868 – Spiegel

Ist Dir schon mal ein Spiegel zerbrochen? Ich glaube, man sagt, ein solches Ereignis bringe Unglück. Mag sein. Ich bin in der Welt des Aberglaubens nicht so recht zu Hause. Nicht so recht? Das impliziert „ein wenig“ – vielleicht genauso viel, wie ich zu gestehen vermag. Es ist unvermeidbar, dass man den Aberglauben in sich selbst kennenlernt. Immerhin gesche-hen Ereignisse auf mehr als eigentümliche Weise – in der Wirklichkeit.
Dennoch: Ein zerbrochener Spiegel gehört nicht zu jenen Objekten, die mir dunkle Gedanken aufzuzwingen vermögen. Wohl aber eröffnet der Blick in einen zerbrochenen Spiegel, dessen Teile sich beim Fall auf den Fussboden in drei Dimensionen asymmetrisch angeordnet haben, sehr fremdartige Sichten – so fremdartig wie die neue Ordnung des Spiegels.
Zugegeben, es ist ein schwieriges Unterfangen, einen solchen Zustand eines grossen Spiegels zu rekonstruieren. Ein teures zudem. Sollte Dir solcherart Unbill dennoch einmal widerfahren, dann fluche. Einmal, zweimal. Und dann nimm Dir Zeit. Schaue hin, und bemerke, was Du entdeckst, und welche Gedanken Dich bewegen.

Spiegel verkehren ihre Sicht der Dinge,
setzen Zeichen,
brechen und schaffen neue Sichten.

Sie sagen damit: Schaue,
Mensch, und bedenke:
Negatives ist Spiegelung des Positiven.

Fehlendes hat stets besonderen Wert!
Brüche und Verluste – auch das ist Leben.

Darum sei mutig, Mensch,
und richte Deinen Blick
in die Ferne.
Hier ist Gegenwart,
dort aber die Zukunft.

Vertraue deinem zweiten Blick.
Die Spiegel sagen: Schaue,
und folge Deinen Gedanken.

Sie sagen:
Sei mutig, Mensch!
Schritt für Schritt nach vorn
ist neue Wirklichkeit,
rückwärts gewandt
ist längst gelebtes Leben.

867 – Musik

Musik bis der Arzt kommt, oder der Nachbar, weil er endlich seine letzte Nachtschicht wegschlafen möchte.

Diese Koreaner! Blasen einen Hamburger Shanty seelenvoll auf einer Mundharmonika, und senden ihn als new age music – das hat doch was!

Ich denke, dass man sich für Musik einen eigenen Masstab suchen sollte – sofern man damit etwas am Hut hat.

Die Musik ist eine Klangwelt besonderer Art. In ihr sind gewaltige Bögen gespannt, von den Gregorianischen Gesängen bis zum Tekkno, vom Didgeridoo bis zum elektronischen Keyboard, von Hamburg bis Hawaii.

Wir sind mittlerweile daran gewähnt, Musik als Hintergrundgeräusch zu konsumieren. Gut, dagegen gibt es nichts einzuwenden. Nur: Es ist eben nicht Musikhören im eigentlichen Sinne.

Musik verdient Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass man erst bei ungeteilter Aufmerksamkeit entscheiden kann, ob man eine Komposition mag, oder nicht.

Möglich, man entdeckt Schönheit, wo man sie nie vermutet hätte. Ich hatte an anderer Stelle schon auf dieses „Phänomen“ hingewiesen, mit einem Sechs-zeiler von Marie von Ebner-Eschenbach. Er ist es wert, wiederholt, ja sogar auswendig gelernt zu werden:

Ein kleines Lied, wie gehts nur an,
dass man so lieb es haben kann?
Was hat es nur? Erzähle.

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang,
und eine ganze Seele.

Diese Sprache ist von schlichter Schönheit – es ist gesprochene Musik.
Öffne Dein Herz, mein Freund, und höre zu. Sie hat ohne Pathos, in klarer Sprache ausgedrückt, wofür mir die Worte fehlen.

Vielleicht gehts so: Wir können aus Musik nur heraushören, was hineingeschrieben wurde. Legt der Komponist Seele in sein Werk, dann können wir sie vielleicht wahrnehmen. Vielleicht meint, dass auch unsere Seele auf Empfang geschaltet sein muss.

Musikgenuss ist ein Brückenschlag der Seelen – vom Komponisten über die Interpreten zum Zuhörer.

Ich habe irgendwo gelesen, Gemeinschaft sei eine Sache der Seele. Im Zustand der Harmonie einer Gemeinschaft kannst Du glückliche Momente erleben.

Teufel noch eins. Mag sein, ich bin hier sentimental im Sinne von rührselig geworden. Na und? Man muss doch mal darüber nachdenken dürfen, warum die Musik in der Psychotherapie eine so grosse Rolle spielt, und warum Musik zu Tränen rühren kann, oder? Was liegt darin? Erzähle!

Kann es sein, dass Du mich immer noch nicht verstehst? Dann höre wieder mal bei QUEEN und Freddy Mercury
rein …..

One man, one goal, one mission,
one heart, one soul, just one solution,
one flash of light – yeah one god, one vision!

866 – Hirnkrämpfe

Ich sollte mir wohl abgewöhnen, auf alles, was mir auf den Keks geht, umgehend zu reagieren. Die eben geschriebene Mail an einen Bürgerservice ist wieder ein Beispiel für die Vergeblichkeit ehrlichen Bemühens und die Flüchtigkeit nicht zu Ende gedachter Gedanken. Es ist, als ob Du einen Brückenpfeiler fertiggebaut, und dabei vergessen hast, dem Beton Zement unterzumischen. Das Ding steht, sieht gut aus, wird trocken, und ein Windhauch weht es um und weg. Es endet in einer Sandwolke, und Du darfst wieder von vorne beginnen.

Warum nur macht man immer wieder die gleichen Fehler? Nicht nur Du und ich sind von dieser Schwäche befallen – nein, es ist die ganze Welt. Gesund oder krank, jung oder alt, mit oder ohne Hirn – immer die gleiche Sch …. Du weisst schon.

Aber: Think positive!

Auch Schatten färben ab. Wenn Du lange genug auf der Schattenseite verweilst, kriegst Du selbst einen. Am Ende stört Dich der Krümel auf dem Damast, und Du reibst, zerdrückst ihn zu einem schwarzen Fleck, um Dich gleich darüber zu erregen, dass weisse Tischtücher so selten geworden seien, Deine Familie sich über Dich schwarz ärgert und sich mit weissem Gesicht verdrückt – es ist Zeit, mein Freund, zum Psychiater zu pilgern und mit der ersten von kostspieligen 54 Sitzungen à 20 Minuten zu beginnen. Den mit dem Doktor kannst Du Dir nicht leisten, also nimmst Du den ohne Doktor in Anspruch, der hat nur einen Stundensatz von …. naja, 60 mal 100 geteilt durch 2, das macht ungefähr 3000 für 20 mal 100 geteilt durch 2 macht 1000 Minuten, wobei 3000 geteilt durch 1000 gleich 3 durch 1 macht 3 für eine Minute, also 3 mal 60 gleich 180 pro Stunde, Euro natürlich. Mitgekriegt? Überleg mal! Das kriegt der von mir? Und alles wegen eines Schwarzbrotflecks auf dem Damast-Tischtuch?

Think positive. Kürzer: Think! Diesen markanten Spruch hatte bekanntlich Jim Watson, der grosse alte IBM-Boss so über seinem Schreibtisch aufgehängt, dass seine Besucher ihn unvermeidlich zur Kenntnis nehmen mussten. Ein Wort, ein Programm. Setzt man „positive“ hinzu, könnte auf Jimmies plate auch „Laugh!“ stehen. Oder „Heute schon gelacht?“

Sag mal: Kann es eigentlich wahr sein, dass wir 180 Eier löhnen, nur um uns von einem Psycho-Fritzen fragen zu lassen, ob wir heute schon gelacht haben? Und wenn ja, warum? Oder wenn nein, warum gerade eben?

· Herr Risch, warum lachen Sie?
· Ich lache über mich selbst!
· Darf ich wissen, Roland, was Sie an sich selbst so lustig finden?
· Nein, Klaus-Heinrich, nein, das dürfen Sie nicht!
· Aber Herr Risch, haben Sie kein Vertrauen zu mir?
· Doch, Herr Pümpel, das habe ich, aber nicht zu mir!
· Aber das sollten Sie mir jetzt doch erklären. Mögen Sie?
· Nein, Herr Pümpel, ich mag nicht.
· Gut, Herr Risch. Das ist schon einmal ein guter Anfang. Wir haben schon am ersten Tag einen Fortschritt zu verzeichnen!

RRRRRRing!
Klaus-Heinrich Pümpels Küchenwecker kündigt das Ende der ersten Sitzung an, nur ganze vier Minuten zu früh, was bei 20 Minuten gleich 20 Prozent Fehlzeit ausmacht, was 12 Euro entspricht, die ich für nothing zahle, und ich beschliesse, noch ein wenig zu bleiben, werde aber Richtung Tür geschubst, denn draussen steht ein anderer Patient, für andere 16 Minuten, und ich beschliesse erneut, und spontan, diesen Menschen nicht zu befragen, ob er da drinnen schon mal gelacht hat, über sich selbst, und darüber, dass er noch 53 mal hierherkommen muss – soll – darf – ich selbst habe ja nichts unterschrieben – Herr Risch, das ist jetzt garnicht zum Lachen – , aber Jim Watson will mir nicht aus dem Sinn gehen mit seinem THINK! und ich mit meinem Konter „LAUGH!“, im kategorischen Imperativ voll durchformuliert, kurz, knapp, wahr – nur:

Verdammt nochmal! Ich habe bei Pümpel tatsächlich herzhaft abgelacht! Überleg mal. Der Sack hat es geschafft. Und dafür soll er auch 60 Eier kassieren. Aber – das ist ab sofort beschlossen und Gesetz – nur diese ersten 60, und ab sofort werde ich kostenlos lachen. Ich denke an Pümpel, ich denke an mich, ich denke an den Höllenstuhl, der statt der berühmten Couch für die Patienten bereitsteht, und ich denke an 60 Euro – und schon geht es mir gut. Naja, sagen wir mal: Besser. Gut gehts mir erst, wenn ich ungepümpelt lache. Wenn ich die Nachrichten des Tages als Witz erlebe.
Wenn mich die Toten des Tages nur noch nachdenklich stimmen, aber nicht mehr wütend. Wenn ich meinem Computer mitten auf die Festplatte schreiben kann: Wie, Du machst wieder Zicken? Hier hast Du meine Antwort. C:\format c: – und servus, Du Depp! Und wenn ich einem Pümpel ins Gesicht grinsen kann mit der Bemerkung:

Bei mir können Sie lange picken,
bis Sie ans Hirn kommen!

865 – Dampfgeplauder

Carola sucht einen Job (Kurzfassung)

mailto: bürgerservice@bcd.de

Guten Tag!

Heute nehme ich mir die Freiheit, Sie um Rat zu fragen.
Das Problem: Meine erwachsene Tochter Carola hat eine grosse Klappe, weswegen ich sie Carola magna nenne, und keinen Job, weshalb ich sie auch Mikrola rufe.. Ich denke, sie sollte ihre rhetorische Begabung vermarkten, und bei aufmerksamer Beobachtung der bundesdeutschen Politik- und Wirtschaftsszenerie eröffnen sich mir beeindruckende Einsichten. Alles läuft auf denselben Punkt zu: Meine Tochter Carola gehört genau dorthin – ihre Welt ist das Statement.

Ich nehme an, dass Sie mein Anliegen nicht auf Anhieb begreifen. Darum möchte ich mit einigen Beispielen aufwarten, um Ihnen zu verdeutlichen, worum es mir geht, und wo der Nutzen eines Agreements liegen könnte.

Beispiel Verkehrsminister: Die Mineralöl-Multi´s erhö-hen zu Ostern die Spritpreise. Der Minister wartet zur Vorsicht ab, bis die Aktion abgeschlossen, und die Autofahrer verärgert sind. Dann meldet er sich mit einer Drohung zu Wort – Prüfung durch Kartellamt etc. werden entrüstet hervorgestossen – und jeder denkende Mensch richtet seinen Zorn auf besagten Bundesminister, weil jeder weiss, wie die Preisab-sprachen durchgeführt werden, nämlich unter zwei Ohren am Telefon, mit Zerhacker dazwischen, usw.
Hätte der Verkehrsminister drei Wochen vor Ostern vor der Preistreiberei gewarnt, er würde heute noch dümmer aussehen. Sein Statement danach war schon dumm genug.

Was hätte nun meine Tochter Carola formuliert?

„Wir leben in einer freien Marktwirtschaft. Diese ist so frei, dass sie den Multi´s sogar gestattet, die Volkswirtschaft zu schädigen. Daran ist nicht zu rütteln. Es wird mir ein Rätsel bleiben, wieso die Autofahrerlobby nicht wirksamen Widerstand organisiert. Der Boykott einer einzelnen Gesellschaft würde auch die anderen Mores lehren. Die Macht des Konsumenten sollte organisiert werden, und wenn der ADAC das nicht tun möchte, dann kann man seine Mitgliedschaft kündigen. Ich habe das heute getan.“

Zweites Beispiel: Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, seines Zeichens ein Verbandsfunktionär der alten Garde mit Denkweisen aus dem 19. Jahrhundert fordert mit beeindruckender Regelmässigkeit die Reduzierung der Unternehmenssteuern (erhöht den Unternehmensgewinn), die Reduzierung der Staatsquote (geringere Sozialbeiträge erhöhen den Unternehmensgewinn), die Lockerung des Kündigungsschutzes (Arbeitnehmer feuern erhöht den Unternehmensgewinn), Greencards für alle Branchen (Einsparung von Ausbildungskosten erhöhen den Unternehmensgewinn), Abschaffung der Flächentarife und die Einführung von Niedriglohnklassen (geringere Personalkosten erhöhen den Unternehmensgewinn), und andere derartige Schmankerln. Ich höre dem Mann fasziniert zu – und fürchte um seinen Geisteszustand. Der will wirklich wieder beim Jahr 1890 anfangen.
Seine stereotyp wiederholten Forderungen mögen den Schluss zulassen, dass es den Mitgliedern des BDA ausreichen mag, wenn ihr oberster Vertreter so daherredet, wie er redet. Ich sage immer: Chefs sind halt so. Sie haben ihre Stärke im Ellenbogen; weiter oben, im Kopf wären sie nur hinderlich.

Und was würde meine Carola daraus machen:

„Wir können sagen, was wir wollen. Alles ist erlaubt. Nur keine Wiederholungen. Wenn ein Statement benötigt wird, dann sage mir, warum, und ich baue Dir eines zusammen. Aber niemals Wiederholungen. Verwendet man seine Waffe zu oft, verliert die ihre Schärfe. Heute sagen wir das Folgende:
Es ist die innerste Überzeugung des BDA und seiner Mitglieder, dass unser Gemeinwesen nur auf der Grundlage eines sozialen Gleichgewichts zufrieden-stellend funktionieren kann. Das schliesst eine gerechte Verteilung des erarbeiteten Wohlstands mit ein. Die Welt hat sich in den letzten 40 Jahren gravierend verändert, und auch unsere Gesellschaft ist davon betroffen. Die Methoden der 50er Jahre können heute nicht mehr angewandt werden. Die soziale Marktwirtschaft ist neu zu definieren. Der BDA. und insbesondere sein Präsident bemühen sich, gemeinsam mit Politik und Wissenschaft eine Standortbestimmung durchzuführen, um einen tragfähigen Weg in die Zukunft finden zu können. Die Bundesregierung hat sich bisher diesem Vorhaben verweigert, aber wir sind nicht beeindruckt. Wenn nicht diese, dann wird die nächste Regierung in die Pflicht genommen.“

So wird Stroh gedroschen, nicht wahr?
Sehen Sie, das ist es, was ich meine. Man kann auch dummes Zeug auf einem höheren Niveau reden, aber das ist nun mal nicht die Art deutscher Funktionäre. Ein wenig Kultur täte der Sache ganz gut, aber diese Leute profitieren von einem kulturell hochstehenden Entgeltsystem, aber sie liefern Ergebnisse der finsteren Art, sozusagen Antikultur.

Ich vermag einzusehen, dass ich gerechterweise nur beurteilen kann, was bei mir hier unten ankommt. So isses. Was aber, wenn bei mir nur Mist ankommt? Soll ich etwa vor dem Radio sitzen, zuhören und dann feststellen: Oh, Mist! Wie schön! Ich liebe diesen Müll, brauche ihn wie das täglich Brot! Weiter so, Herr Doktor XYZ, Sie sind eine reine Freude!

Nein, das nicht. Dann sind wir uns bis dahin einig. Bleibt nur noch zu klären, warum der Typ in ein Mikro spricht. Ist das billiger als ein Rundschreiben an die Mitglieder? So machts noch einen Sinn. Wenns aber für die Öffentlichkeit gesagt wird: Sollten dann nicht die Regeln der Public relations gelten? Ach, die kennt dort keiner? Gewiss, genauso siehts aus. Und das bringt mich wieder an die Seite meiner Tochter Carola. Sie kennt diese Regeln. Sie kann helfen. Schaden abwenden. Dummköpfe auf ein vernünftiges Ziel ausrichten. Und sie hat ein Schandmaul.

Also komme ich jetzt zu meiner Bitte. Ich würde gerne von Ihnen erfahren, was man tun muss, um in einer Partei wie der Ihren, oder einer Gewerkschaft, oder einem Verband arbeiten zu können. Wo sind Pöstchen frei? Bei wem kann man sich bewerben? Wo ist die Not am grössten?

864 – Lieblingsthema

Wenn man wie ich 82 Jahre alt ist, dann beschäftigt man sich auch mit dem Thema Sterben und tot sein. Es gibt Menschen, die sich fürchten, anderen ist das Ganze gleichgültig, und noch andere, wie ich, machen sich darüber lustig. Dann sind da noch die Fanatiker. Sie tragen immer eine Handvoll Friedhofserde in einer Hosentasche und stehen nachmittags von 14 bis 17 Uhr mit einer Kerze in der Hand auf dem Gottesacker, warten, bis sie dran sind.
Dann sind da die Geniesser. Sie besuchen Friedhöfe und lesen Grabinschriften wie:
„Hier ruhen nun meine Gebeine.
Ich wollte, es wären Deine!“

Glaube nicht an Euphemismen. Jedermanns Zeit kommt irgendwann, und nur wenigen ist es vergönnt, noch ihre Sachen zu packen, alles so zu ordnen, dass ein ordnungsgemäßer Abgang möglich wäre. Eben lautete die Parole noch: Lebe! Und eine Sekunde später wird sie geändert in: Zeit um!

Mit etwas Glück kannst Du noch einen klaren Gedanken zu fassen kriegen. Du konzentrierst Dich – nur auf Dich selbst. So ist das also. Abgang. Na gut. Muss ja sein. Es sind schon andere grosse Männer aus dieser Welt verschwunden. Jetzt mach zu! Wenn schon, dann sofort, nicht gleich. Das Leben war ohnehin nicht mehr so prickelnd. Wenn ich so vierzig Jahre zurück ….. und Peng! Licht aus.

Es gehört zu den grossen Geheimnissen des Lebens, weshalb auch Du Deiner Familie qua Testament eine Bürde auferlegt hast, die sie zu einmaligen Kosten in Höhe von 7.386 Euro plus Kosten für den Leichenschmaus und einer 30jährigen Pflege von zwei Quadratmetern Land verurteilt, jenem Plätzchen, an dem Du angeblich ruhst.

Immerhin hast Du mit Deiner Verfügung dem Wirtschaftszweig TOD & BESTATTUNG zu Umsatz verholfen. Das wäre einer der positiven Aspekte Deines Dahinscheidens. Der zweite Nutzeffekt ergibt sich aus der ländlichen Sitte, des Toten Fell zu versaufen. Ja, plötzlich bist Du wieder ein Toter, klar und ehrlich als das bezeichnet, was der Realität am ehesten entspricht. Du selbst hast das Fell einiger Leute versoffen und erfahren, wie heilsam derlei Aufarbeitung von Ansätzen der Trauer sein kann – auch wenn der eine oder andere nur mitsäuft im Glauben, Dich zum guten Schluss noch einmal richtig zu schädigen, oder das Erbe Deiner Hinterbliebenen zu schmälern. Eigenartig zu beobachten, wie man mit Kaffee, Butterkuchen und geflüstertem Tratsch beginnt und nur wenig später bei Schinkenbrot, Bier und Schnaps lärmenden Spass verbreitet. Der Heimgegangene gerät unversehens zum Katalysator für die Dagebliebenen, sie beginnen zu reagieren, sondern ungeahnte Lebensfreude ab, und würde Dich ein merkwürdiges Schicksal zur Rückkehr in diesen Kreis verdammen, und Du tauchtest unvermittelt dort auf, in Deinem schwarzen Hochzeitsanzug und dem Totenhemd aus Papier, Du wärst d e r Partykiller des Jahrzehnts. Obwohl: Der Gedanke hat etwas Humoriges, nicht wahr?

Nun, ein mit Anstand Heimgegangener unterlässt solcherart makabre Scherze, gönnt seinen verbliebenen Gästen einige fröhliche Stunden, und kümmert sich um seinen eigenen Kram. Und der wäre?

Immerhin: Nicht zu Unrecht redet der Volksmund vom Lichtausknipsen. Pastorale Termini für Deinen Zustand sind dagegen

o der Tote
o der Entschlafene
o der Dahingeschiedene
o der Heimgegangene
o der Selige
o der Entseelte
o der Entleibte
o der Aufgebahrte,
o der Eingesargte
o der Gestorbene
o der Beerdigte
o der Begrabene
o der in Frieden Ruhende
o der Dahingeraffte
o der Verblichene

unter Bekannten auch

o der Erblasser, und
o der Sack, der Sau- und/oder Mistkerl.

Nur: Irgendwie bist Du übern Berg. Das alles geht nicht mehr an Dich heran. Irgendwer hat mit dem mächtigen Finger geschnippt, und Du bist drüben. Drüben, das ist eine Existenz ohne Emotionen. Da ist kein Gott, es finden sich keine Engel, es fehlen Manna, Hosianna! und Halleluja! Keiner zerrt Dich vor einen Thron. Keiner droht mit seinem Flammenschwert und weist auf Endabrechnungen hin. Du bist nicht irgendwo. Nur noch: Du bist. Basta.

Unbemerkt wurdest Du assimiliert, in ein Kollektiv eingefügt, als sei Dir dort ein Platz schon immer reserviert gewesen, als sei das, was Du zu Lebzeiten Deine Seele nanntest, nie anderes als ein auf Zeit verliehenes Bewusstsein gewesen, das Du nach Ablauf Deiner biologischen Uhr wieder zurückgeben würdest, was sich an seinen angestammten Platz verfügt, um vielleicht in einigen hundert Jahren einem gerade geborenen Menschen zugeordnet zu werden, um jenem anderen Menschen vielleicht das Gefühl zu vermitteln, er sei Deine Reinkarnation, und doch käme es der Wahrheit sehr viel näher, Deine eigene Wiedergeburt in der Person dieses Neugeborenen zu erleben – könntest Du dann Deinen neu verliehenen Gefühlen trauen.

Oder aber Du wirst nicht wiedergeboren. Du hast als Seele ausgedient, und bleibst auf Deinem Stammplatz, Teil einer allgegenwärtigen Wesenheit in einer anderen Dimension als die der Menschen, in einem anderen Universum, das dem menschlichen so nah ist wie eine Pelle der Wurst, teils geahnt, teils gefühlt, und wegen mangelhafter Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen als Geist, Gespenst oder göttliches Wesen empfunden.

Ja, wäre da nicht die Frage nach dem Disponenten zu stellen. Wer in drei Teufels Namen steuert den Prozess?

Der Kleriker: Vergiss die drei Teufel. Es ist der Wille des Herrn!
Der Kosmologe: Frage in 4 Wochen nach. Dann habe ich das durchgerechnet.
Der Atheist: Das geht alles automatisch und braucht keinen Gott!
Der Schlachter: Blödsinn. Man kann aus Wurst kein Schwein machen!
Der Computerfreak: Es funktioniert wie mit den RAM´s. Gigantisch!

Und ich glaube, es herrscht das Zufallsprinzip. Wer am nächsten dran ist, ist dran. Möglicherweise hat jedes als belebte Materie existierende Wesen eine Seele, gleichgültig, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Das allgegenwärtige Kollektiv liegt wie ein Netz über der uns bekannten Welt und haucht dem Belebten eine Seele ein. Der Esoteriker: Sie assimiliert den Biokörper und verleiht ihm Charakter und Gefühle. Und der Biologe: Umgekehrt!

PIETÄT?

Ja, ich spüre Dein Unbehagen fast körperlich. Pietätloses Gesülze, denkst Du. So darf man nicht mit dem Thema Tod umgehen! Falsch. Ich schon.

Pietät meint unter anderem die Ehrfurcht, die Achtung gegenüber Toten.
So mein Fremdwörterbuch.

Ich verstehe das nicht.
So mein Verstand.

Der Tagesspiegel (5.10.1999):
KRIEG DER BESTATTER:
Es gibt zu wenige Leichen. Das Geschäft läuft schlecht. Die Branchenriesen ( ….. des Bestattungs-gewerbes …. ) ziehen alle Register – in Berlin ist der Markt besonders hart.

Das Internet (1.4.2002):
Seitenlang Pietät Meier, Müller, Schulze, mal mit OHG, mal mit GmbH, mal mit dem Zusatz KGaA, und alle mit der Aufforderung:
Hast Du Leichen – rüberreichen.
Und im O-Ton: Provision!

Polnische Verhältnisse: Arzt tötet Patient und verkauft Leiche an Pietät Krasnicki

Pietät erfordert die Bestattung auf Gemeinde- oder kirchlichen Friedhöfen – damit die nicht schliessen müssen.

Dem Heimgegangenen ist Ehrfurcht entgegen- zubringen. Ob ihm daran liegt, im Tode die Achtung erhalten, die man ihm im Leben versagt hat?

„Schau mal! Der Roland hat nur 3 Kränze erhalten!“
„Jaaa, mein Claudius hatte 17!“
„16. Einer war von Dir!“
„Oh wie schön! Jetzt werfen sie Blumen in das Loch!“

Wagt so etwas ja nicht über meiner Leiche!
Ich werde mich nicht mit Stühlerücken begnügen!

Lasst die Blumen dort, wo sie hingehören – auf ihren Stielen! Und:
Wirklich menschen-gerecht ist es, die Trauer der Lebenden zu achten.

863 – Sorgen

Landunter! So kanns kommen. Die Hanseaten als Flüchtlinge in Bayern – was für eine Vorstellung.

„Wos wuist? A Essen? Bist narrisch? Schleich´Di, Du Depp, oder mechst raffa, ha? Du Rucksack-Deitscha, Du ….. Du ….. Du Wirschtl! Geh zruck zu die Fisch !“

Ob man so viel sprachliche Eleganz auf die Dauer verträgt, oder nicht doch Pickel davonträgt, muss man abwarten. Vorsicht! Das ist kein Rassismus! Ich darf das, denn ich bin als Bayer geboren. Damit das klar ist.

Wenns mal soweit ist: Rennt nicht alle in die Heide, zum Wilseder Berg! Der ist zwar knapp 170 m hoch, hat aber wirklich nur Platz für 120 Menschen, zur Not 123.

Und Leute, keine Hektik. Dieses, und nächstes Jahr sind wir noch sicher.

Fangt aber schon mal damit an, Sandsäcke zu füllen. Noch gibt es Säcke und Sand – leider vorläufig voneinander getrennt. Eine kleine Hilfe: Wenn Deine Hütte 20 m lang und 10 m breit ist, und Du rechnest 100 Sandsäcke auf einen Meter, dann macht das 200×138=27.600 Sandsäcke, und Du kriegst damit einen Wall gesetzt von 100 cm Höhe und 120 cm Dicke an der Basis, und 30 cm on the top. Damit kannst Du ein weiteres Jahr trocken liegen. Für das besondere Problem mit den Abflüssen im Haus muss Dir etwas einfallen. Wenn Du die nicht druckfest verschliessen kannst, läuft Dir die Bude von innen voll, und ich sage Dir, ich habe das mal bei Hochwasser erlebt, Du kannst Dir nicht vorstellen, was alles aus den Kloschüsseln in Deine gute Stube gespült wird – ganz extraordinär! Wie das? Na die Kanalisation läuft als erstes voll und transportiert wegen unsinniger Druckverhältnisse im Röhrensystem quasi rückwärts.

Schliesslich solltest Du für alle Fälle ein Schlauchboot von mindestens vier Meter Länge zur Hand haben, 4-Kammern-System, drei Paddel pro Insasse für den Notfall, und einen 40 PS-Aussenborder mit Sprit für 300 km Schleichfahrt, sowie ein Drachenanker für die Ruhepausen. Wasserfeste Kleidung, Esbit-Kocher, Fackeln, Signalpistole, Munition (nicht an Silvester verbraten), wasserfeste Kekse und Konserven für zirka eine Woche. Keine Frage, dass alle wichtigen Papiere in Plastik einzuschweissen sind, parat liegen für den Exodus. Medikamente gegen Scorbut sind ebenso unentbehrlich wie Unterwäsche aus Angora-Wolle. Ein Kompass muss zuverlässig SÜD zeigen, sonst gehts schief. Hoffe nicht auf Seekarten – für die Strecke von Buxtehude nach Göttingen gibts noch keine. Und – das ist besonders wichtig – Pressluftkartuschen zum Aufblasen Deines Boots! Schwimmwesten, Leinen, kleines Segel wäre auch praktisch, spart Sprit, warme Sachen zum Wechseln. Vergiss das Auto! Damit kommst Du nicht weit! Alle wollen mit dem Auto abhauen. Du aber wartest gelassen auf das Wasser, belädst Deine luftgefüllte Arche und tuckerst in aller Seelenruhe los, Kurs Süd, bis auf der Backbordseite Berge auftauchen. Im Harz ist Pause, mit festem Boden unter den Füßen.

Aber mach unterwegs kein Loch ins Boot. Für diesen Fall muss Dir auch etwas einfallen. Das Marine-Handbuch? Stichwort: Leck (niemals Loch), und abdichten (niemals zukleben).
Und „Ahoi“ ist verboten. Wert das ruft, wird über Bord geworfen. Wer zur See fährt, ist einer erbarmngslosen Tradition verpflichtet.

862 – Klima

Kakteen sind ja so dankbar: Geringes Wachstum, kein Bedarf an Wasser, Früchte und Purpur an Opuntien, Tequila aus Agaven – und mit dem bisschen giftigen Sumach werden wir auch noch fertig. Bevor der Moloch Hamburg elb-aufwärts bis Dresden das Grundwasser weggesoffen hat, werden wir auch Meerwasser in grossem Stil entsalzen können; die Elbe wird ein Wadi sein, täglich zweimal durch die Flut mit Nordsee aufgefüllt, und ich gehe bei Ebbe sonntags trockenen Fusses rüber nach Blankenese.

Träume weiter, Alter. Die Katastrophe schreitet fort.

Schliesslich wird sich die Erdatmosphäre so sehr erwärmt haben, dass die Pole abgetaut sind, die Meere überlaufen, die Elbe samt Umland absäuft, und Finkenwerder Elbfischer in unserem Garten Krabben fischen, genauer: Über unserem Garten. Dann ist Schluss mit Eisensulfat und Sportplatzrasen. Spätestens dann. Dann sind Queller und Seegraswiesen angesagt. Und Wollhandkrabben XXXL, also Klodeckelformat.

861 – Eisensulfat

Kennst Du Eisensulfat?

Herstellung: Die Herstellung erfolgt durch das Auflösen und Kochen von Eisen oder Eisenabfällen in Schwefelsäure. Das Produkt wird in eine Schale filtriert und mit Wasser verdünnt. Aus der kalten Lösung kristallisiert das Eisen(II)-sulfat-Heptahydrat.
In gereinigter Form bekommt man Eisensulfat als Medikament gegen Eisenmangel im Blut, und andere Erkrankungen dieses Formenkreises.
Bekanntlich wird Eisen für die Bildung des Hämoglobin benötigt.

Gerade habe ich davon 20 kg gekauft. Wir streuen das Zeug einfach in den Garten, genauer: Auf den Rasen.
Das ist pfiffig, nicht wahr?

Wenn Du 250 qm mit Eisensulfat bestreust, hast Du einen Rostfleck mit einer Ausdehnung von genau 250 qm.

Nein, es geht bei der Aktion keineswegs um Eisenmangel und Hämoglobin-Bildung. das hast Du Dir schon gedacht? Wir wären ein richtig gutes Team, Du und ich. Nein, das blaue Pulver verschafft der Graspflanze Luft zum Atmen, indem es die Moose abtötet. Wir greifen auf diese Weise aktiv in einen Verdrängungswettbewerb ein, um eine grüne Pflanze auszurotten und eine andere grüne Pflanze zu fördern. Dies riecht ein wenig nach Nonsens, nicht wahr? Wundere Dich nicht – die Idee ist britisch! Dort hat vor Jahrhunderten ein Gärtner entschieden, dass ein Rasen aus Gras, und nicht aus Moos zu bestehen hat. Seitdem quälen sich Hobbygärtner und Rasenstücke Jahr für Jahr um die Reinerhaltung eines englisch genannten Rasens – ob der Boden das nun mitmacht oder nicht, ist dabei völlig ohne Belang.

Wenn Du nun glaubst, Du wärst damit durch, liegst Du ein reichliches Ende daneben. Noch während Du die kahlen Stellen mit Berliner Tiergartenmischung, einer allseits beliebten Grassamenmischung bestreust, beginnt der harte Kern unter den Graspflanzen, obschon bis auf die Wurzel runtergeschrubbt, explosionsartig zu wachsen. Ein rascher Blick auf die leeren Plastikeimer bestätigt den fürchterlichen Verdacht: Im Eisensulfat war Dünger enthalten! Und Du erinnerst Dich an die Jahre zuvor, wo alles genauso abgelaufen war – und die unbedachte Rasendüngung vom frühen Frühjahr an bis kurz vor Weihnachten im 3-Tage-Rhythmus Rasenmähen erforderlich machte. Anderthalb Stunden hechelst Du hinter Deiner Maschine her, und am Ende weisst Du nicht, wohin mit dem grünen Dreck. Also 17 km zur Deponie, 17 km retour. Beim Abschied ein lachender Aufseher: Also, wir sehen uns in drei Tagen wieder! Machs gut! Betroffen rollst Du vom Hof – auch der noch!

Irgendwer hat mir mal geraten, ich solle ein paar Stangen Dynamit in den Garten werfen, und den Rest die Natur besorgen lassen. Wie recht der hatte …..

Nun, der guten Ordnung halber sollte ich hinzufügen, dass der Garten nicht mein Reich ist, sondern neuerdings das meiner Tochter. Seit ich vor vielen Jahren beim Jäten junge Rittersporn-Pflänzchen als Unkraut erkannt und ausgerissen habe, herrscht für mich so etwas wie Gartenverbot, und ich darf in demselben nur unter Aufsicht arbeiten – wenn überhaupt. Denn seit jenem denkwürdigen Tag trage ich das Etikett „Achtung! Zu blöde für Gartenarbeit!“.

860 – Human

Ja, ich höre die Stimmen, die sagen, der Arsch, also ich hätte mal seine 45 Jahre in der DDR abbrummen sollen, dann wüsste er wohl, was Unfreiheit ist. Und ich sage Dir, lebe Du mal im Westen mit zwei Kindern von der Sozialhilfe, oder mit 180 Euro für den ganzen Monat, weil Deine Rente gerade noch für die Miete ausreicht, aber nicht mehr für einen täglich vollen Futternapf – dann erst können wir über Freiheit diskutieren. Bis dahin bist Du so inkompetent wie Dein Befreiungs-kanzler und seine Nachfolger. Alles klar? Nein? Dachte ich mir.Dann pass mal gut auf. Ich bin kein Misanthrop – aber es gibt eine Sorte Mensch, die ich von Herzen verachte. Nicht dass ist es mir leicht machte – als Pingel-Paule mit Buchhalter-Mentalität habe ich auch darüber mal nachgedacht und mir einen Standpunkt zurechtgelegt.


mailto: kanzlerkandidat@wolfratshausen.bay
betrifft: Humanitas?

Ich kenne ein paar Leute, mit denen ich keinesfalls befreundet sein möchte. Mehr noch: Einigen anderen gehe ich aus dem Weg. Die Gründe dafür sind hier nicht von Belang, lediglich die Tatsache, dass es so ist, wie es ist.

Unsere Welt ist ein Dorf. Jeder kennt einige, oder gar viele andere. Intuitiv haben wir die uns bekannten Menschen mit einem Wert belegt, der – vereinfacht gesagt – positiv oder negativ sein kann. Nochmal: Gründe spielen hier keine Rolle, ebensowenig die Frage nach Gerechtigkeit und ähnliches.

Denken wir über unsere Wohnungstür hinaus, so registrieren wir ein weltweites Geflecht von Sympathien und Antipathien, mit Milliarden von Knotenpunkten namens Mensch, ein Geflecht, das in einer Art Schneeball-System entstanden sein muss.

Man kennt einige, und die kennen wieder andere, die noch andere kennen usw. Es gibt nur noch wenige Inseln, in denen Menschen ohne Aussenbeziehung leben, und deren isolierte kleine Welt vom globalen Netz aus positiven und negativen Beziehungen abgekoppelt geblieben ist.

Anders verhält es sich mit der individuellen Betrach-tung, und der dualen, der Mensch zu Mensch-Beziehung.

Darf man Menschen ablehnen und dennoch für sich beanspruchen, Philantrop zu sein?

Anders: Es ist in Mode gekommen, dass kritische Medien zuhauf über menschliche Fehlleistungen bis hin zu unmenschlichen Handlungen in epischer Breite berichten. Dies gleicht einem unablässigen Aufruf wie „Schaltet ROT für X!“, und wir leisten dem Aufruf Folge. Wir entwickeln dabei eine Gefühlswelt, die von schlichter Ablehnung über Verachtung bis zu Hassgefühlen reicht; aber darf ein Menschenfreund andere Menschen ignorieren, verachten, hassen?

Irgendwer hat einmal gesagt: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere!“. Dies war sicher nur als geistvolles Bonmot gedacht. Es ist kaum vorstellbar, dass der Erfinder die grünen Lichter nicht wahr-nehmen wollte. So, wie „der Glaube an das Gute im Menschen“ als Bestandteil einer Ideologie verlangt, rote Lampen zu ignorieren.

Differenzierte Betrachtung ist lästig und verkompliziert die Dinge …..

Das Dunkle im Menschen existiert. Es hat seine Ursache im Egoismus und steht nur scheinbar in direktem Widerspruch zur Humanität, jener Grundhaltung, die auf Menschenwürde, Toleranz und Empathie fusst.
Das hier vermutete Dilemma ist aufzulösen, indem man auf zwei Ebenen nachdenkt; es sind eine kollektivistische und eine individualistische Seite des Problems zu betrachten.

Nehmen wir zur Erklärung den Begriff des Altruismus. Er bezeichnet eine ethische Einstellung, die, Selbstlosigkeit unterstellt, auf das allgemeine Wohl der Menschen ausgerichtet ist. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass der Altruist in seinem auf die Gemeinschaft gerichteten positiven Denken und Handeln a l l e Lampen des Kollektivs ignoriert. Zugleich wird er zum Individuum positive und/oder negative Wertungen vornehmen und verarbeiten, und genau zu diesem Zweck Lampen schalten

Der Humanist liebt die Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen, akzeptiert sie als Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Seine persönlichen Bezugspersonen wählt er allerdings sorgfältig aus, indem er beachtet, wer von wem rot oder grün erhalten hat, und wen er selbst rot oder grün geschaltet hat.

Die Auflösung des konstruierten Widerspruchs liegt also in der Differenzierung zwischen Kollektiv und Individuum. Beide Einheiten existieren parallel, haben unterschiedliche Ziele und weisen andersartige Organisationszustände auf.

Wir müssen die menschliche Gemeinschaft so akzeptieren, wie sie beschaffen ist. Wir können uns eine andere wünschen, werden sie aber nicht erhalten. Wir können nirgendwohin konvertieren.
Aber wir können mit einer positien Grundhaltung und durch Praktizieren eines menschenwürdigen Werte-systems zur Verbesserung der moralischen Grund-lagen unserer Gesellschaft beitragen. Auf diese Weise schaffen wir ein Orientierungssystem für den Einzel-nen.
Zugleich aber haben wir jedermanns Persönlich-keitsrechte zu respektieren und seine Ansichten so lange zu tolerieren, wie sie die innere Harmonie der Gemeinschaft nicht wirksam stören.

So weit, so gut. Ich, Herr Kandidat, wohne neben einem maroden Atomreaktor, der in Kürze vom Netz gehen soll. Der Betreiber, Herr Kandidat, hat mittlerweile öffentlich gemacht, dass er wegen eines Überangebots an Energie das Ding garnicht benötigt. Dann kommen Sie, Herr Kandidat, und möchten im Falle Ihrer Wahl den Ausstieg aus dem Atomstrom rückgängig machen. Ich schalte ROT.

Der ganze verfluchte, giftige Dreck soll keinesfalls in Bayern, sondern ausschliesslich in Niedersachsen endgelagert werden. Sauber sog´ i. Das wäre dann auch wieder mein Problem, wie die sieben Krebsfälle in meiner Nachbarschaft. Ich schalte zur Sicherheit nochmals ROT.

Sie wollen diese Republik regieren? Pest und Cholera wären mir lieber. Gegen die gibts wenigstens Pillen.

859 – Freiheit

Vielleicht sollte man den Versuch einer Definition für „Freiheit“ erst garnicht riskieren. Allerdings: Solange ich zurückdenken kann, wird das öffentliche Bewusstsein mit diesem Begriff befrachtet. Es gibt kaum eine mir bekannte Persönlichkeit, die das Wort „Freiheit“ nicht schon öffentlich benutzt hätte, und es gibt kaum einen von mir wahrgenommenen Auftritt, der nicht nach Missbrauch von „Freiheit“ schmeckte.

Gedankenlos, oder in Rosstäuscher-Manier? Unintelligent, hintertrieben oder idealistisch? Ich denke, dies sind schon zutreffende Attribute für verbale Missetaten. Jeder, der das Wort Freiheit im Munde führt, setzt es beliebig ein, so also, wie es ihm zum konkreten Fall genehm ist. Freiheit verkommt zur Propaganda.

Ich meine, Freiheit muss gewährt, und dann gelebt werden. Wer von der Freiheit des eigenen Gemeinwesens redet, ist verdächtig, und wer viel darüber redet, ein fast überführter Übeltäter.

Man gewöhnt sich jedoch an diesen Sprachgebrauch und an die mit der unredlichen Verwendung solcher Begriffen einhergehenden Entwertung der Werte-systeme, so, wie man sich an ungesunde Ernährung gewöhnen kann. Wenn – ja wenn da nicht gleichzeitig der Wunsch des Menschen wäre, frei zu sein – was immer er im einzelnen darunter verstehen mag.

Immerhin ist die Auffassung geläufig, dass frei sei, wer nicht eingesperrt ist. Diese Knastlogik ist trivial, und wie alles Triviale auch wahr, sie verdient allerdings keine weitere Beachtung.

Also anders: Wirklich frei ist der Mensch bekanntlich nur in einer Anarchie. Das bedeutet dann, frei zu sein in rechtlicher, politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Ja, das wäre es fast gewesen – gäbe es nicht den Menschen selbst, mit seinen genetisch bedingten Veranlagungen, die ihm ein Sozialverhalten aufzwingen, das die Freiheit aller Sippenmitglieder beschränkt.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Unfreiheit des Menschen in ihm selbst beginnt; sein erster Käfig heisst Egoismus. Diese animalische Veranlagung hat er kraft seines Verstands und mangels Vernunft weit über das Niveau jener Kreaturen gesteigert, die er Bestien nennt.

Dieses offenkundige, fürchterliche Defizit des Menschseins soll Ausgangspunkt für die Frage sein, was nach seinem eigenen Verständnis den Menschen eigentlich unfrei macht. Vorausgeschickt: Alle Versuche, einen besseren Menschen zu formen, sind bisher gescheitert, nicht wahr? Wir werden dieses Ziel niemals erreichen, weshalb der „bessere Mensch“ nie Ziel sein kann.

Wohl aber haben wir es in der Hand, die gesellschaftlichen Masstäbe und deren Anwendung zu optimieren. Dies ist die Aufgabe jener, die von den Bürgern zur Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt werden. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass der moderne Politiker Politur meint, wenn er Politik sagt.

Konstruktive Kritik darf also nicht am Individuum, sie muss am System geübt werden. Seine Aufgabe ist die Sozialisation des Individuums, sein Werkzeug eine allgemein gültige Werteordnung, konkretes Ergebnis die höchstmögliche Hemmschwelle gegen das Ausleben des Egoismus.

Was also macht den Menschen unfrei ? Es sind z. B.
· Armut
· Ideologien und Doktrine
· Religiöse und pseudo-religiöse Zwänge
· wirtschaftliche Abhängigkeiten
· staatliche Gewalt (Legislative, Judikative und Exekutive)

Man schaue sich diese kleine Auswahl und anschliessend die Situation der Menschen in Nord-Korea an. Fünf Fragen, fünf Antworten mit „Trifft zu!“. Daraus leitet die „freie Welt“ in kaum zu überbietender Arroganz ab, das dortige Regime mache seine Bürger unfrei und stünde dabei im Gegensatz zur westlichen Welt. Grundsätzlich ist diese Feststellung sogar korrekt. Aber schauen wir uns Deutschland genauer an.
· Wachsende Armut zwingt zur Einrichtung von Suppenküchen
· Ausländer, Penner und Linke werden verfolgt
· Homosexuelle werden verachtet und benachteiligt
· Die katholische Kirche handhabt Heiratsverbote
· Menschen werden zwecks Gewinnmaximierung aus dem Arbeitsverhältnis entfernt.
· Kranke, Autofahrer und andere Gruppen werden aus dem gleichen Grund ausgeplündert
· Politiker belügen und betrügen den Bürger
· Polizisten prügeln Demonstranten, die nicht auf einem Atomendlager wohnen wollen
· Das Rechtssystem leidet über Gebühr unter der Diskrepanz von Recht und Gerechtigkeit
· und es wird zudem beliebig angewandt.

Ich gestatte mir die polemische Darstellung ausschliesslich zur Verdeutlichung: Für die eigene Gesellschaft wird geltend gemacht, sie sei frei. Sie ist es jedoch nicht, wenngleich anders unfrei als in Diktaturen, und sie kann es auch nicht sein.

Annähernd frei ist der Mensch nur im Chaos einer Anarchie. Die Menschen fordern jedoch ein wohlorganisiertes, soziales Gemeinwesen, das mit einem minimalen Regulierungsmechanismus alle wesentlichen Voraussetzung für ein gesichertes Leben in der Gemeinschaft gewährleistet. Die damit verbundenen Einschränkungen der persönlichen Freiheit werden akzeptiert, sie sind der Preis für die Sicherheit. Zur Sicherstellung dieser Interessen wählen sie Regierungen, und ihre eigenen Vertreter in die Parlamente. Und sie müssen erleben, dass Regierende nicht regieren, sondern mit Interessen-gruppen kopulieren, Machtkartelle bilden und damit die Freiheit des Einzelnen wie des ganzen Volks gefährden, einengen oder gar eliminieren.

Anders: Eine Gesellschaft, die ihre Alten wegsperrt, produziert für die Betroffenen Unfreiheit. Wenn sie sich zudem erlaubt, 30 Prozent ihrer Bürger an der Armutsgrenze leben zu lassen, erhöht sich die Unfreiheit. Mit 10 Prozent Arbeitslosen und dem Ausländeranteil sind die Nicht-Freien rasch mit 50 Prozent beziffert. Ist Deutschland nun ein freies Land?

Ich sage ja – fuer die andere Hälfte der hier lebenden Menschen. Möge jeder für sich entscheiden, ob ein halbvolles Glas halb leer, oder ein halbleeres Glas halb voll ist.

Fehlleistungen haben Folgewirkungen. Der Bürger nimmt nationale Defizite auf seine Weise wahr, und zieht auf seine Weise daraus Lehren. Diesen ist stets die Verweigerung gemeinsam, und das schliesst Pseudo-Werte wie Heimat, Volk und Staat mit ein. Konkrete Folgen sind soziale Erschütterungen jeglicher Art. Sie entstehen im Bewusstsein, dass die eigene Gesellschaft nichts taugt, dass demzufolge die Achtung von Werten und Normen dieser Gesellschaft nutzlose Einschränkung bedeutet. Teile der Bevöl-kerung gleiten ab in die Kriminalität, in Vandalismus, Randalierertum, Sektierertum, in idealistisch überhöhte Ideologien, politische Polarisierung etc.

Unterdessen reklamieren die Regierenden die Beachtung einer „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ und schreiben sich „Freiheit“ auf ihre Fahnen. Es gibt kaum eine krassere Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und kaum ein Verantwortlicher scheint dies wahrzunehmen.

Dies alles lässt sich auch kurz und sehr treffend reduzieren und auf einen für den Bürger praktikablen Punkt bringen, mit dem Götz-Zitat nämlich. Und genau das geschieht, in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels zum Negativen hin öfter, und deutlicher denn je.

Wie meinen? Schwer verdauliche Polemik – das ist durchaus korrekt. Polemik ist´s gewiss, und schwer verdaulich auch, weil man es nur schwer verdaut, wenn man Illusionen verliert.
Gemeint ist die Illusion, unsere gewählten Politiker seien Übermenschen, sie seien besser als wir selbst. Nein, sie sind nur freier als wir. Dafür haben sie selbst gesorgt. Wann ist je ein Politiker für seine mangelhaften Leistungen zur Rechenschaft gezogen worden? Für seine Affairen? Nichts dergleichen ist justitiabel. Wenn die Clique nicht will, wirst Du diese Leute nicht los! Nicht, bevor sie wegsterben!
Wie? Abwählen? Dass ich nicht lache. Sie wechseln doch im selben Raum nur den Stuhl. Los bist Du sie noch lange nicht. Wenn die das nicht selbst besorgen, dann leidest Du an ihnen wie an einer unheilbaren Krankheit. Und wenn sie es selbst besorgen, bist Du eine Null immer noch nicht los. Sie taucht am Ende auf einem lukrativen Posten in der Wirtschaft wieder auf.
Jene Stimmen, die eine Zuständigkeit des Militärs für die innere Sicherheit fordern, werden immer lauter. Der Einsatz von Soldaten gegen die Bürger? Woher kenne ich das nur? Im Moment komme ich nicht drauf …..
Freiheit? Hör mir auf mit dem Scheiss!
Das Mass an Freiheit, das ich selbst geniesse, habe ich mir im Rahmen des geltenden Rechts genommen. Nicht das politische System gewährt mir solche Freizügigkeit. Ich geniesse sie, weil es nicht leicht ist, sie mir zu nehmen. Die Gedanken sind immer noch frei …..

858 – Prominenz

Möglicherweise ist es erforderlich, über Jahre, vielmehr über Jahrzehnte eine Technik der selektiven Wahrnehmung so zu verinnerlichen, dass sie sich zum bedingten Reflex entwickelt – dann hat man einen Schaden für’s Leben, und erst dann ist man reif für eine Spitzenposition in der Politik.

Selektiv nimmt man sich dann nur noch selbst wahr, und hilfsweise jene, die der eigenen Sache dienlich sind, oder die der eigenen Sache schaden. Eine Milliarde Menschen kann nur noch als „Material“ erkannt werden, das wahrzunehmen eine unnütze Belastung sein würde, und jener Teil davon, der dieselbe Nationalität besitzt wie man selbst, ist maximal als „Wählermaterial“ nützlich. Affen gleich bekommt das Wahlvolk Zucker, wenn es mal wieder an der Zeit ist.

Hast Du mal Prominente auf freier Wildbahn beobachtet? In der Öffentlichkeit tragen viele einen hochroten Kopf auf dem Halse, weil es so verdammt anstrengt, Eindruck zu machen, und sie gehen, als hätten sie sich einen fürchterlichen Wolf gelaufen –Karrikaturen ihrer selbst!

Wie hat mich ein 78jähriger Schauspieler beeindruckt, der morgens um halb acht an der Flughafen-Bar auftauchte und brummte: Mann, reich mir sofort einen 3-fachen Bourbon rüber, ich hab´ vielleicht einen Brand!

Zwei Film- und Theaterschauspieler/innen , also eine Sie und ein Er in der Flughafenbar. Ich sitze am Nachbartisch. Sie unterhalten sich – in Theatersprache, also besonders laut, besonders deutlich, sodass man auch in der hinteren Reihe ihren Dialog ohne Anstrengung mithören kann. Ich hatte beide bereits in Action gesehen, war deshalb verblüfft:
Spielen sie nun als Private ihre Rolle weiter, oder spielen sie ihre Rollen so, wie sie privat gehäkelt sind? Um ehrlich zu sein, ich weiss es bis heute nicht.

Infame Menschen glauben festgestellt zu haben, dass manche prominente Schauspieler keine solche sind, sondern nur sich selbst spielen können. Dann besteht deren Leistung also darin, erstens einen Haufen Text zu lernen, diesen zweitens korrekt in Handlungen wiederzugeben, und drittens 60 Vorstellungen en suite durchzuhalten, und das vielleicht ein Arbeitsleben lang. Ein Facharbeiter bewältigt eine ähnliche Aufgabe, wird aber nicht prominent. Daraus ergibt sich: Verkaufe schönen Schein, und Du wirst beneidet und bewundert.

Ich sage Dir: Lass´ sie. Schau sie Dir an, und erfreue Dich daran, wie sie sich zum Affen machen, sich für wichtig bis unentbehrlich halten, wie sie im Understatement vom Kulturbetrieb reden und sich selbst für unverzichtbare Träger der Kultur halten, wie sie Anordnungen für ihren Tod treffen, die weit jenseits des guten Geschmacks liegen – das alles ist doch wirklich komisch, oder? Eine Realty soap, oder?

Kaum die Hälfte der Promi´s bringt eine derartige Normalität – gut, ich lasse mit mir streiten, ob die erlebte Prominenz statistisch signifikant sein kann. Wahrscheinlich ist sie es nicht, aber ich habe jetzt erst wieder eine Bundeskanzlerin erlebt – meine ist das nicht.

ps: Die Kanzlerin ist nun ex; man sagt, sie beweist plötzlich Humor. Warum tat sie das nicht im Amt? Denk mal drüber nach!

857 – Menschsein

VORSICHT! UNVERDAULICHE KOST!

Wer ist dumm? Und wer intelligent? Wenn Du willst, kann ich Dir auf Anhieb ein Dutzend Blödmänner nennen – aber ich möchte es nicht riskieren, jemanden der Dummheit zu bezichtigen. Wie? Du siehst nicht den Unterschied zwischen Etikett und Inhalt?
Wie könnte man jemanden intelligent nennen? Was genau sagt ein „IQ“ von 150? Eins der Probleme besteht doch darin, dass man die Ungebildeten nicht unterbringen kann, nicht wahr? Sie bilden ihre eigene Gruppe der nur scheinbar Dummen, über die man sich wundert, wenn sie, die blinden, mit einem Male mehr Körner finden als die sehenden Hühner!
Es ist meine Überzeugung, dass es keine wirklich dummen Menschen gibt. Politisch Dumme können mit ausgeprägter praktischer Intelligenz ausgestattet sein, und politisch Clevere ohne jede soziale Intelligenz. Unter der letztgenannten Sorte leidet die Menschheit seit Urzeiten.
Unter fachkundiger Betreuung erbringen geistig Behinderte kreative Leistungen – und Kriminelle beweisen gelegentlich Sozialkompetenz – alles ist möglich, weil der Mensch so eine wunderbare – Bestie ist. Ob Gutes oder Schlechtes entsteht, ist doch nur davon abhängig, welcher Teufel uns gerade reitet, oder? Jeder von uns hat gelegentlich einen Exorzisten nötig, nicht wahr?

Das Dunkle im Menschen

Man nennt den Prozess der Eingliederung eines Menschen in die Gemeinschaft Sozialisation. Ziel ist seine Unterordnung.
Bei der Individuation verläuft der Prozess in umgekehrter Richtung. Der Mensch erkennt sich selbst und damit seine Verschiedenheit zu anderen. Ziel ist seine Befreiung.

Die beiden Prozesse verlaufen parallel, und in gegensätzliche Richtungen. Der eine schliesst den anderen nicht aus, denn jeder bewegt sich auf seiner eigenen Linie.
Allerdings beeinflussen sie sich gegenseitig, funktionieren wie kommunizierende Röhren. Gemeinsames Ziel ist Ausgewogenheit.
Aber wie verhält es sich nun mit der dunklen Seite des Menschen? Für ihre Entwicklung ist ein dritter Prozess verantwortlich, der die beiden erstgenannten wiederum nicht auschliesst, sondern ergänzt und der dazu in Wechselwirkung steht.
Die dunkle Seite des Menschen ist Teil seiner Natur. Sie ist seine einzige wirklich starke, natürliche, charakterprägende Veranlagung. Man kann sie als Egoismus in seiner reinsten Form verstehen.
Sozialisation und Individuation bewirken eine Modifizierung dieser dunklen Seite. Die Interaktion dieser drei Linien ziehen Interferenzen nach sich, konkrete Konflikte.
Ob ein Mensch „gut oder böse“ wird, entscheiden jene Kräfte, die von aussen auf die Entwicklungsprozesse einwirken.

Die Verdrängung des Bösen im Menschen gelingt niemals vollkommen. Und sie scheint flüchtig. Ihre dauerhafte Wirkung ist abhängig von der Dauerwirkung der Gegenkräfte.
So entsteht ein individuelles, fragiles Konstrukt.
Andere exogene Einflüsse lassen es gelegentlich schwanken, oder bringen es gar zum Einsturz. Dann wird die „Bestie Mensch“ geweckt.
Besser: Die Bestie wird freigelassen.

Tre figlie e una madre, quattro diavoli per un padre!
(Toskanisches Sprichwort)
Drei Töchter und eine Mutter sind vier Teufel für einen Vater!
(Soviel zur Abrundung dieser unerquicklichen Betrachtung).

856 – Erinnerung

„Keine anderer Ort öffnet Dir sein Herz so wie die Stadt Siena!“

Diese Inschrift findet sich an der Porta di Camollia, einem Tor zur Altsatdt von Siena.

Keine andere Kirche hat mich je so willkommen geheissen wie der Dom von Siena, dessen Baumeister mit den Farben des Marmor verschwenderisch, und doch in vollendeter Harmonie ein Wunder errichtet haben – man kann sagen ein doppeltes Wunder, denn diese Kirche ist nicht nur einmalig, schön im eigentlichen Sinne, nein, sie fasziniert auf eine nie erlebte Weise, hält den Besucher mit ihren Bildern und Mosaiken gefangen, indem sie ihm das Gefühl vermittelt, hier zu Hause zu sein. So jedenfalls habe ich den Dom von Siena erlebt. Zu meiner Frau sagte ich: Schaffen wir ein paar Möbel rein, hier möchte ich wohnen!

Eigentlich unfassbar – für einen Atheisten.

Ich habe viele Kirchen gesehen. Die Kette dieser Erlebnisse beginnt mit dem romanischen Sandstein-Dom in Speyer, der wie eine riesige finstere Gruft das Stadtbild beherrscht, und sie endet mit der Sagrada Familia in mBarcelona, einem neugotischen Bauwerk, das aus Licht und Luft zu bestehen scheint, und in dem alles, was man anfassen kann; indem alles Materielle die phantasievolle, spielerische Handschrift des Antoni Gaudi zu tragen scheint. Dennoch: Die Kathedrale in Siena ist und bleibt „mein Wohnzimmer“. Ich denke, ich habe ein Stückchen meines Herzens
dort gelassen.

855 – Traum

Ich wollt´, ich wär´ein Trüffelschwein,
dann zög´ich mir ´n Trüffel rein
wie´n Kinderkopf so gross.
Statt dessen bin ich dünn und klein,
schwimme umher in Chianti-Wein
als Bratenstück mit Soss´.

Buon giorno, Mauro, Du alter Florentiner!
Dieser Vers ist mir gestern Nacht im Bett eingefallen. Nach der Soss´ bin ich direkt hinüber geglitten – in Morpheus´ Arme. Und heute morgen war er wieder da, der Vers (nicht der Morpheus). Ich glaube, das hat etwas zu bedeuten. Vermutlich ist es schon wieder viel zu lange her, seit wir die Toscana besuchten. Du erinnerst Dich an Montaione, ja? Was für ein Nest! Und was für ein grandioser Lebensmittelhändler, der keine zwei Eier verkaufen kann, ohne dazu eine halbe Arie aus einer Verdi-Oper zu singen!
Ich weiss, dass Du Dein Land liebst, mein Freund. Ich bewundere Dein unbeirrbares Bemühen, bella Italia in harmonischen Bildern zu schildern. Mussolini, ach den vergiss mal, lass uns doch über Macchiavelli diskutieren, der ist interessant, immer noch modern, ein Leitbild der Staatslenkung – was redest Du über den Bossi, den Idioten! Hast Du Baudolino von Umberto Eco gelesen? Na, was sagst Du dazu? Grandios, nicht wahr, und die Mafia, die Mafia … mama mia, was soll man damit? Die sind doch schon alle im Gefängnis, und der Rest bringt sich selbst um – ja, Berlusconi, da hast Du recht. Unschön zwar, aber der beseitigt sich selbst, Du wirst sehen! Wann kommst Du wieder nach Florenz?

Mauro, Mauro! Du Meister der Ausflüchte und der Simplifizierung, natürlich werde ich wieder mal in die Toskana reisen, und diesmal alle Orte auslassen, die mein Reiseführer anpreist, oder ich werde San Gimignano nur zu später Stunde besuchen, wenn alle anderen Touristen müde in ihren Bussen Richtung Hotel in San Irgendwo abgedüst sind.


Ich möchte dort mit Dir einen Sassicaia trinken, wenn er dekantiert serviert wird, oder an dem alten Travertin-Brunnen sitzend eine riesige Portion Gelato aus der Hand des Meisters von gegenüber geniessen, und schliesslich bei Einbruch der Dämmerung einen der Türme besteigen und die Landschaft in einem Rausch von Pastellfarben eintauchen zu sehen, darauf zu warten, dass die untergegangene Sonne neue Stimmungsbilder gestaltet – und dass der Abend schliesslich das Licht ausknipst. Das bringts.
Cu, nächstes Jahr, aber nicht in Jerusalem, vielleicht in Firenze!

854 – Gift

Flußsäure ist eine Lösung aus dem Fluorwasserstoff. Man muss das nicht wissen. Man muss auch nicht wissen, wozu diese Lösung in der Industrie verwendet wird. Zum Beispiel gäbe es ohne diese Säure kein Teflon in der Bratpfanne.

Was man aber wissen sollte, ist die Tatsache, dass man dem Zeug aus dem Weg gehen muss. Warum? Diese Säure ist stark ätzend. Eine handtellergrosse Verätzung mit 40%-iger Flußsäure ist tödlich.

Warum bringe ich diese Gruselnummer auf’s Tapet?

Nun, ich hatte einen schlechten Tag. Nix als Pech. Konzentrierte Unannehmlichkeit.Hier im Norden spricht man von „Schiet an de Feut“. Der Anstand und meine Mama gebieten mit, das jetzt nicht zu übersetzen.
Jedenfall hat dieser Tag, für Statistiker: Es war ein Mittwoch, nichts getaugt. Ich verzichte auf eine akribische Erzählung dessen, was der Tag mir brachte, bis auf das Ende. So gegen 23 Uhr bin ich über eine Verbal-Säure gestolpert, die ich der Flußsäure gleichsetze. Der Stein des Anstoßes, das ätzende Fragment gebe ich hier zum Besten. Allerdings gilt, dass man mit seinem Auto 150 km/h fahren und gegen eine Mauer brettern muss, damit diese Verbal-Säure tödlich wirken kann.

Das größte Problem kontaminierter Personen ist, dass Verstand und Vernunft nicht mehr zusamenarbeiten – im Gegenteil! Der Verstand will verarbeiten und verstehen, die Vernunft gebietet, rasch alles fallen zu lassen und zu fliehen.

Hier das Toxische:

„Die Welt ist die absolute Totalität des Inbegriffs existierender Dinge. (Kant, Erkenntnistheorie)
Phänomenologisch: Sie ist der Horizont der Erfahrung (Husserl), die Ganzheit der Welt ist als der offene Horizont der Raum-Zeitlichkeit zu begreifen.
In Weiterfuehrung der Kant’schen transzendentalen und phänomenologischen Bestimmung von WELT ist sie die Allheit der Dinge begründenden ontologischen Kategorie als Charakter des Daseins, als Verstehenshorizont für das Seiende sowie für den Menschen, und zudem Entwurf des eigenen Seinkönnens, d. h. Welt ist die Ganzheit der Seinsmöglichkeit des Daseins (Martin Heidegger).“

Vergiss nicht: Nur ein Click, und Du bist weg und in der Sicherheit einer normal verrückten Welt!

853 – Erdbewegungen

Unversehens ist die Zeit der grossen Erdbewegungen angebrochen. Diese jährlich wieder-kehrende Phase eigentümlicher Demonstrationen inniger Verbundenheit mit der Urmutter Erde beginnt im März, und endet im September. Ihr äusserer Ausdruck ist die rituelle Verschmutzung unserer Bekleidung, und der schwarze Rand unter den Fingernägeln.
Es war eine intelligente Entscheidung, den Beginn der vier Jahreszeiten auf ein fixes Datum zu definieren. Nun weiss man, es gibt fünfte Jahreszeiten, jeweils mit regionaler Bedeutung. Hier ists der Karneval, dort die Starkbierzeit – und in meinem Haushalt eben die Zeit der grossen Erdbewegungen. Deren Beginn trifft mich in jedem Jahr wieder mit gleicher Heftigkeit. Der Start überrascht ganz einfach; ich fahre los, um Brötchen und Käse zu kaufen, und komme nach Hause mit Brötchen und Käse, und einem Kofferraum voller Erde. Du kennst das: Blumenerde. Geranienerde (ich lerne aus dieser Unterscheidung, dass Geranien keine Blumen sein können, möglicherweise zur Familie der Kakteen gehören), Rhododendron-Erde, Torferde, Mariechen´s Prachterde, vielleicht auch ein Schäch-telchen Heilerde – ich verliere den Überblick.
Zum Denken komme ich nicht. Nichts wie nach Hause, und die Erde abladen. Rein ins Haus, umgehend ins Büro und die Tür schliessen – muss mich beruhigen. Muss verinnerlichen, die Erd-Saison hat begonnen, und das bedeutet, wenigstens einmal wöchentlich Erde säckeweise heranzukarren. Wusstest Du, dass das Zeug literweise verkauft wird? Verkehrte Welt, denke ich. Wodka nach Gewicht, und Dreck nach Litern bemessen zu verhökern! Warum nicht Milch in Metern verkaufen?
Zurück zur Erde. Ich denke, es rechnet sich in Tonnen, was ich im Laufe der Erdbewegungssaison mit meinem Kombi nach Hause schaffe. Und das seit mehr als 25 Jahren. Zu diesen Fakten gehört auch die Feststellung, dass ich niemals auch nur einen halben Liter Erde wieder weggebracht hätte. Daraus liesse sich vermuten, dass unsere kleine Hütte mittlerweile bis zur Dachkante in Gartenerde und ihren kunstvoll veredelten Abarten steckte. Das Zeug muss ja irgendwo bleiben, nicht wahr? Aber nichts da, weit gefehlt. Ich blicke raus in den Garten, mache zur Sicherheit eine Inspektionsrunde und sehe – nichts. Das Zeug ist einfach – ja. Wo eigentlich? Es ist weg. Keine Hügel, keine Warft, weder Wälle noch Deiche, auf dem Dach liegt auch nichts. Logisch ist, dass ich wieder Dreck heranschaffen muss. Es sind nämlich drei Töpfe mit Stiefmütterchen zu bepflanzen. Und der Garten gibt dafür einfach nicht genug Erde her.
Weißt Du, diese Angelegenheit gibt mir Rätsel auf. Was ich beobachte, und nicht sehe, gibt’s nicht. Es darf einfach nicht sein, was nicht sein kann. Ich gehe nun analytisch an das Problem heran:
Ich kaufe Erde. Ich trage sie in den Garten. W. macht irgendetwas damit. Ich entferne die leeren Plastiksäcke, echte Beweise dafür, dass das Zeug da war und verarbeitet ist. Ich entdecke keinerlei Hügel. Die Erde wird ausgepackt, und ist schon verschwunden. Ich frage nach, wo der Kram geblieben ist. Man verweist auf drei kleine Blumentöpfe – das soll alles sein. Anderthalb von 240 Litern sind ausgemacht. Fehlen 238,5 Liter. Zweite Nachfrage.
W. ist schon um die Hausecke verschwunden. Was sie hinterlässt, hört sich an wie „ das ist mein Garten …“, und schliesslich schreit sie so, dass die Nachbarn neugierig werden: Ich brauche noch mal 60 Liter, fahr bitte noch mal los! Ja servus, denke ich, während ich in meinen Kombi klettere, aber ich werde Dir … kaufe nun Gut&Billig, zu einsfünfundneunzig, als die Anweisung präzisiert wird: Mariechen´s Petersilienerde! Und schliesslich schleppe ich 60 Liter dieses wundervollen Drecks in den Garten, lasse den Sack fallen und flüchte. Für heute habe ich’s geschafft. Nur weiss ich noch immer nicht, wo das Zeug bleibt. Also wieder raus, flöte: Ich helfe Dir ein bisschen! Es echot: Ich brauch Dich nicht! Davon verstehst Du nichts! Du machst alles kaputt! Du kennst die Pflanzen nicht! Hast Du nichts Besseres zu tun? Ist Dein PC wieder im Dutt?
Ich retiriere. Nichts wie weg und ins Büro. Das ist so klein, dass ich mich, wenn ich dorthin geflüchtet bin, wie eine Weinbergschnecke in ihrem Haus fühle. Es passt gerade so, aber ich bin geschützt. Zurück zur Analyse: Die Nachbarn klauen nicht. Wäre auch zwecklos, denn die vermissten Hügel wären dann ja wohl dort zu entdecken. Kann das Zeug gefressen werden? Gewiss, von den Würmern! Aber man hat noch nie von einem Verdauungsapparat gehört, der Mineralien in Kohlehydrate umzuwandeln vermag. Eine fette Mette frisst 12 g von Mariechens Geranienerde, und köddelt 11 g wieder in den Garten zurück. Das wäre ein Verlust von 8,3 Prozent, und das macht bei 300 Litern einen Verlust von etwa 25 Litern (aber hallo!). Damit wären nun 26,5 Liter erklärt, 273,5 fehlen noch immer.
An dieser Stelle verliere ich für diese Woche das Interesse am Thema. Also dann bis nächste Woche, schätze, es wird eine 240er. Ich komme noch dahinter, verlass Dich drauf. So ganz nebenbei registriere ich noch, dass ich mich wieder einmal mit der Erdbewegungssaison abgefunden habe.
Es gibt halt Menschen, die kämpfen in ihrem Garten einen aussichtslosen Kampf gegen die Natur, und das mit einer Verbissenheit, als ginge es ums Überleben. Und siehe, genau darum gehts. Für Moose im Rasen, Wildkräuter in den Beeten, die Sitka-Laus in der Fichte, für Bäume und Sträucher, die nicht wachsen dürfen, wie sie wollen, für Pflanzen, die just dort gedeihen sollen, wo es ihnen völlig unmöglich ist.
Der Mensch aber kämpft um eine gute Bewertung seines Gartens im Wettkampf „Unser Dorf soll schöner werden“, und benutzt dazu Masstäbe der MickyMouse-Kultur Hollywoods.
„Ich brauche noch 80 Liter für die Osterglocken!“
Na und? Dann fahr los und kaufe! Ich kann’s nicht mehr! (Ich bin aus dem Schneider!)

852 – Kuhstall

Also, ich weiss nicht, wie es Dir ergeht, wenn Du an Deinem Computer beschäftigt bist. Wie bitte? Du benutzt keinen Computer? Das gibt es einfach nicht. Erst mal mach Deine Elektrogeräte alle auf, und schau nach, was drinsteckt. Computer. Schau unter den grossen Deckel Deines Autos: Computer! Klapp zur Sicherheit Dein belegtes Brötchen auf – man weiss nie!
Im Ernst: Kein PC? Schreiben mit der Hand am Arm? Spell checking per Hirn, und einen Thesaurus im Kopf? Hut ab – das nenne ich originell. Und wie hältst Du es dann mit dem Rest der häuslichen Technik? Waschmaschine? Staubsauger? Fernseher? Deine Kuh von Hand melken? Ach, Du hast keine – das ist was anderes. Normalerweise ruft der Bauer den Futterplan für jede Kuh einzeln ab, und Futterautomaten zählen dem Rindvieh die Maiskörner vor bis auf das letzte Stück! Wenn im Stall jedes Stück Vieh einen Namen trägt, dann nicht, damit man mit ihm eine gepflegte Konversation führen kann, sondern weil der Computer Namen benötigt. In den Kabelkisten hat alles einen Namen! Auch wenn Fachleute dann file name, field name oder name dazu sagen. Den Dialog mit der Kuh Marie kannst Du vergessen. Statt dessen darfst Du Dich mit dem Computer unterhalten, vielmehr mit einer Software namens

Super!milch – das Fütterprogramm für die glückliche Kuh!

Und wenn der bäuerliche Computer dann auf einen schweren Ausnahmefehler brummt und der Hotliner schon wieder zum Arzt musste, ja dann wird die Kuh halt hungern müssen! Dann wird sie nach ihrem Kraftfutter brüllen, keinen an ihren Euter ranlassen, und der Bauer steht ratlos davor und weiss nichts, schmeisst in seiner Verzeiflung eine Schaufel Trockenfutter in den Trog, aber Marie brüllt vor Zorn, weil sie das nicht kennt, so nicht, das Zeug aus dem Futterautomaten sieht ganz anders aus, und der Bauer frisst auch keine ungekochten Nudeln, nur weil die Wasserwerke streiken, dann setzt er sich ans System und schaltet aus. Sofortige Rebellion im Kuhstall. Jetzt hat er alle Rindviecher gegen sich, weil die Biester denken, nun gäbe es nichts mehr zu fressen. Einschalten. Der Monitor spendet das vertraute grüne Licht, die Kühe stehen still in ihren Boxen, käuen wieder. Plötzlich rasselndes Geräusch. Der Bauer dreht sich entnervt um, und schaut ungläubig zu, wie Marie unvermutet gefüttert wird. Keiner weiss warum. Natürlich brüllt sie weiter, aber der Bauer behält nun die Oberhand. Sie will endlich gemolken werden, weil ihr mittlerweile das Monster-Euter höllisch wehtut. Und während der Durchflusszähler leise vor sich hinrödelt und schliesslich 27 Liter Frischmilch der Marke „Marie“ anzeigt, kommt der Bauer doch noch zum Nachdenken. Nimmt sich vor, den Computer rauszuschmeissen, und, um eine erneute Rebellion seiner Milchbrigade zu verhindern, nur den Bildschirm weiterleuchten zu lassen. Hauptsache grün. Und füttern wie früher. Mit den Tieren reden, ihnen die Schlager aus dem Jahr 1965 vorsummen, ein wenig kraulen – und wenn die Kuh leer ist, eine ordentliche Wurst draus machen lassen. Die Kabelkiste schenkt er seinem 12jährigen Neffen, der hat noch bessere Nerven

Kein PC im Haus? Zugegeben: Auch ein solcher Standpunkt ist akzeptabel. Welcher normale Mensch braucht schon einen Automaten, der zu blöde ist, schwarze Buchstaben in Grösse 14 pt mit dem Font ARIAL zuverlässig darzustellen, der so inkontinent ist, dass er solche Formatangaben unter sich lässt, und statt dessen in kackbraun mit Grösse 8 pt den Haettenschweiler durchzusetzen versucht, den ich ums Verrecken nicht ausstehen kann.
Ehrlich: t-online-mail leidet genauso unter besagter Krankheit, wie WORD im Office 2000. Diese Software-Entwickler müssen krank im Kopf sein, sonst würden sie nicht solchen Schrott abliefern, den andere Typen dann auch noch zu Geld machen. Siehst Du: Falls Du tatsächlich nocht in einer PC-freien Zone lebst, so verteidige sie mit Klauen und Zähnen. Ich will Dir gar nicht erst erzählen, wie ich innerhalb von 4 Tagen zweimal mit format c: arbeiten musste, und warum, nur glaub mir – freiwillig macht das keiner!
Tatsache ist, dass man einen ständigen Kampf gegen seinen Computer führen muss, will man Herr im eigenen Hause bleiben. Diese dämliche Blechkiste führt ein Eigenleben und trifft selbständig Entscheidungen. Kann sein, Du schaltest das Teil ein, und betrachtest Deinen Desktop. Der ist das erste, was Du zu sehen kriegst. Der Start. Und Du stellst fest, da ist was drauf, das kennst Du nicht. Das gehört auch nicht dorthin. Du hast es nicht verlangt, Du weißt nicht, was es ist, aber Du fürchtest Dich, es auszuprobieren oder gar zu löschen, weil Du nicht beurteilen kannst, was Du damit anrichtest. Du erleidest eine Schub Deiner Paranoia. Das ist eine psychische Störung, die schleichend, und vom Kranken unbemerkt ein andauerndes System von Wahnvorstellungen entwickelt. Hat Dich nun das Code-red-Virus erreicht und wird gleich Deine Festplatte zerstören? Ist Dein 7-jähriger Sohn am System gewesen und hat Pornoseiten geguckt? Um Himmels Willen, ist die Einkommenssteuererklärung noch da, oder muss ich alles wieder von neuem aufrollen? Du schaust verstört auf Deinen Bildschirm, begutachtest das fremde Icon, so´n Symbol, ein Bildchen halt, denkst nach – denkst nach – nichts. Nie gesehen. Untersuchst endlich die Eigenschaften des Dings – na bitte, heisst hxbgms.exe und steht unter Windows/System, aber das bringt Dich auch nicht weiter, aber .exe steht für execute, was nun? Öffne ich das Ding, ists garantiert ein Virus. Lösche ich es, wars ein Teil vom Online-Update. Manchmal gibt so was vom Software-Hersteller, das sind Flicken, mit denen man Fehler behebt. Solcher Krempel kann automatisch ankommen und irritiert gnadenlos! Einfach ignorieren schafft man auch nicht.
Also, sei mutig, mach endlich Deinen Doppelclick und starte das unbekannte Programm. Viren werden nie so grosskotzig angekündigt. Also ran, und – click click! Und es öffnet sich auf dem Monitor ein Fenster mit „Grün überwiegt“, und Du liest

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851 – Was?

Wenn ich es mir recht überlege, ist auch die Natur eine schlimme Pfuscherin. Was sie an Mutanten hervorbringt, könnte für einige Jahrhunderte die Kinosäle der Welt mit Horror füllen.

Warum nur sieht das kaum ein Mensch?

Pass mal auf! Da fallen drei Jugendliche, die voll im Saft stehen, über einen alten Mann her und schlagen ihn tot. Wir lesen dartüber, wissen um die Scheusslichkeit des Vorfalls, wenden uns ab und gehen zur Tagesordnung über.

Kaum einer fragt, was nun Sache ist. Sache ist zum Beispiel, dass die Natur gepfuscht hat. Sie lässt drei junge Kerle körperlich reifen, ohne dafür zu sorgen, dass die geistig-moralische Reifung Schritt halten muss. Aber nein, an dieser Stelle hat sie den Stecker gezogen, und hinterlässt uns drei Kretins.

Warum dieses hässliche Szenarium?

Allzu oft, und an vielen Plätzen in unserer Welt, zwischen Staaten oder in Familien werden Konflikte beendet, weil eine Partei verloren hat. Dummköpfe denken dann, die zweite Partei habe gewonnen. Ja, auch das kann vorkommen. Aber: Haben die eingangs erwähnten drei Schläger wirklich gewonnen? Gewqiss nicht. Der Tod eines alten Mannes hat den Konflikt beendet. Mehr Erfolg war nicht zu verbuchen.

Man liebt es, zu gewinnen. Man geniesst es dabei, zu bemerken, dass der Gegner schwach ist, und ohne Chance. Dann fühlt man sich gross. Ein wenig Propaganda, und die Welt glaubt dem Gewinner. Diese Welt – eine Riesensammlung von Shithole countries!

850 – Pfusch

Die Briten haben richtig gehandelt, als sie den Brexit wählten. Falsch war nur ihre Motivation.
Es wäre mir ein Vergnügen, wenn DE sich zu einem Dexit entschliessen könnte. Geht aber nicht. Die Deutschen haben sich in einer Art kindlich-naiver Blindheit unlösbar mit der EU verknüpft. Ein Austritt würde einen nicht vertretbaren Schaden anrichten, den sich keine Bundesregierung aufladen liesse.
Die EU ist ein unsäglicher Sauladen.


Die Tatsache, dass man sich als Funktionsträger in Brüssel und Strassburg sehr gut die eigenen Taschen füllt, ist noch das kleinste Übel.

Nehmen wir die Briten. Wer kann, erwirbt nun einen EU-Pass. Hat er ihn, so sind die Brexit-Folgen für ihn weitgehend unwirksam. Doppelte Staatsbürgerschaft ist immer nützlich. Ein Brite wird niemals Deutscher. Er sieht sich als Expat.

Ungarn zahlt eine Mark in die EU-Kasse und kriegt dafür 5 Mark zurück. Die Differenz beträgt also nach Adam Riese 3 %. Sie verhindert den Staatsbankrott. Nun kommen die Freunde aus den USA und bieten weitere 5 Mark. Die Ungarn freuen sich, füllen sich die Taschen und lehnen im Auftrag der USA alles ab, was den Amis nicht passt. Man liest über die EU, 26 seien dafür, und Ungarn als 27. nicht. Also geht nichts. Vielleicht machen die Polen den Spaltpilz für China? Die Tschechen für Indien? Und alle 27 Staaten für das eigene Land? Und wer macht Ordnung? Keiner, die Ungarn sind dagegen!

Die USA beharren auf einem Dokument, das sie garnichts angeht. Gemeint ist das Nordirland-Protokoll. Warum? Beispiel: Sie liefern ihr Drecks-Geflügel nach GB, die schieben das Zeug nach Nordirland, dort gehts über die offene Grenze in die Republik Irland, somit in die EU. Die Iren machen gegen Gefälligkeiten einen Stempel drauf und verschönen das US-Produkt zum EU-Gewächs. Das funktioniert wie geschmiert.

Was haben nun diese drei Beispiele an Neuem zu bieten?
Im Grunde nichts, ausser einem vermuteten wirtschaftspolitischen globalen Umbruch.
Fachleute sprechen davon, dass die Globalisierung ihre Kraft verliert. Man liest darüber, dass potente Teilnehmer am Weltmarkt zumindest in Teilen autonom sein wollen und damit beginnen, dafür zu investieren. An die Stelle der globalen Ökonomie werden neue Blöcke gebildet. Man weiss, dass die Russen gerne zu den Chinesen ins Bett steigen würden. Überall beginnt die Politik Upskirt-Züge zu entwickeln, die Osteuropäer schielen der russischen Matrjoschka unter die Röcke, die Südeuropäer lauern darauf, dass Germania sich endlich bückt und man herausfinden kann, wie man wo andockt.
Und Deutschland? Hat sich von der EU buchstäblich in Ketten legen lassen und ist damit auch noch zufrieden, dass man 5 Mark einzahlt und eine Mark zurückbekommt. Dabei ist die EU nicht besser als eine kranke Milchkuh, die mehr frisst, als sie Nutzen bringt. Aber man wartet in einem unerträglichen Ausmass an Blindheit seit Jahrzehnten auf jene Europa, die auf einem Stier namens Zeus dahergeritten kommt.
Wenn so etwas geschieht: Der Stier wird auf der Dame Europa reiten, Ihr Deppen! Und sie wird sich zurückverwandeln in ihr wahres Ich. In eine kranke Milchkuh.

Heute wünschte ich, 60 Jahre jünger zu sein, um zu erleben, wie’s weitergeht.

849 – Narzissmus

Ein Zufall liess mich über den folgenden Text stolpern. Ich zitiere einen Teil, weil man gut versteht, wovon die Rede ist, und weil man zu der Ansicht gelangen kann, dass politische Figuren unserer Zeit in dieser Kategorie der psychisch Gestörten gelandet sind.

Die Quelle ist eine Website mit Namen „NetDoktor“; dennoch kann man das Zitat einmal lesen und wie eine Schablone auf Putin legen – verblüffend!

„Menschen mit dem grandios-malignen oder bösartigen Typus von narzisstischer Persönlichkeitsstörung können zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden.

Der maligne Narzissmus ist eine Kombination aus Narzissmus, Aggression, Paranoia und antisozialem Verhalten – eine teuflische Mischung, die Betroffene zu extrem grausamen Taten bewegen kann.

Maligne Narzissten sind von ihrer Großartigkeit überzeugt. Fühlen sie sich von anderen nicht angemessen wertgeschätzt, rächen sie sich ohne Reue.

Durch ihre paranoide Tendenz sehen maligne Narzissten in ihren Mitmenschen schnell Feinde.

Stalin und Hitler sind Beispiele für maligne Narzissten.“

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