,
über „die Menschen“ zu sprechen
und dabei die „Guten“ diffamiert.
 
Vielleicht ist der Mensch wirklich
die Krone der Schöpfung, und die
geldgierigen Kotzbrocken
dürfen dieser Gattung nicht
zugerechnet werden?
 
Aber auch hierbei sind Bedenken
angebracht:
Unklar ist, wieviel Kotzbrocken
in jedem von uns schlummert,
bis sich eine Gelegenheit bietet
für die Rückverwandlung vom
Paulus zum Saulus.

Ein Liebesbrief

Im Jahr 1811 schrieb die an
Krebs erkrankte Henriette Vogel
an ihren Freund Heinrich von Kleist,
( Dramatiker und Lyriker )
einen Liebesbrief, bevor beide
am Kleinen Wannsee in Berlin
Selbstmord begingen:
 
„Mein Hyazinthenbeet,
 mein armer, kranker Heinrich,
mein zartes, weißes Lämmchen,
meine Himmelspforte.
Meine Dornenkrone,
meine tausend Wunderwerke,
mein Lehrer und mein Schüler,
wie über alles Gedachte
und zu Erdenkende
lieb ich dich.
Meine Seele sollst du haben.“

Epitaph:
 
„Er suchte, sang und litt
in trüber, schwerer Zeit.
Er suchte hier den Tod
und fand Unsterblichkeit.“

Schatzgräber – Goethe 1797

Arm am Beutel, krank am Herzen,
Schleppt‘ ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!
Und, zu enden meine Schmerzen,
Ging ich, einen Schatz zu graben.
Meine Seele sollst Du haben!
Schrieb ich hin mit eignem Blut.   

Zu allen Zeiten das Gleiche.

Nur die Wege sind andere.

Stillstand

Ein seltsames globales Ereignis
gibt Rätsel auf.
Niemand ist vorbereitet.
Kein irdisches Wesen hat Vergleich-
bares erlebt. Dennoch ist kein
denkendes Wesen in irgendeiner Weise
berührt, oder gar beunruhigt.
Wie auch! Die Zeit steht still,
und mit der Zeit alles Lebende
und alles Bewegte.
 
Und ja, auch die Niagara-Fälle
wirken wie gefroren, wie eine gewaltige
Ansichtskarte. Wasser hängt
reglos in der Luft, und die Gischt
am Fusse der Falls mutiert
zu dichtem Nebel.
 
Auch der Planet Erde hat seine
Rotation eingestellt und hält seine
Position im Umlauf um die Sonne.
Selbst Gaea, die Erdenmutter ist machtlos.
Was ist, wenn das gesamte Universum
stillsteht?
 
Wer oder was wird die Sanduhr
wieder aufrichten?