Ministerielle Poetik

Ich habe wieder einmal einen Grund, mit mir unzufrieden zu sein. Eine meiner grossen Schwächen ist, dass ich nicht „nein“ sagen kann. Anders gesagt: Ich lasse mich verführen.
Man bietet mir an – ich greife intuitiv zu. Diese Schwäche hat mich heute wieder einen halben Tag gekostet, und ich werde weitere Stunden investieren müssen, um das Werk zu Ende zu bringen.

Was ist’s, das mich so mitnimmt? Es fällt mir nicht leicht, es auszusprechen oder gar es niederzuschreiben. Doch es drängt mich, ehrlich zu sein. Ich gestehe, dass ich

der Poesie einer Einkommenssteuer

erlegen bin. Die Sprache von Fiskus Rex bietet dem Kenner ein bewußtes Kunstwerk, welches unmittelbar mit den individuellen Zügen der dichtenden Einzelpersönlichkeit verbunden bleibt. So vermittelt die Poesie hauptsächlich auf bildhafte Weise mythische Glaubensinhalte. Es ist die Mystik, die die Arbeit des Poeten mit Zahlen und Fakten so sehr erschwert. Das Arbeiten mit den Schriftrollen von Qumran scheint einfacher von der Hand zu gehen als die fiskalische Handschrift. Dagegen kann man den unvermeidlichen Umgang mit bedrucktem Papyrus und dessen wohlwollende Interpretation als orgiastisch empfinden; er verströmt eine nahezu frivole Aura, die einer ungeputzten Autobahn-Toilette.

Ich hasse diesen ganzen Scheiss !

Das Monster Zantedeschia

Sie ist schon ein zähes Luder, diese Calla zantedeschia. Ich nenne sie nur Calla; sie nimmt das ungerührt hin. Gelegentlich unterbreche ich meinen Gang in die Küche, bleibe bei ihr stehen und schaue sie mir an, wie sie in dem riesigen gelben Kübel eine Flur-Ecke ausfüllt und scheinbar auf mich wartet. Sie ist die einzige Überlebende einer Phase des Sterbens von allem, was grün war. Grünzeug ist mit dem Tod meiner Frau ebenfalls den Weg allen Irdischen gegangen – so die offizielle Lesart. Hinter vorgehaltener Hand redet man allerdings über mich, und dass ich keinen grünen Daumen besässe. Darum hätte alles Grüne still vor sich hin kompostiert. Ich sage dazu nichts, ausser: Schaut Euch meine Calla an! Sie überlebt, versucht sogar zu blühen. Das gelingt ihr zwar nicht immer, aber es zählt der Versuch, und darum schütte ich gelegentlich Wasser an sie. Nein, nicht aus Überzeugung. Ich tue das, weil es sich so gehört, und weil ich Durst sehr gut kenne, ohne allerdings zu wissen, ob diese Pflanze leidensfähig ist. Häufig produziert sie braune Blätter, die ich dann wieder herauspflücken muss, damit vorbeischauende Pflanzenmütter nicht in Tränen zerfliessen. Ob sich mit dürren braunen Blättern so etwas wie Leiden äussert, kann ich nicht beurteilen. Es könnte sich auch um eine Alterserscheinung handeln, wie mein eigener Hals unterhalb des Kinns unmissverständlich andeutet.

Die Calla und ich! Oft genug wollte ich Verrat begehen, indem ich sie im Schutz der Dunkelheit der Mülltonne anvertraue. Genauso oft stand ich vor dem Kübel und habe mit Calla geredet wie mit einem kranken Gaul; Streicheln habe ich allerdings unterlassen – vielleicht macht sie, dieses Aronstab-Gewächs Pickel oder ähnlich Unerfreuliches. Natürlich schweigt sie beharrlich, steht aber voll im Saft und signalisiert mir damit, dass sie mit mir noch nicht fertig ist. Wenn mir dies bewusst wird, erfasst mich ein Gefühl, das ich nur als Feindseligkeit empfinden kann. Dieses Ding da ….. dieses Ding ….. wenn ich dürfte, wie ich möchte und könnte – ich würde sie glatt an eine Kuh verfüttern!

Bin ich schizo?

Altpapier

Ich denke immer noch, man könne über alles schreiben, nur nicht immer gut. Deshalb hatte ich mir meine Kaffeebecher vorgenommen. Dieser Nonsense konveniert nicht? Das ist so völlig in Ordnung.

Man kann über alles schreiben. Für heute hatte ich mir vorgenommen, einen Härtetest durchzuführen, indem ich über einen Papierfetzen schreibe und erst damit aufhöre, wenn ich eine Seite A4 geschafft habe.

Nööö. Das will kein Mensch lesen. Trockener Stoff, das Papier. Vermutlich wird das Interesse an einem Papierfetzen nicht grösser, wenn ich ihn nass mache. So geht es also nicht. Nun habe ich mich zur Kurzform entschlossen. Ein Haiku:

Die BILD in Fetzen.
So wird Kultur vernichtet.
Fünf Kinder lachen.

Fehlleistung!

Seit vielen Jahren ist meine Familie im Besitz eines Kaffebechers aus der Kantine des Headquarter eines US-Schlapphüte-Vereins. Dies hier auszubreiten ist eigentlich eine Dummheit, da jeder weiss: Die Schlapphüte kontrollieren auch das Internet. Und es kann sein, dass die immer noch nach ihrem vermissten Kaffeebecher suchen. Wie auch immer: Heute fiel mir dieses Geschirr wieder einmal in die Hände, und ich finde das Stück so bemerkenswert, dass ich kurz davon erzähle. Was also ist dran, an diesem Kaffeebecher? Du glaubst es nicht. Ich stellte fest, dass der Becher oben geschlossen ist. Komplett zu. Statt dessen hat das Ding keinen Boden. Unten ist er also komplett offen. Genau wie dem Schlapp sein Hut. Kannst Du das glauben? Was hat sich der Geschirrdesigner dabei wohl gedacht?

Natürlich habe ich meinen Bestand an Kaffeebechern umgehend kontrolliert. Verdächtig erschienen mir die Trümmer von Starbucks. Der Laden macht im Jahr mehr als 24 Milliarden USD Umsatz und zahlen so ungern Steuern. Ihre Kaffeebecher sind allerdings üppig. Geworfen sind sie tödlich, und der Henkel ist nicht als solcher zu bezeichnen, sondern als Krankheit, mithin ein Angriff auf die Hand, die ihn halten soll. Wie aller Mist ist dieses Geschirr in China gefertigt.

Auch wenn Macau draufsteht – ich fasse solche Dinger nur im Notfall an. Mein Standardgerät kommt aus England, ist ein Handschmeichler, und mit dem Union Jack dekoriert. So werde ich täglich an den Brexit erinnert, und wenn die Briten endlich weg sind, werde ich das freudige Ereignis mit einem 3-fachen Single Malt feiern, den ich genau aus diesem Kaffeebecher trinke. Ohne Milch. Ich freue mich auf das Bild: Die EU im Kreißsaal (engl delivery room), gebiert Grossbritannien unter Schmerzen, und knurrt die Hebamme an: Weg mit dem Bankert!
Verdammte Missgeburt! Soll sich Uncle Donald drum kümmern!

Moment mal, ich war doch beim Kaffeebecher ….. ich wollte zu dem Schlapphüte-Becher nur noch anmerken: Wenn man ihn umdreht, kann man ihn ganz normal benutzen. Ich hab’s ausprobiert.

Warum erzähle ich diesen Unsinn? Nun, heute früh beim Geschirrabwaschen wollte ich in den Becher reinfassen, was nicht ging, weil geschlossen, und ich brauchte einen Moment, bis ich verstand: Umdrehen, Du Hirni! Und nein, so etwas belastet mich keinesfalls. Ich schaute einem Arbeitskollegen genüsslich zu, wie er verträumt seinen Kaffee in seinen Aschenbecher goss; die Gute war nicht 80, sondern 30 Jahre alt!

Höllisches Treiben

(1) Hamburg-Blankenese, Bahnhofstrasse. Der Mann geht Richtung S-Bahn. Er mag guter Laune sein, und sein Schritt ist beschwingt – er scheint buchstäblich über den Bürgersteig zu tanzen. Sein Gesicht strahlt jene Zufriedenheit aus, die ausgeglichenen Naturen an einem sonnigen Tag zu eigen ist. Ja, es ist ein sonniger Vormittag – Bilderbuchwetter, wie man zu sagen pflegt. In den Vorgärten blühen die ersten Blumen um die Wette, blau und gelb überwiegen zur Zeit – es ist gerade Frühling geworden, und alle Welt versprüht gute Laune, ist geschäftig, und die Arbeit macht offensichtlich allenthalben Spass. Es ist die Zeit, in der die Menschen aus dem mentalen Winterschlaf erwachen, um sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen und genussvoll gute Laune zu verströmen. Ja, es werden sogar fröhliche Grüsse gewechselt, und selbst der Autoverkehr hält sich merkwürdig zurück, so, als ob die Menschen ihre stinkenden Fahrzeuge lieber zu Hause stehen liessen, um zu Fuss ihre Einkäufe zu erledigen oder einfach einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wohl wissend, dass diese Aufbruchstimmung nicht lange anhalten wird und unweigerlich in die gewohnte Lethargie der Getriebenen mündet.

Der gut gekleidete Mann passiert den Bahnhofsvo-platz und will eben eine Nebenstrasse überqueren, als ihm der Kopf wegfliegt.

Er hatte den linken Fuss für den nächsten Schritt gehoben, als ihm der Kopf abhanden kommt, er seine Balance verliert und auf dem Bürgersteig landet.

Da liegt er nun, und es scheint, als würden statt der üblich 6 bis 7 Liter wohl eher 26 oder 27 Liter Blut aus seinem Körper herausfliessen.

Passanten legen die erwartete Aufgeregtheit an den Tag, Frauen schreien los, ein alter Mann brummt etwas von einer Riesensauerei, ein zweiter reklamiert Sicherheit für die Bürger. Angestellte aus dem Sportgeschäft gegenüber haben mittlerweile Polizei und Notarzt alarmiert, und es fliesst Blut. Noch immer. Ein junger Mann fragt unentwegt, warum keiner hilft – als könne man die Wunde, die beim Totalverlust des Hauptes entsteht, mit blossen Händen und einigen Erfolgsaussichten versorgen, Erste Hilfe leisten, dem Betroffenen, oder sagt man besser Getroffenen gut zureden, so als hätte er seine Ohren an einem anderen Platz und wäre noch auf Empfang geschaltet – Närrisches mischt sich mit Entsetzen, Neugierde und Mitleid.

Endlich taucht ein Notarztwagen auf – es ist nicht sehr weit bis zum Allgemeinen Krankenhaus Hamburg-Rissen. Die Besatzung des Rettungswagens springt aus ihrem Fahrzeug, der Arzt schaut sich die Unfallstelle an und stellt fachkundig fest: Der Kopf ist ab. Der Mann ist tot. Die Sanitäter werfen rasch eine Decke über den Leichnam und ziehen sich in ihren Wagen zurück. Man wartet auf die Polizei; schliesslich ist auch Michel 17 eingetroffen, besetzt mit zwei Polizeiobermeistern.

Die beiden Grünen nähern sich behutsam dem Toten. Einer lüftet sacht die graue Wolldecke, und lässt den Zipfel wieder los. Bedächtig ziehen sie sich zurück; ihre Gesichter verraten, dass sie mit Kopflosen keinerlei Erfahrung haben, sich in Schwierigekeiten befinden, nicht genau wissen, was nun zu tun sei – und schliesslich doch noch eine rettende Idee entwickeln können. Nach kurzer Beratung geht einer zum Peterwagen und alarmiert die Mordkommission.

Endlich beginnen sie damit, die Menschenan-sammlung um gute drei Meter zurückzudrängen, ein unsinniges Unterfangen, denn die Leute behaupten ihre Plätze in einer Weise, als hätten sie dafür Erste-Rang-Preise bezahlt, drängen sich also wieder nach vorne, nachdem die Ploizeikräfte sich mit den Nachbarn zu beschäftigen. Und es dauert, bis die Polizisten einmal die Runde hinter sich gebracht haben, um zu erkennen, dass sie wieder von vorne beginnen dürfen, dies auch schliesslich tun. Zweiter Versuch.

Dem Entsetzen der ersten fünf Minuten ist längst das gefolgt, was in solchen Fällen die Zuschauerszene beherrscht: Neugier, Vermutung und Wichtigtuerei. Es rüsten sich die Zeugen für die bevorstehende polizeiliche Vernehmung. Tatsachen werden mit Phantasien verflochten, Vermutungen untergemischt, mit anderen Zuschauern ausgetauscht und abge-glichen, schliesslich modifiziert und dann als geplante Aussage paratgelegt.
Mittlerweile ist der Tote leer. Er blutet nicht mehr aus dem Hals, die Pfütze beginnt eine dunklere Färbung anzunehmen.

Endlich erscheint die Mordkommisssion, nimmt kurze Eindrücke auf und ordert die Spurensicherung. Man zieht sich in seinen PKW zurück, nicht ohne die Anweisung an die Uniformierten zu hinterlassen, die Leute fernzuhalten. Der Notarzt möchte gehen und seine Sanitäter mitnehmen, und die Kripo stimmt nach kurzer Beratung zu. Abgang.

Ein uniformierter Polizist bemerkt endlich, dass Zuschauer die Fahrbahn belagern. Der Verkehr staut sich nun bis Nienstedten zurück. Das neueste Stauopfer geniesst den Blick über die Elbe und zum Anleger Teufelsbrück. In Blankenese räumt derweil ein Polizist endlich die Strasse, und der Verkehr setzt sich in Bewegung. Der Tote liegt unter seiner Decke, ist unschuldig am Chaos. Und die Spurensicherung erscheint, nimmt ihre Arbeit auf. Ein Polizei-Arzt ist mitgekommen, und stellt den Tod fest. Und dass der Kopf fehlt. Nun fehlt er endlich amtlich.

Die Spurensicherung beginnt mit der aussichtlosen Suche nach dem Kopf. Sie endet mit der Vermutung, dass wahrscheinlich ein grosser Hund vor allen anderen am Tatort aufgetaucht war und mit einem Souvenir verduftet sei, welches er in einem instinktiven Handlungstrieb als Wintervorrat in irgendeinem Garten vergraben habe. Es sei eine Rasterfahndung nach allen Hunden einzuleiten, für die eine Schulterhöhe von mehr als 50 mm angenommen werden müsse. Nicht gefragt wurde nach der Anwesenheit von Kindern.

Die Vernehmung der Zeugen – es gab sie tatsächlich – bringt die aus Film und Fernsehn hinlänglich bekannten Ergebnisse. Es gab einen Täter, und es gab keinen. Der Täter ist von weisser, schwarzer, gelber und roter Hautfarbe, blond und schwarz, alt und jung, mit und ohne Flinte, mit Machete und Taschen-messer, mit Schweizer Offiziersmesser, Kettensäge
und tragbarer Guillotine, das Opfer wurde zerbissen, gesprengt, zerfahren und auf vielerlei andere Weisen dahingemetztelt. Nein, einen Eskimo habe man nicht wahrgenommen. Krokodile seien in Hamburg auch eine ausgesprochene Rarität. Merkwürdig sei die über-einstimmende Aussage, der Tote habe einen Hut getragen. Der Hut ist nicht auffindbar. Wahrscheinlich werde der Hut noch auf dem Kopf sitzen, und sei vom Hund mitbeerdigt worden, oder so ähnlich.

Die Kripo ist noch etwas unschlüssig um die Frage, wie es nun weiterzugehen hätte, und endlich wird die Identität des Toten festgestellt. Diesbezügliche Erkenntnisse sind ernüchternd: Es hat einen Niemand erwischt, einen Rentner ohne Familie – wenigstens wird es nicht erforderlich werden, andere Menschen mit einer schlimmen Nachricht unglücklich zu machen.

Einer der Kripo-Beamten murmelt in sich hinein, das Glück sei mit die Dummen. Laut ausgesprochen schadet ein solcher Standpunkt der Karriere, man sitzt wochenlang vor der alten Adler-Schreibmaschine, bei der ausgerechnet das A streikt, und tippt nzeigen, Bed rfsmeldungen für Klop pier und ähnliches.

Am Tatort scheint die Situation einzufrieren. Die Dynamik der ersten halben Stunde ist verflogen, und es scheint die Anwesenden Melancholie zu befallen.

Sensible Zuschauer haben diese Entwicklung rechtzeitig gespürt und sich auf den Weg gemacht. Wohin auch immer. Für andere ist es nun zu spät. Schwermut legt sich wie ein Leichentuch über die Szene, hält die Anwesenden gefangen, vermittelt ihnen das Gefühl, als seien sie Staffage, unentbehrlich und darum mit dem Fluch der Unbeweglichkeit belegt, zudem schweigend, denn alles war gesagt, selbst das Ungehörige ausgesprochen (Haben Sie gesehen, der hat sich in die Hose geschissen!). Immerhin bleibt der Autoverkehr von dieser Lähmung unbehelligt, bildet einen bewegten Rahmen um den Unglücksort, kontrastiert diesen und gibt ihm damit einen eigenen, seltsamen Status, so, als hätte man ihn mit einer gläsernen, schalldichten Wand umstellt.

(2) Anderer Ort, selbe Zeit. Noch hatte der Mann in Hamburg Blankenese den Kopf nicht verloren. Luzifer ist wieder einmal ausser sich. Die Probleme mit der Disziplin seiner Truppe häufen sich und sind kaum in den Griff zu bekommen. Am tollsten trieben es wie stets Succubus und Incubus, jene Unterteufel, die sich auf den Diebstahl der menschlichen Fortpflanzungs-fähigkeit spezialisiert haben. Succubus, dieses Teufelsweib, kauert nun vor Luzifer und erwartet sein Donnerwetter. Nein, es ist gewiss keine Angst im Spiel. Man kennt seinen Boss, bellende Hunde beissen nicht, wenn er sich ausgekotzt hat, kann man zur Sache kommen und vernünftige Entscheidungen treffen. Also lautet zunächst die Parole: Sei devot und warte ab.

Luzifer beginnt seine Ansprache wie üblich. Dabei hebt er seine Stimme um eine Oktave an und keift in Altweiber-Manier: Ich bin Luzifer, der Sohn des Lichts und der Göttin Aurora, gefürchtet und verehrt als SATAN, Engel des Bösen! Alles hier hört auf mein Kommando! Dies sollte niemals in Zweifel gezogen werden! Und von Dir, Succubus, will ich nun wissen, wo Incubus sich wieder herumtreibt. Ihr beide habt von mir einen Auftrag erhalten. Was läuft hier bloss wieder ab? Antworte, Weib!

Succubus unterdrückt eine gelangweilte, und setzt eine ängstliche Miene auf. Der Alte mag das, eine Marotte, und es kostet nicht einmal eine Anstrengung, ihm den Gefallen zu erweisen. Jetzt noch die Stimme auf Zittern eingestellt, und leise antworten: Herr, ich weiss es nicht. Vermutlich ist er wieder mal voraus-geeilt. Du kennst ihn, manchmal reitet ihn der Gott!

Luzifer kreischt: Nicht schon wieder! Ich habe die Schnauze voll von ihm und seinen Eskapaden. Nun ist der Kerl 70.000 Jahre alt und kann es immer noch nicht lassen, Unfug zu stiften! Mach´ sofort hinterher und sieh nach, was der Kerl treibt! Bericht in einer halben Stunde!

Succubus die Teufelin streicht sich anmutig über ihr Schnäuzchen – der Alte liebte diese kleine Geste über alles, seine Schwanzspitze beginnt zu glühen – und erhebt sich. Ja, Chef, ich habe verstanden und mache mich umgehend auf den Weg. Keine Sorge, wir haben das immer hingekriegt. Dem Incubus werde ich den Himmel heissmachen und ihm so die Leviten lesen, dass ihm sein Huf drei Tage lang dort juckt, wo er sich nicht kratzen kann! Verlass Dich ganz auf mich! Sprichts, und entfernt sich rückwärts wieselnd aus Luzifers Audienzzimmer.

Natürlich weiss die Teufelin, wohin es ihren Partner Incubus getrieben hat. Ohne Zweifel hat er erneut ein Süppchen angerührt, das sie mit auslöffeln muss. Doch zunächst zieht sie sich in ihre Zelle zurück, um sich reisefertig zu machen; sie bürstet sich den Pelz, schaltet auf Unsichtbar und zurück, findet alles roger und macht sich schliesslich auf den Weg. Zwei Sekunden später kommt sie in Hamburg-Blankenese an, auf Unsichtbar geschaltet, was sie invisibel zu nennen pflegt, und hält Ausschau nach ihrem Partner Incubus.

Fünfzehntausend Jahre Zusammenarbeit mit einem Teufel namens Incubus schärfen die Sinne. Darum entdeckt die Teufelin ihren Partner linkerhand auf der Kante eines dreistöckigen Wohnhauses; er hat es sich auf der Dachrinne bequem gemacht – unsichtbar geschaltet, ganz nach Vorschrift. Sitzt da oben und drückt ein gelangweiltes Gesicht hin.

Offenkundig hat er das Interesse an der Szene unten verloren, wartet auf irgendetwas. Sieht die Succubus und beginnt zu grinsen. Succi, altes Mädchen! Hat aber gedauert, bis Du endlich nachkommst. Hast Dich wohl zu lange gebürstet? Siehst aber wirklich gut aus, mein Zuckerschnäuzchen! Succi hat den Rest ihres mageren Humors verloren – das hätte er bedenken sollen, bevor er sein vorlautes Maul aufreisst. So denkt jedenfalls Succi, und legt sich ins Zeug. Schwingt sich rauf auf die Dachkante und baut sich links vom Incubus-Schätzchen auf.

Sie senkt ihre Stimme um eine Oktave, legt ein Schäufelchen Raucherhusten bei, und spricht – nein, sie röhrt, als habe sie ein schweizerisches Alphorn samt Senn verschluckt, gemessen, aber bedrohlich, einer Zeitbombe gleich, deren Zünder auf 60 Sekunden steht:

Inni, Du dreifach gewendetes Arschloch! (Inni´s Blick wechselt von träge auf wachsam).
Der Alte hat mich gerade erst niedergemacht, und mich dann dringlich hierherbeordert! (Inni´s Blick wird wieder träge).
Nun habe ich wieder einmal an Deiner Stelle die Brühe über den Kopf gekriegt! (Inni´s Blick wird wieder angespannt!)
Der Alte sagt, ich solle Dir so in die Eier treten, dass Du in Pension gehen kannst! (Inni kneift seine Stelzen zusammen, versucht damit einen Knoten zu falten, weil, wenn sie will, macht sie das, er kennt sie!).
Ich aber sage Dir, das kannst Du vergessen. Ich bestimme immer noch selbst, wann ich Dir ins Gekröse trete. Und das passiert mit Sicherheit, wenn Du nicht sofort beginnst, die Scheisse da unten wegzuräumen! Ich hänge Dir Dein Kreuz aus, dass Du Deinen Arsch in einer Schlinge tragen musst! Und dazu habe ich jedes Recht!
Der Alte tritt mir in den Hintern, und ich Dir ins Gemächt – so hat alles wieder seine Ordnung, ist das klar? I s t d a s
k l a r , Du Sackgesicht?

Inni weiss: Wenn sie Sackgesicht sagt, wird es ernst. Lahm entgegnet er noch, es sei doch alles nur ein Ulk gewesen, wir können das ja in Ordnung bringen (tja, Inni ist nicht der Schlaueste; mit dem Plural hat er schon wieder daneben gelangt, Succi dreht nun durch und will ihn treten, wovor ihn sein siebenter Sinn mit einem Sidestep bewahrt, und er verlässt rasch seinen Logenplatz und hängt sich rechterhand ans Fallrohr.

Succi dagegen tritt zu, ins Leere, verliert die Balance und segelt hinunter auf den Bürgersteig, haarscharf an einer alten Dame vorbei, die sofort ein Schaudern packt, und eine Ahnung vom nahen Tod, was Succi sofort spürt, bedauert und zur Sühne den Rheumaschmerz in der rechten Schulter von Frau Lüders lindert – auch Teufel können das!

Währenddessen hängt Inni am Fallrohr und brummelt etwas von Gefühlsduselei. Succi macht sich auf den Weg nach oben, entlang des besagten Regenrohrs. Inni weicht zurück, vielmehr nach oben aus, schwingt sich über die Dachrinne und nimmt Deckung hinter dem Schornstein. Succi kauert davor, röhrt ihn an.

Und jetzt, Inni-Schätzchen, verschwindest Du vom Dach.
Du eierst nach unten, und räumst auf. Und vergiss nicht: Ich bin Luzifers Henker. Ich reisse Dir raus, was Dir lieb und wert ist, und verfüttere es an die Engel!
Du hast jetzt 37 Minuten, dann herrscht da unten wieder Ordnung, Alltag, Friede, Freude und Eier-kuchen. Ist das klar?
Und wenn Du dort fertig bist, werde ich weisungsgemäss dem Alten berichten. Ich werde ihm sagen, es sei hier nichts gewesen. Und dann machen wir uns an unseren Auftrag. Hast Du alles kapiert, oder muss ich nochmal wiederholen?
Inni kleinlaut: Alles retour?
Succi: Mach los, Du Sohn einer …..
Inni ist schon weg.

(3) Rückabwicklung ist angesagt. Dabei spielt die Zeit eine gewichtige Rolle. Seit Inni´s Eingreifen in die Strassenszene am S-Bahnhof Blankenese sind inzwischen 46 Minuten vergangen. Inni betritt die Szene, für jedermann unsichtbar, ausgenommen für Succi, die es sich auf der Dachrinne bequem gemacht hat und mit Falkenaugen den Prozess überwacht. Was hat der blöde Hund nur wieder angerichtet. Wäre ich der Boss, denkt sie, der Typ würde nicht mehr aus der Hölle rauskommen. Innendienst bis zum Abwinken, für mindestens weitere 50.000 Jahre. Aber der Alte ist zu gutmütig. Manchmal kommt einfach der Engel bei ihm durch!

Inni rechnet. 46 Minuten zurück, plus zwei Minuten Vorbereitung macht neunundvierzig – und los. Erst ein Stillstand der Zeit, dann alles retour, just so, wie man einen Film rückwärts laufen lässt. Inni überwacht angestrengt den Prozess, und Succi überwacht ebenso aufmerksam ihren Inni, bemerkt eine Minute Zeitdifferenz, alles läuft weiter zurück, wenn nur dieses hundeschnäuzige Arschbackengesicht von einem Unterteufel mal etwas richtig machen würde! Und genauso röhrt sie ihm das hinunter; er sieht danach wirklich betroffen aus. Nach knapp 49 Minuten rollt in Pinneberg ein Ford Mondeo rückwärts in seine Garage, der Fahrer steigt aus, trottelt rückwärts gehend in sein Haus, hängt seine Jacke an die Garderobe, retiriert in die Toilette und setzt sich auf den Topf, endlich ….. nun, das lässt man aus. Verletzt die Menschenwürde.

Endlich ist die Reorganisation abgeschlossen. Die Zeit stoppt, und bewegt sich wieder in die korrekte Rich-tung. Der Typ in Pinneberg kommt vom Topf hoch, fühlt sich gut und macht sich wieder auf den Weg Richtung Blankenese. Nichts ist passiert. Nur einige empfindsame Menschen erleben die überflüssige Minute als ausgedehntes Déjavu.

Inni entert die Dachrinne und setzt sich neben Succi. Sie ist aber noch nicht mit ihm fertig. Du kommst jetzt mit zum Alten, Sackgesicht! Ich muss Bericht erstatten. Und Du wartest vor seiner Tür. Ich möchte heute nicht nochmal erleben, wie Du Mist baust. Ist das klar?

Sekunden später steht Succubus vor Luzifer und berichtet: Ehrwürdiger Satan, ich habe Incubus in Hamburg angetroffen. Er hat dort auf mich gewartet. Es war nichts passiert. Ich vermute, er hat grossen Respekt vor Dir und Deiner Allmacht. Kann sein, er beginnt zu verstehen. (Sie fährt sich mit der Pfote zart über ihr Schnäuzchen, und Luzifer bemerkt´s mit Entzücken). Es gibt also keinen Grund sich zu sorgen.
Luzifer fragt nach, was sie eine Stunde lang getrieben hätten, wenn nichts zu reparieren gewesen sei. Succi: Nun, ein wenig lüstern war der Incubus schon. Du kennst ihn. Wenn er sein Engelsgesicht aufsetzt und damit beginnt, Rosenkränze zu beten, dann steht er kurz vor einer Eruption, und man muss einige Mühe darauf verwenden, ihn wieder so weit herunter-zukühlen, dass man ihn allein lassen kann. Aber sei versichert: Wir arbeiten dran. Keine Sorge. Succi hat alles im Griff!

Luzifer verliert das Interesse an Inni, und sein Interesse an Succi wächst. Sie bemerkt dies, bedauert, dass eines der grossen Welträtsel ungelöst bleibt: Engel sind geschlechtslos. Und das bleiben sie auch als gefallene. Wie kann es angehen, dass der Boss sich wie ein geiler Bock aufführt, seine Energie derart verschwendet, sich aufplustert wie ein Gockel, um dann einem aufgeschlitzten Heissluftballon gleich abzu- schlaffen, ohne auch nur im geringsten einen Nutzen aus dem Gehabe zu ziehen? Kerle!

Succi zieht sich zurück, bevor die Situation richtig unangenehm wird; der Alte mag sich in sein Schwefel-bad verziehen und de-eskalieren. Sie hat schliesslich einen Auftrag zu erledigen, und zudem die Dumpf-backe Inni am Halse.

Succubus und Incubus machen sich auf den Weg, um ihre Arbeit zu erledigen. Der temporär Geköpfte sitzt nun in seiner Stammkneipe und hat bereits das zweite Bierchen vor sich stehen. Es ist offenkundig: Er hat auch die für das Eingiessen von Pils erforderliche Körperöffnung ordnungsgemäss zurückerhalten; seine Mine verrät, dass Schäden an Körper, Geist und Seele nicht eingetreten sind.

(4) Succi memoriert laut (damit Inni mitkriegt, was nun zu tun ist):

· Auftrag
· Durchführen: Incubus / Succubus
· Termin: innerhalb von 6 Stunden
· Zielperson: x, Senator der Freien und Hanse-stadt Hamburg, Bezirk Mitteleuropa, Planet Erde
· Massnahme: holen (tot oder lebendig), und sofort vorführen
· Begründung: Senator X wurde durch Pastor Y verflucht; Y murmelte den Fluch: Da sitzt er. Den soll der Teufel holen! noch während seines Gottesdienstes. Damit wird der Fluch wirksam.
· Die Massnahme des Pastors steht im Zusammenhang mit einer erwarteten, aber nicht eingetretenen Spende für die Nordelbische Kirche und dem damit einhergehenden Verlust von 25 Prozent des Spendenbetrags für die Gemeindekasse des Pastors. Senator X hatte einen 6stelligen Betrag zugesagt und einen 3stelligen zur Verfügung gestellt.
· Besonderheit: Das Verhalten des Senators X deutet an, dass er der Hölle nähersteht als dem Himmel. Das ist jedoch irrelevant. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass derlei Erwägungen die Durchführerung des Auftrags nicht beeinträchtigen dürfen.

Senator X wohnt am Süllberg; er ist Eigentümer einer Penthouse-Wohnung mit Elbblick. Verheiratet, aber kinderlos geblieben, hat er sich für eine Legislaturperiode vom Handel abgewandt und sich der Lokalpolitik verschrieben. Als gelernter Kauf-mann hat er folgerichtig das Ressort Kultur übernommen.
Sein Unernehmen beschäftigt in der Regel 130 Mitarbeiter und wird derzeit von einem Geschäfts-führer geleitet. Das Unternehmen handelt mit allem, was der ferne und der mittlere Osten zu bieten haben: Teppiche, Tee, Gewürze, Elektronik, um die wichtigsten Posten zu nennen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, Senator X sei ein hansea-tischer Pfeffersack im Original.

Das ist nun jener Mann, den die Teufel holen sollen, weil ein Pastor es wünscht. Welch eine Ironie!

(5) Teufel reisen nicht. Sie scheinen immer genau dort zu sein, wohin sie wollten. Ein Kurztrip von München nach Hamburg dauert den Bruchteil eines Wimpern-schlags. Sofern Inni sich dabei um eine Sekunde verspätet, dann hat er gewiss einen Abstecher nach Australien unternommen, und bekommt deswegen richtigen Zoff mit Succi.

Natürlich ist Senator X nicht zu Hause. Die Teufel wissen nicht, wo er sich aufhält, aber sie kennen seinen nächsten Schritt. Also rasch bei der Industrie- und Handelkammer vorbeigeschaut, nicht da. Nächste Station ist die Staatsoper, Büro des Intendanten (vorzüglicher Cognac!), dann weiter ins Rathaus, hier das Restaurant (X hat Boeuf à la mode gegessen), sodann das Büro des Bürgermeisters aufgesucht, und ist anschliessend in den Freihafen gefahren, wo er einen Schuppen, den 10er gemietet hat.

Hier wird’s für Succi und Inni überaus ungemütlich. Nicht dass hier Weihwasser gelagert wäre – das nein. Aber Teufel fürchten Gewürze ebenso. Sie sind mög-licherweise traumatisiert durch intensiven Kontakt mit Weihrauch, wovon die Katholiken in Kirchen wie im Freien reichliche Mengen verbrennen. Die Ursprünge des Weihrauch im christlichen Gottesdienst liegen im römisch-byzantinischen Hofzeremoniell. Dabei wurde Weihrauch als Amtsinsignie hoher Beamten über-nommen. Schon damals haben sich Bischöfe hinter Schwaden von Weihrauch versteckt und zugleich ihren Gläubigen die Sinne vernebelt. Inni ist frustriert:

· Succi, weißt Du noch, damals inByzanz, als ….
· Höre mir mit den alten Geschichten auf!
· Aber Succi, riechst Du ihn nicht? Das ist kein Sandelholz!
· Inni, Du bist ein feiger Teufel! Und Du hast Glück, dass uns jegliches Schamgefühl abgeht! Los, weiter!
· Succi! Ich mag keine Gewürze! Sie machen mich nervös! Man weiss nie, was kommt! Unser Mann ist ein Pfeffersack! Gewürzhändler!
· Inni, noch einen Ton, und ich tue, was der Boss mir aufgetragen hat! Hier ist keine Kirche, hier wird kein Weihrauch abgefackelt! Das hier ist nicht der Kölner Dom, sondern Schuppen 10 im Hamburger Freihafen. Vergiss endlich Byzanz, Du Lusche!

Schliesslich haben die beiden ihren Mann auf Boden 3 geortet. Ausgerechnet dort. Er palavert mit einem der Gangführer, sitzt dabei auf Paketen – Weihrauch.
Boswellia carteri Prov. Somalia. Steht so da, riecht so, ist auch drin.

Succi ist sprachlos. Was tun? Invisibel bleiben, selbstverständlich. Warten. Natürlich. Zuhören. Was sonst? Aber die Zeit!

· …. sicher, dass die bestellte Qualität drin ist?
· Da müssen wir eine Stichprobe nehmen! Ich hole mal schnell eine leere Dose …
· Aber keine Fischdose ….
· Gewiss Herr Senator. Ich weiss Bescheid – sonst glauben wir noch, dass der Weirauch nach Hering riecht, mit Senfsosse …. hahahaha …
· Machen Sie zu, Sandner, soviel Zeit habe ich nicht!
· Sekunde, da ist sie schon. Die haben wir letztes Mal auch benutzt! Wir wollen doch den Herrn Bischof in Paderborn nicht verärgern!
· Nu man los, Sandner!

Inni: Jetzt hau ich ab. Es wird ungemütlich!
Succi: Feiger Hund!
Sandner: Dor hebbt wi den Krom. Mit´n beten Holzkohle ward dat gein.
Der Senator: Machense man zu!
Sandner: Brennt´n beten!
Inni: ich verzisch mich.
Succi: Ich komme mit.

Und bald riecht der Boden 3 des Schuppens 10 am Tschechenhafen wie der Dom zu Bamberg am höchsten katholischen Feiertag.
Sandner: Brennt gut, qualmt gut, riecht wie immer. Kann ich jetzt lüften?
Der Senator: Machense man zu. Ich nehme mir eine Probe mit. Meine Frau schwört auf H15. Soll gegen alles helfen. Und so ganz unrecht hat sie nicht. Wurden Sie jemals in einer katholischen Kirche von Mücken geplagt? Nein, meinte Sandner, das wäre man schlecht möglich, weil er Atheist sei, lauerten ihm die Mücken in seiner Schlafkoje auf. Stecken Sie sich doch auch eine Probe von dem Zeug ein, für zu Hause, sagte der Senator im Weggehen, und verströmte dabei einen Duft wie eine Tonne Mottenkugeln. Den Teufel werde ich tun, brummte Sandner. So, wie ich rieche, kann ich nicht nach Hause kommen. Meine Alte schmeisst mich sofort wieder raus. Da kann ich denn man gleich in die Kneipe. Sprachs und zog los. Den Schuppen hatte er dann doch noch abge- schlossen und die Alarmanlage scharfgeschaltet.
(6) Senator X duftete still vor sich hin, setzte sich in seine Luxuskarosse und machte sich auf den Heimweg. Succi und Inni hatten ihm aufgelauert, sich aber nicht an ihn herangewagt. Succi memorierte erneut:

· Erstens haben wir nur noch eine und eine halbe Stunde Zeit, um den Auftrag zu erledigen.
· Zweitens kommt der Senator X ungeschoren davon, wenn wir´s in der restlichen Zeit nicht schaffen.
· Drittens fehlt uns die Zeit, die wir mit Inni´s Blödsinn in Blankenese vertrödelt haben.
· Viertens möchte ich nicht in unserer Haut stecken, wenn der Alte erfährt, dass er den Senator nicht kriegen kann.
· Daraus ergibt sich fünftens, dass wir ab sofort agressiv vorgehen müssen. Vergessen wir den Weihrauch, sonst gibt’s Zunder!

Inni hält dagegen: Mach Du´s. Ich fass den Typen nicht an. Beim letzten Mal habe ich gereihert bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Eine Kunst, sage ich Dir. Nicht essen, nicht trinken, aber reihern, das krieg Du erst mal hin.

Succi: Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich Dich gebührend bedauern. Nun aber holen wir uns den Senator! Schlappschwanz!

Und einen Wimpernschlag später kauern sie in des Senators Salon, unsichtbar wie immer, und beobachten Frau X beim Arrangieren eines gewaltigen Blumenbuketts. Des guten Wetters wegen hat die Hausfrau die Schiebetür zur Dachterrasse geöffnet. In der Sonne tanzen die ersten Mückenschwärme, sehr zum Missfallen von Frau X, die nicht ahnt, dass diese frühen Insekten noch nicht zum Blutsaugen konditio-niert sind. Angeber allesamt.

Um es kurz zu machen: Zunächst erscheint Senator X auf der Bildfläche. Duftet nach Weihrauch, als wäre er stundenlang in einer Fronleichnamsprozession mitgelaufen.

Inni kriegt das Würgen.

Frau X erinnert sich: Hast Du ein wenig Weihrauch mitgebracht? Schau Dir die Mücken an. Schwärme davon schon im Frühjahr, unglaublich! Ja? Her damit.

Rasch hat sie eine vorbereitete Schale herbeigeholt, und der Senator bestückt und befeuert diese.

Inni beginnt zu reihern.

Succi will sich dem Senator nähern.

Inni verliert die Kontrolle und schaltet aus Versehen auf Sichtbar.

Frau X schreit wie am Spiess, und sinkt ohnmächtig zu Boden.

Der Senator ist aus härterem Holz. Merkwürdig, denkt er. Die Gestalt sieht aus wie die bei Albrecht Dürer: Der Ritter, der Tod und der Teufel. Genau, es ist der Teufel! Was will die Type hier?

Die unsichtbare Succi verliert jetzt ihererseits die Fassung.

Der Senator hält noch immer die Weihrauchschale in der Hand und vergisst, sie abzustellen. Lässt sich in einen Sessel fallen und staunt: Wer hat je im Leben einen kotzenden Teufel gesehen?

Succi ist mittlerweile unter Krämpfen zurückgewichen. Die gesamte Szenerie scheint ihr unwirklich. Kämpft sich zu inni vor und schaltet ihn auf invisibel.

Der Senator ist noch immer bei Dürer; seine Berufung zum Kultursenator beginnt Früchte zu tragen. Endlich stellt er die rauchende Schale zur Seite, um sich einen Bildband aus dem Bücherbord zu greifen.

Dumm, denn er schiebt den Mückentod den beiden Teufeln direkt unter die Nase.

Inni ist einer Ohnmacht näher als allem andern, und Succi beginnt zu reihern. Sie weichen zurück, und Succi will den Kampf wieder aufnehmen. Sie rappelt sich auf und stürzt auf den Senator zu, der sich mit einem schweren Bildband in der Hand umwendet – er trifft Succi versehentlich direkt auf die Schnauze, und sie weicht jaulend zurück.
Teufel weinen nicht, auch wenn ihnen danach zumute ist. Succi setzt sich verzweifelt auf den Teppichboden. Unter ihr bildet sich eine Pfütze, was den Senator nun doch ziemlich verwundert. Pfützen aus dem Nichts sind auch in Hamburg äusserst selten.

Während er sich fragt, wo das üble Vieh abgeblieben sein mag, und wer es ihm geschickt haben könnte, und was der ganze Mummenschanz eigentlich soll, kommt für Succubus und Incubus die Abberufung. Ihre sechs Stunden sind verstrichen, der Teufel hat den Senator nicht gekriegt.

An seiner Stelle bekommt er zwei kotzende Unterteufel. Sie werden seinen Zorn zu spüren bekommen, sobald es ihnen wieder besser geht. So lange wird er mit seiner Rache warten. Zur Strafe wird er die beiden in Hamburg installieren – in menschlicher Gestalt selbstverständlich. Sie sollen wie Herr X politische Ämter bekleiden.
Sie sollen wie Herr X unredlich handeln, verflucht werden, und er wird ihnen Unterteufel schicken, sie jagen lassen, sie vor seine Füsse werfen lassen und ihnen alles nehmen, was sie je besassen. Er wird sie in seiner Hölle schmoren lassen. Bis dahin, Ihr Höllenhunde, kotzt Euch ruhig aus, und erleidet einen ersten Schmerz! Ich, Luzifer, der Sohn des Lichts und der Herr der Hölle habe alle Zeit der Welt, und die Ewigkeit dazu!

Gut gebrüllt, Löwe! Nur hat die Pleite ein Nachspiel. Wenige Momente nach Fertigstellung der Strafpläne für seine beiden Versager wird er, Luzifer, zum Herrn gerufen. Wo bleibt mein Senator, mein Sohn? So lautete seine einzige Frage. Zwei Erzengel mit Flammenschwertern setzten bedrohliche Mienen auf. Wo bleibt mein Senator, der meine Kirche um einen sechstelligen Betrag betrog?

Ein Cherubim, Engel der Weisheit: Er hat ihn nicht!

Ein Seraphim, Engel der Liebe: Er hat ihn laufen lassen!

Beide (im Chor): Er ist ein Versager!

Die Cherubime mit ihren Flammenschwertern: Wir wollen ihm das Fell versengen!

Alle zusammen: Herr befiehl? Was sollen wir mit ihm machen?

Und der Herr sprach: Es ist Luzifer, einer Eurer Brüder, und mein Sohn! Habt Erbarmen. Schickt ihn in Menschengestalt auf die Erde und lasst ihn ein gesamtes Menschenleben erfahren. Er soll im Leid baden und Demut lernen!

Die Engel gehorchten, unverzüglich und ohne Widerrede.

Und so wurde Donald Trump geboren.

Nicht lesen!

Ein seltsamer Tag, dieser Dienstag. Ich schreibe das Wort „Dienstag“ mit 3 Tippfehlern. Staunend stelle ich fest, damit eine neue Höchstleistung geliefert zu haben. In meiner Phantasie feiere ich dieses Ereignis mit einem Schluck Champagner. Aber nun treibt mich meine Neugierde zu der Frage, wie es dazu kommen konnte. Wie habe ich das nur geschafft? Ich schaue auf meine Finger. Sie sind es gewesen, es bestehen keine Zweifel an dieser Feststellung. Ich erkenne, dass Klärungsbedarf besteht, und lege beide Hände auf die Schreibtischplatte, betrachte meine Fingernägel. Sie sind so, wie ich „gepflegte Hand“ definiere – es fehlen einige Feinheiten. Ich vermisse sie keinesfalls. Oben sind die Hände in Ordnung. So stelle ich das in meiner Sprache fest. Nun ist da eine zweite Seite. Das Unten. Ich drehe meine Hände um und sehe das Unten. Irritiert schaue ich aus dem Fenster, denn nun ist das Unten oben, und damit habe ich ein Problem. Ich liebe Klarheit in allen Lebenslagen und strebe beständig nach diesem Ideal. Der Gedanke, dass das Oben nun unten ist, verwirrt mich vollends. Touchez! Ich schaue aus dem Fenster, und erkenne eine neue Dimension. Mit Handschuhen besteht doch das selbe Problem, oder? Ich verdränge diese ungeklärte Sichtweise und wende mich wieder meinen Händen zu, indem ich den Begriff „Innenhand“ ins Spiel bringe. Man weiss, dass Innenhand dort ist, wo man keine Fingernägel sieht. Die damit geschaffene Eindeutigkeit befriedigt ….. genau bis zu jenem Punkt, der erkennen lässt: Eine Aussenhand kennt die Sprache nicht. Schon hat man dem glasklaren Blick Risse zugefügt. Zu allem Unglück gesellen sich Vorhand und Rückhand dazu, obschon man im Tennis nicht mit Händen, sondern mit Schlägern spielt, wobei Schläger nicht Rabauken sind, sondern ….. ich sollte wohl den Mund halten und den PC abschalten.

Eigentlich wollte ich an einem ganz anderes Thema herumschrauben. Aber ich bin alt genug, dass ich mir Verwirrungen und Verirrungen gönnen darf. Offen ist die Frage, ob ich dabei entstandene Machwerke in meinem Blog veröffentlichen sollte. Nach kurzer Prüfung komme ich zu einem uneingeschränkten „JA“ – als warnendes Beispiel für Höheren Blödsinn.

Hommage auf Mutter Bavaria

Mir san mir! So die Bayern. Und dabei ist es ihnen völlig wurscht, ob sie nun in Lederhosen oder im Business-Dress mit scharfer Bügelfalte und Seidenkrawatte daherkommen.

Mir san mir. Das bedeutet, wir sind nicht irgendwer. Wir sind wichtig, hauptsächlich für Bayern und für uns selbst. Beachtet uns. Wir wissen, was wir wollen. Habt uns immer auf der Rechnung!

Ich bin ich! Gleiches Recht für alle, sage ich. Ich bin, also denke ich! Cogito ergo sum? Ja, das auch. Ich bin kein ein altes Schubkarrenrad, das nutzlos im Keller steht. Ich bin nicht irgendwer. Zwar besitze ich weder Lederhose noch Business-Dress, aber mehrere Jogginghosen und zwei Krawatten. Zwei! Und eine ist schwarz! Ich bin wichtig – für mich. Und ich weiss, was ich will. Meine Ruh‘ zum Beispiel. Oder eine Leberkäs-Semmel mit einer Halben Lagerbier.

Ich bin nämlich als Bayer geboren. Aber anders bajuwarisch aufgewachsen. So, als wäre ich als Kartoffel geboren und zur Schweinshaxe gereift. Deshalb agiere ich nicht typisch bayrisch. Zum Beispiel gilt für mich:

Kirche von aussen – Berge von unten – Wirtshaus von innen!

Immerhin haben meine Landsleute eines von drei Prinzipien mit mir gemeinsam. Das verbindet.

Allerdings muss man neuerdings in Bayern bittere Pillen schlucken. Gute Bayern wie ich leben im Exil, also weit, weit weg von München, und das Bayernland ist mittlerweile völlig durchseucht mit Deutschen. Und das wirtschaftlich starke Hamburg brüllt immer lauter:

Weg mit den Alpen! Wir fordern freie Sicht auf das Mittelmeer!

Da stockt mir doch der Atem, und ich kriege meine Semmelknödel nur noch zerkleinert runtergeschluckt! Aber sorge Dich nicht, Du Land der Bayern.

Bavaria, Du bist so schön!
Wirst Du im Chiemsee untergehn?
Nimmt so das Schicksal seinen Lauf,
dann mache ich den Deckel drauf.

Ich bin immer für Dich da, Du „liebliche“ Bavaria!

Gut geurteilt ist halb gerichtet

Es begab sich zu der Zeit, als man das Jahr 2020 schrieb, dass ein Mann um die Ecke kam, sich vor einer Kirche aufbaute und ein Buch in die Sonne hielt, als wäre es ein Fladenbrot. Seht her, so seine Botschaft, ich bin der Auserwählte, die Sonne meines Landes, der Vater meiner Nation und der Beschützer allen Wohlstandes, und ich sitze auf dem Stuhl des Mose und bin Gott nahe, wie noch kein anderer nahe gewesen ist!

Die Welt lachte, und die Priester verfluchten jenen Tag, an dem dieser Pharisäer geboren wurde. Und ihr Fluch reiste in die Vergangenheit bis in den Weinkeller seines Stammvaters am anderen Ende der Welt, wo seine Sippe gezeugt wurde.

Es bleibt ausgerechnet einem Atheisten überlassen, das Buch der Bücher zur Hand zu nehmen und mit Versen aus dem Buch Matthäus über diesen Pharisäer Donaldus zu richten:

DAS EVANGELIUM NACH MATTHÄUS (MT 23,1-12)

Gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer

231 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren.
5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

So steht es geschrieben in der Bibel, die er schmäht und nicht von einem türkischen Fladenbrot unterscheiden will. Aber Gott ist gnädig und verzeiht den Sündern. Möge er diesen bald zu sich rufen, damit seine anderen Kinder aufatmen können.

Anmerkung:
Die Bibel wurde nach der Stadt Byblos benannt. Diese phönizische Siedlung war im 1. Jahrtausend vor Chr. der bedeutendste Handelsplatz für Papyrus. Byblos liegt etwas nördlich von Beirut im Libanon.

Eine wahre Orgie

Ich bin wieder einmal in Siena. Im Geiste natürlich. Diese Stadt mag ich sehr. Sie ist einzigartig, wie Venedig. Ich gehe über die Piazza del Campo hinab zum Torre. Dort, um die Ecke gibt es ein kleines Restaurant. Der Zufall wollte es so, dass ich mit Familie, das sind in Summe vier Häupter, den kleinen Laden gefunden hatte, der – wenn ich mich recht erinnere – nur mit 6 kleinen Tischen ausgestattet ist und somit weniger als 20 Gäste bewirten kann. Tatsächlich war einer der runden Tische frei, statt drei sassen nun vier hungrige Leute dort, und mit den Getränken, das waren Wein und Wasser war der Tisch nahezu vollgepackt. Dem Cameriere war das offensichtlich gleichgültig, aber zur Vorsicht hatte er einen kleinen Beistelltisch besorgt.
„Ich esse heute mal ein Steak! Wer noch?“ Aha. Alle. Unsere Bestellung ging an die Küche, eine winzige Ecke des Gastraums. Dort war ein Mann mit Nudelteig beschäftigt. Ich dachte noch einen Moment darüber nach, wie die Leute hier zurecht kommen können, wo sogar der Platz zum Umdrehen fehlte. Aber sie kamen. Und es kamen hausgemachte Tagliatelle mit drei Sorten Füllung als Primo Piatto – unglaublich lecker. Und ich hätte nach diesem ersten Gang gehen sollen, denn ich fühlte mich richtig gut. Aber es waren Steaks geordert …..

Zwischendurch kam der Koch an unserem Tisch vorbei und hatte einen ca. meterlangen Kotelettstrang auf seine Schulter geladen. In diesem Moment schrillte in mir eine Alarmglocke. Das geht nicht gut aus, dachte ich, und guckte meine Familie an. Wenn der jetzt ….. und er hatte. 4 T-Bone-Steaks lagen auf dem Grill. Wenig später schaufelte der Koch Beilagen auf vier Teller, füllte bunten Salat in vier Schüsseln und legte mit Andacht 4 Steaks auf die Teller, die zusammen gewogen mindestens 2,4 kg wogen. In Windeseile stellte man alle Getränke auf den Beistelltisch, und vier Riesenteller vor uns hin. Ich schaute anscheinend wie ein krankes Pferd. Am Nachbartisch sass ein Südtiroler. Der schien auch irritiert und murmelte ganz für sich Himmel! Das sind Deutsche!

Jetzt versuchte ich mich mit Motivation und stellte fest, wir hätten nun gelernt, was Bistecca fiorentina seien. Nun wünschte der Cameriere einen Guten Appetit, und das war nötig, denn was die Tischplatte präsentierte, war eher abschreckend. Aber wie er von nebenan richtig bemerkte: Wir sind Deutsche. Wir haben zwei Kriege verloren, aber diesen hier werden wir gewinnen! Und wir haben ihn gewonnen. Leider hängt unser Foto nicht neben dem von Pavarotti – das hätte den Abend auf wunderbare Weise abgerundet. Vielleicht war es sogar richtig, anstelle einer zweifelhaften Ehre einen doppelten Grappa hinter das Bistecca zu giessen. So haben wir immerhin den kurzen Weg zu einer Eisdiele geschafft, in der ein Weltmeister seine Gelati zusammenkomponiert. Ich kaufte mir ein nahezu schwarzes Schoko-Eis, setzte mich auf den Rand eines Travertin-Brunnens und versuchte, diese Köstlichkeit zu geniessen. Es blieb beim Versuch. Das Eis hat mich niedergestreckt.

Erst im Auto kriegte ich wieder Boden unter die Füsse. So habe ich gelernt, dass mein Körper auch streiken kann, wenn ich ihn malträtiere. Und ich erinnerte mich an einen Spruch meiner Mutter: Intelligenz säuft, und Dummheit frisst. Is ja gut, Mama, Du hattest recht!

Orgiastisches

Mein Sohn und ich in Berlin. Es war angesagt, im Europa-Center beim Japaner zu essen. Eine halbe Stunde nach dieser Ansage sassen wir dort am Tresen und studierten kurz die Menu-Karte – ohne jeden Erkenntnisgewinn. So kam es zu einem „Blind date“ mit der japanischen Küche, und wir fanden das recht amüsant. Einer der Köche stellte zunächst jedem ein kleines weisses Schälchen mit irgendeiner Brühe hin. Aha, der erste Gang! Bisschen mickerig, aber egal, es kommt ja noch mehr. Also schnappten wir uns die Schälchen und tranken sie aus. Schmeckt scheusslich, diese Sojasosse ohne alles. Der Servicemann goss nach mit der Bemerkung: Nicht trinken. Sojasoss! Es grenzte an ein Wunder, dass wir bei unseren Lachkrämpfen nicht vom Hocker gefallen sind.

Wenig später habe ich begriffen, dass mich das Schicksal bestraft hatte. Jahre zuvor habe ich mich über einen mir bekannten Elektromeister lustig gemacht. Wir sassen in Stuttgart beim Göggeles-Meier, wo es nur Gockel, also Grillhähnchen gab. Nach dem Essen kam eine Schale mit Wasser und einer Zitronenscheibe an den Platz, und unser Meister hat sie in einem Zug leergetrunken. Sie war natürlich zum Fingerwaschen gedacht, und die Warnung an unseren Mitreisenden kam einen Moment zu spät. Wir hatten unseren Spass, und der Übeltäter nahm unseren Spott wie ein Mann.

Jahre später war ich wie oben geschildert dran mit der Rolle des Deppen. Ich möchte heute noch wissen, was sich der kleine Japaner mit dem grossen Messer gedacht hat, als er uns zuschaute. Was ich gedacht habe? „Sowas passiert, wenn ein Bauer in die Stadt kommt!“