Wieder so ein Tag …..

Soll ich mich outen, oder soll ich nicht?
Seit 30 Minuten dümple ich auf einem See voller Müdigkeit und warte auf eine Brise Wind. Ich warte anscheinend vergeblich. Kein Wind von vorne, keiner von achtern. Alle Segel sind gesetzt, und mein Spinacker hängt am Mast wie ein Putzlappen nach der Arbeit.

Ok, ich kann diese Metapher auch auflösen. Es ist Mittagszeit, ich bin müde und nicht gerade gut gelaunt. So ist das immer dann, wenn mich eine Versuchung packt. Aber soeben bemerke ich, dass schon wieder Nebel aufkommt. Also: Ich bin nicht schwul, sondern Witwer. Und ich bin eher ein rustikaler Typ, also besonders talentiert für den Umgang mit Grobem – nur nicht mit einer Mistgabel. 4 Wochen Kuhstall, und ich bin tot.

So, nun habe ich ein wenig in meine Segel gepustet, aber Wind kann ich auch nicht. Ich dümple weiter, und die Erwähnung meiner Segel ist reine Angeberei. Tatsächlich sitze ich mit 135 kg Lebendgewicht in einer Optimistenjolle mit einem Segel von Badetuchgrösse.
Und ich bin froh, dass kein Wind aufkommt, sonst würde ich in diesem Baggerteich womöglich ertrinken.

Hast Du es bemerkt? Nun habe ich mich erneut ein Stückchen geoutet. Was kann man nun rauslesen?

  • Adipositas per magna, zu deutsch: Vollfett
  • Krampfhafter Versuch, witzig zu erscheinen
  • Zweifel an den eigenen Fähigkeiten
  • schläfriges Naturell
  • ansatzweise Hochstapler
  • protzt offen mit Halbwissen
  • masochistisch veranlagt
  • badet in Selbstmitleid
  • die O-Jolle ist auch nur frei erfunden
  • und streitsüchtig, denn ich bestreitete, der zu sein, den ich hier beschreibe.

Ich kann nur warnen: Man komme mir nicht an die Farbe! Ich bin bewaffnet mit einem Laguiole-Taschenmesser mit Griff aus fossiler Mooreiche! Ich schrieb „M O O R – E I C H E“, nicht Moorleiche. Wir sind hier nicht im TATORT.
Und ich habe meinen Text vergessen. Sollte wohl eine Runde dümpeln, im Schlaf. Und bloss nicht das Haus verlassen; draussen brennt die Aprilsonne so sehr, dass alles grün wird. Scheisslich!

Um ordinär zu bleiben: Ich sage immer, man könne aus Scheisse keine Venus kneten.
Heute sage ich: Umgekehrt geht. Schau hin, wie ich mich dargestellt habe.
(Schon gut. Ich bin keine Venus!)
Nun fühle ich mich unkomfortabel und mache mich vom Hof.
Ich weiss immer noch nicht, was ich eigentlich schreiben wollte.
Die Kombination „Alzheimer und Riesling“ …..

Die Kunst der Rede

Vorweggenommen: Ich habe zur Rhetorik keinerlei Erfahrung. Ich kanns auch garnicht. Meine Fachvorträge waren stets für alle Anwesenden qualvoll. Aber heute versuche ich mich in Theorie.

Nehmen wir also an, ich müsste eine Rede halten. Meinetwegen vor den Taubenzüchtern der Stadt Dortmund. Zeit ist genug, sich Gedanken zu machen über den Inhalt meiner Rede, über Folien für den Beamer, über die Zuhörer, über Presse, Funk und Fernsehn und über mich, den rhetorischen Nobody. Das Thema hat der Veranstalter vorgegeben und hinreichend erläutert, und so mache ich mich an die Arbeit. Was nun folgt, lässt sich mit der Zubereitung eines schwierigen Eintopfgerichts vergleichen. Es sind alle Arbeitsschritte da, logisch geordnet, und am Ende wird gar gut gewürzt. Man verkostet, alles stimmt, und der Abend kann kommen. Dann haut man die Rede in 45 Minuten raus, wartet noch 15 Minuten auf Fragen, kassiert dann sein Honorar und fährt nach Hause.

Aber die Sache hat einen Haken. Ich bin rhetorisch ein weig unbegabt, demzufolge unsicher, beginne zu stottern, und vorne sitzen 300 Taubenzüchter, die glauben, Erste Hilfe anbieten zu müssen. Ich spüre die Unruhe im Publikum, finde in meinem Manuskript nicht mehr, wo ich gerade ausgestiegen bin, und es droht eine kleine Katastrophe. Nun packt mich die Wut. Ich selbst packe auch. Nämlich mein Manuskript und meine Powerpoint-Bilder. Ich schalte demonstrativ den Beamer aus, richte mich in voller Grösse auf und brülle in den Saal: „So, jetzt isses genug! Ihr sitzt da und habt Fragen. Meinen Vortrag könnt Ihr nachlesen. Liegt am Ausgang zum Mitnehmen! Nun raus damit – ah, da ist der erste!“ Ein Besucher fragt, und ich habe keine Antwort. Ich verstehe nichts von Brieftauben. Also rufe ich in den Saal: „Ihr habt die Frage gehört! Wer antwortet?“ Es ist immer einer da, der eine Antwort hat. Und darauf bauend mache ich die Zuschauer zu meinem Forum und moderiere. Bis zum Ende meiner Redezeit habe ich Leben in der Bude. Danach schnappe ich meine Sachen und gehe – bis ein Besucher aus einer Gruppe hinter mir herruft: „Moment! Ich wollte Dir noch sagen: Das war die erste vernünftige Veranstaltung auf diesem Kongress. Ich nehme einiges mit nach Hause! Danke Dir!“ Und ich mache mich davon, sitze im Auto und bewundere mich selbst. „Mann, bist Du gut!“

Das ist tatsächlich so geschehen. Nur ging es nicht um Tauben, sondern um Juristisches.
Warum erzähle ich diese Anekdote? Nun, sie ist ein Lehrstück für Effizienz und Effektivität.
Effektivität = Das Richtige tun. Effizienz = Es richtig zu tun. Beispiel: Wenn die Merkel eine Rede im TV ablässt, ist sie sicher im Text, sie hat fein auswendig gelernt, und ihr Auftritt wirkt ebenfalls sicher. Aber ihre Effizienz ist mangelhaft. Während sie redet, kann ich getrost in den Keller gehen, um Bier zu holen. Ich weiss, ich verpasse nichts ausser einige Plattitüden. Sie ist halt nur die Sprechpuppe „Angela“. Unterm Strich bin ich besser.

Vom Älterwerden

Noch vor zehn Jahren hätte ich nicht so lange zum Reflektieren gebraucht.
Keine Sorge, weder will ich mir wegen meines Alters Vorhaltungen machen, noch bin ich verrückt geworden (zumindest nicht offensichtlich). Nein, bisher habe ich mich intuitiv aus Überlegungen zum Älterwerden ausgeblendet. Es existieren bereits 4.796 Abhandlungen zu diesem Stichwort im Internet; man findet sie auf jeder zweiten Homepage des Sektors Senioren im Netz. Ausserdem denke ich, es wirkte hier ein Selbstschutz-Mechanismus. Wenn dem so war, dann ist er heute zusammengebrochen. Das ist es.
Ich muss den Tatsachen ins trübe Auge sehen, und gestehe: Auch ich werde älter. Nun ist es raus. Aber die Zeichen mehren sich nun mal. Andere bemerkten früher als ich verräterische Spuren im Gesicht und anderswo. Ich selbst bin da in gewisser Weise behindert. Fast ausschliesslich beim Rasieren stehe ich vor dem Spiegel, dann natürlich ohne Brille, sodass ich die Verwüstungen, die die Jahre in meinem Antlitz angerichtet haben, nicht wahrnehme. Wahr ist aber auch, dass ich könnte, wenn ich wollte, na gut. Lediglich die Waage spricht zu mir eine deutliche Sprache: Du wirst immer dicker, Alter. Du bewegst Dich zu wenig, Alter! Du isst mehr, als Du in Deinem Alter benötigst, Alter! Früher befand sich Dein Bauch am Bauch, heute unterhalb, Alter! Früher warst Du 30, jetzt bist Du 70, Alter! Früher warst Du 187 cm gross, heute noch 186, Alter! Aber 187 um die Taille, Alter! Eigenartig, es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, einmal pro Woche auf diese Waage zu steigen – ausser vielleicht dem einen: Sie macht jeden um 4 kg leichter, als er tatsächlich wiegt. Sie verkauft eine Illusion. Leider spricht sie zu mir eine realistische Sprache, so oft ich die Illusion suche. Dumm, dass ich das Delta kenne.
Und ich kämpfe. Nee, nicht gegen das Alter. Auch nicht gegen das Gewicht. Bin nicht deppert. Nein, ich kämpfe gegen diese Bosheiten, die sich Leute erlauben, die noch älter sind als ich, oder aber jünger, und auf Seitenhiebe spezialisiert. Alles Freunde, gute Bekannte und Nachbarn. Als wäre ich nicht gestraft genug, weil mein einziger Anzug nicht mehr passt, und ich meine Sakkos nicht mehr zukriege. Weil mir das Bücken schwer fällt, was zu Problemen beim Schnürsenkelknüpfen führt. Meine Krawatten sind zu schmal, zu breit, zu bunt, die Oberhemden spannen über dem Bauch, sodass gelegentlich Knöpfe fliegen – stimmt. Ich habe wirklich nichts anzuziehen. Mit dem Älterwerden hat das nichts zu tun. Auch nicht mit den Drüsen. Ich wollte nur das Abbild meiner körperlichen Verfassung abrunden.

Ich werde halt alt. So ist es, und das ist in Ordnung. Ein paar Gedanken müssten zu diesem Thema vielleicht noch gedacht werden. Ich möchte daraus keinen Dauerbrenner machen. Aufarbeiten, nennt man das glaube ich.
Patent wäre zum Beispiel die Einrichtung eines Konto´s, just wie in der Buchführung, mit Zugängen, Abgängen und Bestandsausweis, sodass ich zum Beispiel Freizeit als Zugang, und Kehlsack als Abgang schematisch verbuchen und anschliessend zu meiner Tagesordnung zurückkehren könnte. Der Saldo meines Konto´s ALTERN sagt mir, ob ich mein Leben verändern muss, die Analyse der Kontenbewegungen weist mir den Weg dazu, und eine geschönte Bilanz dient dem Ego.

Der Mensch altert. Es laufen unaufhaltsam physiologische und psychologische Prozesse ab, in denen er gleichsam rücksichtsvoll auf seine finale Rolle als Erblasser vorbereitet wird. Dabei sind individuelle Parameter wirksam – deshalb altern wir nicht alle auf dieselbe Weise. Und darum hat es der eine in den Knien, und der andere im Kopf, und der dritte am Kehlsack, an den Knien und im Kopf.
Die Parameter sind teils fix, teils variabel; das meint: Wenn meine Stammzellen sagen, mit 65 geht die Pankreas in Rente, dann bin ich ab 65 Diabetiker Typ II. daran ist nicht zu rütteln. Und wenn mein Phlegma mir sagt, Sport sei Mord, dann wäre schon dran zu ruckeln, theoretisch. Iss nicht so viel. Theoretisch machbar. Statt Bauch nur noch Bauchlappen wie beim Kaninchen (lecker mit Zwiebelfüllung!), lässt sich wegschneiden. Das wäre auch mit dem Kehlsack machbar; aber wie sieht das dann aus? Überleg mal:
Ein altes Gesicht über einem jungen Hals, und ganz oben das strahlende Nichts, wo mal Haare gewachsen sind, der Hintern in der weissen Mai-Büx, die ich vor 43 Jahren gekauft und nie getragen habe, und am neu gestylten Hals vielleicht eine Goldkette, etwa 400 g schwer, den Rolex-Nachbau aus Hongkong am rechten Handgelenk – sehr eigen, das Bild.
Ich bin eh für´s Gründliche, wenn also etwas gemacht werden soll, dann richtig, und das hiesse: Krampfader links raus, rechtes Bein ab, Hinterteil geliftet, Brust- und Kopftoupet, Perlweiss auf die Zähne, Sonnenbank in den Keller, Gesicht zum Dauer-Smiley geliftet, die Goldkrone im Mund von hinten nach vorne versetzt, den Schnauzbart blondiert und alle Mitesser raus, Peeling drüber und Wimpern re-implantiert, das Fettabsaugen von den Hüften nicht vergessen! Und mit Winston Churchill argumentieren: „No sports!“ Gut, gut, jetzt ist der Gaul mit mir durchgegangen. Back to normal!

Bekenntnis

Es ist ein gutes Gefühl, nichts auf dem Zettel zu haben, sagen zu können, ich mache jetzt vielleicht  etwas, was, das wird sich finden, oder ich tue überhaupt nichts, dann wird sich das Nichts finden, damit ich es tun könnte. Ich mag es, genau jetzt nicht zu wissen, wozu ich im nächsten Moment Lust verspüre, und wenn dieser Moment dann da ist, und ich hätte Lust auf – egal was auch immer – dann ist der Spass an der Sache, das Interesse daran schon wieder erloschen, denn nun wäre angesagt, genau jenes zu tun, und es stellt sich umgehend die Frage nach dem nächsten Moment, über den ich schon wieder nichts weiss, wissen will. Kurz: Ich bin einfach faul.

Scheitern in Universen

Vor einigen Jahren habe ich versucht, Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“ zu lesen. Du kennst das?
Hm. Ich habe auch dreimal versucht, den „Ulysses“ von James Joyce zu lesen. Du weißt Bescheid? Hast es geschafft? Also ich gestehe: Ein halber Hawking und ein halber James Joyce ergeben noch keine ganze Sache. Soweit meine Geduld, mein Denkvermögen, mein IQ. An „das Universum in der Nusschale“ gehe ich ran wie ein Dackel an eine Rattenfalle, nachdem seine Schnauze mal dringesteckt hat.

Die erwähnten Bücher haben mich gelehrt, dass ich über meinen IQ erst gar nicht nachdenken sollte. Ich habe mich damit abgefunden, keine Sonne im Universum zu sein, und wie viele andere Menschen tumb in meiner kleinen Welt umherzudümpeln, immer rund um einen Topf mit Pellkartoffeln und eine Schüssel Schnittlauchquark.

Schon wieder – Regen!

Dies ist wieder einer jener Vormittage, die mich in eine Stimmung zwischen skurril, ich weiss auch nicht,  und komisch versetzen. Eine Stimmung, die selbst ein System-Crash meines suizid-gefährdeten Rechners nicht zu erschüttern vermag, und in der ich die Tageszeitung von hinten beginnend zu lesen pflege, wohlwissend, dass ich die Seite eins mit den üblen Berichten aus dem weltpolitischen Alltag nie erreichen werde.

Ich habe wirklich gut geschlafen, ausgezeichnet gefrühstückt, und den ersten Disput mit meiner Frau ohne Gesichtsverlust bewältigt. Auf die anschliessende Frage: „Hast Du was zu tun für mich?“ erhielt ich die zufriedenstellende Antwort „Nein. Was zu tun ist, muss ich selber machen!“ In einer kurzen Denkpause entschied ich mich wieder einmal, nicht beleidigt zu sein. Man muss ja nicht alles können.

In der guten Stube steht ein Paar wirklich gute Boxen. Wenigstens sehen sie gut aus, und sie sind laut, wenn ich am falschen Knopf drehe. Sie plärren nicht, sie brüllen! Irgendwo an ihren Böden sind dicke Kupferdrähte befestigt, an deren anderen Enden schwarzes Gerät angeknotet ist. Dortselbst dreht sich zur Zeit eine unserer alten Langspielplatten, das sind Teile, die die Jugend von heute nur noch vom Hörensagen kennt. Nun, ich dachte, ich sollte die alten Sachen einfach mal wieder durchhören, nachschauen, ob ich sie immer noch mag. So habe ich also eine LP aufgelegt und ….. wie war das nochmal? Tja, welcher die vielen Knöpfe muss nun ….. vielleicht der, mit dem man Phono …. ja! Ich bin schon drin, und höre!

Ja, ich habe etwas gehört. Es war allerdings keine Musik, was da aus dem Boxenpaar plätschert. Nein, es plätschert im Wortsinne. Ich versuche mich zu erinnern. Worpswede. Das Kreative Haus. New age. emotional, meditational, uplifting and enlightening. Titel der LP „Fluting paradise“. B-Seite erwischt, erster Titel heisst „Smelting snow“, schmelzender Schnee also. Damit ist das Plätschern gerechtfertigt, gleichsam erklärt, alles hat seine Richtigkeit, das Equipment ist nicht kaputt, auch nicht die Dachrinne, und nun setzt tatsächlich auch die erste Flöte ein, es muss eine von diesen Panflöten sein, die man aus einem Rohrstock knotet, und es plätschert im Hintergrund weiter, ich kenne jemand, der bei derlei Geräuschen umgehend das Klo zum Pieseln aufsuchen muss, also auf dem Topf meditiert, ich weiss nicht recht, ob das alles so sein muss!

Endlich schaue ich aus dem Fenster. From Windows to and thru  the window. Es regnet. Das muss man sich mal vorstellen: Drinnen wird eine Panflöte von Schmelzwasser umplätschert, und draussen hat es prompt zu regnen begonnen, so, als würde einer versuchen, mir die wahre Natur zu erklären. Draussen spielt die Musik, das ist die Realität, das ist der Hamburger Frühling, und das hier drinnen ist only a artificial world (fuer die Säuberer der deutschen Sprache: nur eine künstliche Welt).

Nun hat die Musik gewechselt, Der zweite Titel lautet „Whispering brook“, flüsternder Bach also. Nur: Das Wetter hat wie schon zu Beginn nichts mitgekriegt. Es regnet einfach weiter. Ich habe verstanden. Wer auch immer Du sein magst: Es ist Dein Wetter. Du bist der Boss. Der externe. Der interne Boss: „Es regnet. Fährst Du mich zur Post? Das Paket muss heute noch weg!“ Die Musik spielt also hier drinnen vielerlei Melodien. Mal fluting, mal commanding!

Ich mache mich auf die Socken, hin zur Post. Es regnet, was sonst?

Kaum zu Hause, ist ein Plattenwechsel fällig. Nun höre ich in die „Wolkenreise“ hinein. Musik zwischen Traum und Phantasie, mit Tangerine Dream, Mike Oldfield, Jean Michel Jarre und anderen. Incantation spielt gerade „Cacharpaya“, als es zu regnen aufhört, obgleich schon wieder eine Panflöte im Spiel ist. Ich überlege. Was muss ich wohl spielen, damit die Sonne rauskommt? Und soll ich auf alle Fälle abschalten, bevor Mike Oldfields Moonlight shadow ertönt? Ich will nicht schuld sein, wenns die Tageszeiten vertauscht, und ich darf schon gar nicht  „bridge over the troubled water“ abhören, wegen der Gefahren eines Wolkenbruchs.

Und schon schreiten die Dinge voran. Ich laufe von Equipment A zu Equipment B, also von Windows zu Phono, und drehe die Scheibe um. J.M. Jarre mit „Oxygene“, ein Wink, wie mir scheint. Ich sollte das Fenster öffnen und lüften – das ist völlig gefahrlos, da ich eh im dicksten Vlies-Pulli herumsitze. Der Hamburgische  Frühling ist nun mal wie ein venezianischer Winter, nur ohne Gondeln, und übermorgen soll ja alles besser werden. Also: Sauerstoff einlassen! Reissverschluss zuziehen, dann reicht das „Stehbündchen“ aus Vlies bis über die Ohren. Ich denke an die Taube.

Verflucht, ich habe nicht aufgepasst. Es läuft drüben The Alan Parson´s Project mit Lucifer! Wenn das man gutgeht.

Ja, die Taube. Man kennt sie, diese Flugratten. Die wilden sind die schlimmsten. Die mit dem weissen Kringel um den Hals. Sie hocken auf den Hausdächern, schei…….Verzeihung, sie knöten überall hin (they likes white blobs on the roof, fuer Anglophile) und gurren monoton, pausenlos, und mit der Ausdauer eines Basalt-Pflastersteins.

Ich habe auf dem Weg zum Postamt eine überfahren, ja doch! Habe ich. Mittschiffs bin ich drüber, das Viech praktisch zwischen die Räder genommen. Ist mir einfach ins Auto gelaufen. So sagt man doch, nicht wahr? Und ich bremse nicht für Flugratten!

Wenn ich mirs recht überlege: Wieso latscht mir eine Wildtaube vors Auto? Zu Fuss! Eine Taube! Überleg´ doch mal! Was ist das bloss für ein Vormittag! Immerhin habe ich im Rückspiegel den Fortgang des Taubenunfalls zu verfolgen versucht. Vergeblich. Ich sah Federn fliegen, und der Vogel war weg. Gerupft, aber offensichtlich flugfähig geblieben. Keine Zeit anzuhalten. Kein Bock auf Nachdenken über Unfallflucht, die Post schliesst gleich, und das Paket muss weg. Und es gibt noch den Rückweg, kann sein, das Biest hängt im Gebüsch und harrt des Gnadentods durch meine Hand, oder den Biss eines Katers aus der Nachbarschaft. Wie jene, die neulich von einem der beiden Kater erwischt wurde und sich halbzerrupft in unseren Garten geflüchtet hatte, um zu enden Ihre Schmerzen – naja. Ich habe nach dreimal schwer schlucken einen Spaten geholt. Ohne Kopf sah sie aber auch nicht besser aus, war dann wenigstens tot. Ausgegurrt. Ausgeblobbt. That´s life. Aber zurück in die Gegenwart.

Beim Postamt habe ich dann erst mal unters Auto gepeilt. Keine Taube, kein Flügelschlagen, keine Federn. Ich glaubte, sie könnte vielleicht im Motorraum herumhängen. Passend zum Thema hat sich a. eine Taube auf Nachbars Dach niedergelassen, und b. spielt SKY die Toccata. Ich gehe lieber mal nachschauen!

So, erledigt. Im Motorraum wurde nichts gefunden. Wie riecht eigentlich tote Taube nach zwei Wochen Sonnenschein? Nicht, dass ich so etwas befürchte. Zwei Wochen Sonne gabs in Hamburg zuletzt im Jahre 1892, soweit ich weiss.

Nun, ich hoffe, das Tier sitzt irgendwo im Baum, zählt seine Federn durch, stöhnt über blaue Flecken und nimmt sich vor, nie mehr zu Fuss zu gehen. Ich habe wirklich keine Lust, sie oder Artgenossen praktisch als Futter für den Kabelbeisser, diesen putzigen Pelzpussel namens Schumm, der Steinmarder (kennst Du diese Geschichte? Ich habe sie als Achtjähriger gelesen) durch die Gegend zu fahren und darauf zu warten, bis dieser haarige Mop mit seiner Familie in meinem Auto Quartier nimmt im Glauben, er habe Vollpension gebucht.

Nun läuft Moonlight Shadow . Draussen rührt sich aber nichts. Nein, auch kein Regen. Ich lege mir Tangerine Dreams zurecht. Mandarin-farbene Träume fuer Saubermänner. Eine Aufzeichnung von Konzerten in Berlin  und Albuquerque. Vielleicht hilft es, und es kommt doch noch die Sonne raus. Ich würde meinen dicken Pulli abstreifen, die Regenjacke weghängen, eine Flasche Weisswein in den Kühlschrank stellen, vielleicht noch eine Taube übermangeln, oder so, und dann …..  dann müsste ich raus zum Strassenfegen. Wenn man nicht an alles denkt! Nach Tangerine Dreams werde ich wieder Fluting Paradise auflegen. Die LP mit dem zur Tonkonserve gewordenen Geplätscher, die Regen brachte. Mal unter uns: Ich hasse Strasse fegen wie die Pest! Dagegen hilft Regen immer.

Ja!

Habe ich schon erzählt, dass ich vor Jahren Russisch gelernt habe? Nein? Dann pass mal auf:

Das R drehst Du so um, dass der Bauch nach links zeigt. Also über die Vertikale nach links umklappen. Schon hast Du eine Vokabel, die man „ja“ ausspricht und die im Deutschen „ich“ heisst. Weiter:
Poschtamt heisst das Postamt, Rucksack heisst der Rucksack (was sonst?), Rosa die Rose und Lampa die Lampe. So einfach ist die russische Sprache. Maroschenoje für Speise-Eis ist allerdings nicht jedermanns Sprache, eher etwas für Fortgeschrittene.

Na gut, ich lege noch einen dazu:
Ja doma. Ich bin zu Hause. Ja dumaju. Ich denke. Das ist natürlich alles Lautschrift. In Kyrillica sieht das ganz anders aus. Also noch mal:
Ja dumaju heisst „Ich denke“. Die Duma ist das russische Parlament, wie man weiss. Es ist der Platz, wo gedacht wird. Lach nicht!

Und nun übertrage dies auf deutsche Verhältnisse. Der Bundestag als Denkfabrik – ist das nicht ein Brüller! Jetzt lach! ….. Lauter!

Ein kleines Lied

Im Leben eines jeden Menschen entstehen irgendwann Situationen, die seelischen Schmerz verursachen. Und so sucht man Trost, und findet ihn in der Musik. Sie dringt mit Macht in das Bewusstsein und arbeitet sich ab, bis sie die Seele berührt. In desen Momenten überträgt sie ihre Kraft, einen Energiestrom auf die kranke Seele, und es kann geschehen, dass dabei Tränen fliessen. Was nach diesem Erleben bleibt, ist das Gefühl – oder das Wissen – dass ein Problem bewältigt, dass der Frieden wiederhergestellt ist.

Dazu fällt mir stets ein Sechszeiler von Marie von Eber-Eschenbach ein. Der geht so:

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
dass man so lieb es haben kann.
Was liegt darin: Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang –
und eine ganze Seele!

Na komm schon, lies nochmal! Es ist die ganze Seele, die es mir angetan hat. Seelenlose Politik, seelenloser Fussball, seelenloser Alltag, Taktik, Klischees, Mechanisierung, Automaten, Geldverdienen – sind wir eine Gesellschaft von Zombies geworden? Tut es nicht weh, einen seelenlosen Tag gelebt, ohne gelacht oder geweint zu haben? Oder tut es weh, und wir sind gegen diesen Schmerz unempfindlich geworden und spüren nicht mehr, wie wir kaputt gehen?

Nein, ich bin Optimist, und ich glaube fest daran, dass wir in schwierigem Fahrwasser nur einen Restart brauchen, das, was man im Neudeutschen Soulfood nennt. Die Musik gehört dazu; gemeint ist Musik, die man wirklich liebt. Sie führt uns wieder auf die helle Seite unseres Lebens.

Mal wieder nix los

Der Kaffee ist getrunken, die Kekse sind gegessen. Ich gucke mal wieder in den Garten. Mein Büro liegt nämlich parterre auf der Gartenseite, mein Fenster misst 1100×1100 mm, und mein Schreibtisch steht unmittelbar unter dem Fenster. Toll, nicht wahr?
Leider haben Regen und Sturm die Vögel vertrieben. Bei besserem Wetter streiten sich zur Zeit einige Meisen um einen Nistkasten, der im Apfelbaum befestigt ist. Besonders auffällig gebärdet sich ein Meisenpärchen. Er balzt und lockt, und dient seiner Flamme den Nistkasten an wie Sauerbier, und sie scheint überhaupt nicht interessiert. Der Typ hat aber auch kein leichtes Leben. Jedes Frühjahr dasselbe Theater, da kann er noch so viele Weiber ausprobieren – es ist immer ein Krampf.

Bemerkenswert: Man muss den Vögeln nicht zwischen die Beine gucken, um herauszufinden, welcher das Weib ist. Es braucht nur 3 Minuten Aufmerksamkeit, und schon ist alles offensichtlich. Er bemüht, sie zickig. Da hat der liebe Gott beim Kartengeben geschummelt …. aber mit dem habe ich ohnehin eine Hühnchen zu rupfen. Gut aufgepasst. Ich habe nicht Hähnchen gesagt ….. ja, genau: Hühnchen!

Wetter – Bericht

Regen gab es satt, ein banniger Sturm bewegte Mülleimer durch die Landschaft und Müll durch die Gemüter der Passanten; erst gestern konnte man noch bei reichlich Sonne und angenehmer Wärme an den kalendermässig taggenau angefangenen Frühling glauben, und heute befindet man sich in erstklassig organisiertem Novemberwetter, das nach Lage der Dinge für die nächsten fünf bis sechs Monate anhalten könnte. Eine Übertreibung? Dies unterstellt nur, wer nicht an der Elbe wohnt. Der Eingeborene bestreitet zwar vehement, aber doch nur pro forma die endlose Wetter-Misère – wenn auch anders als der Rest der Welt. Er wird ausführen, es sei im Prinzip ja wahr, dass sich Hamburg und Dauerregen seit Jahrzehnten und auf ewig verbündet hätten, aber nicht so, wie die Zugezogenen es immer darstellen, es sei dann doch alles ganz anders, da wäre zum Beispiel der März 1956 gewesen, sonntags hätte man auf der Terrasse von Sagebiel´s Fährhaus sage und schreibe vier Paare beim Nachmittagskaffee beobachtet!

Tröstlich, dass anderswo noch soviel Sonne scheint, damit ein vernünfiger Rotwein erzeugt werden kann, welchselbiger schliesslich im nassen, dunklen Teil der Welt als Seelentröster so dringend benötigt wird.

Regenzeit ist die Zeit der Computer-Freaks. Jedermann vermag einzusehen, dass vernünftige häusliche Tätigkeit einem nassen und ungesunden Spaziergang vorzuziehen ist. Ich setze mich also vor meine Kabelkiste, schalte ein, und öffne die Jalousie für einen freien Blick in den Garten. Triumphiere, dass mir das Schietwetter nichts anhaben kann, dass ich warm und trocken sitze, dass die Einkäufe erledigt sind und dass Nachbar´s Katzen auf der Jagd nach Singvögeln korrekt nass geworden sind – ja, heute ist ein guter Tag! Ich denke, ich werde mir nun einen Pott Kaffee kochen.