Honigbiene (auch f. Kinder an 10 Jahre)

Ich zeige hier das Foto des Jahres 1871, das schicksalsschwere Jahr des Sieges Preussens über Frankreich und die Gründung des Deutschen Reichs.

Das Bild zeigt eine Biene der Kriegerkaste, die beflügelt durch die Natur und den deutschen Kriegserfolg auf einen Raubzug ging. In ihren Kreisen fräste man den Stachel auf Dreikant mit Blutrinnen, schärfte sie Spitzen und machte sich auf den Weg in die Blütenwelt. Der übliche Spruch lautete: Pollen her, oder ich befruchte Dich!

Wie man weiss, verhalten sich die Blüten sehr cool. Bei Attacken durch Kampfbienen können sie nur gewinnen. Nahezu jeder Angriff lässt eine Frucht entstehen.

Allerdings wird sich ein kompletter Kirschbaum darüber wundern, dass ein derart dummes Tier das Fliegen erlernen konnte. Gut zu wissen, dass die Biene zwar so dumm wie ein Klappspaten ist, ihr Volk jedoch, als Unit verstanden, erstaunlich intelligent.

Leute vom Fach raten zu doppelter Vorsicht. Man erliegt sehr rasch einem falschen Urteilüber diese Tiere, und ihr Stachel ist nicht von schlechten Eltern,
sondern auch noch vergiftet. 117 Stiche, und man sieht die Radieschen von unten!

Kugel, blau

Diese blaue Kugel ist das, was man sieht: Eine blaue Kugel. Mehr nicht. Man kann spitzfindig herausarbeiten, dass sie so etwas wie ein Surrogat für den in Deutschland so beliebten Gartenzweg ist. Schmeiss das Ding in Deinen Garten, und es weht ein Hauch von Mystik durch den Grünkohl.

Ich denke, die Welt braucht das nicht. Man benutzt blaue Kugeln als Molch! Jagt sie per Druckluft durch Rohre, um sie innen zu reinigen. Dumm ist nur, dass man dazu auch rote Kugeln verwenden kann. Und karierte.

Ich suche weiter, suche nach Gründen, weshalb blauen Kugeln die Existenz gesichert werden soll. Finde nichts, genauer gesagt: Garnichts.

Schliesslich dämmert es mir. Blaue Kugeln sind nur bedeutungsvoll, wenn sie nicht wirklich Kugeln sind, sondern nur als solche erscheinen. Nimm zum Beispiel einen blauen Ball und lasse ein wenig Luft ab. Dann hast Du so etwas wie eine riesige Heidelbeere, und diese Früchte sind zwar rund, aber keine Kugeln. Oder denke an die blaue Kugel in meiner gleichnamigen Kurzgeschichte. Und rustikal denkende Menschen nennen einen Rotkohl „Blaukraut“ und glauben fest daran, einen greifbaren Beweis gefunden zu haben. Fragst Du, was damit bewiesen werden soll, so weht Dir nur heisse Luft entgegen. Fragst Du nach Murmeln aus blauem Glas, so wissen sie, was blau ist und was Glas ist – aber nicht, was Murmeln sind. Aus der Mode gekommen! Molche, Bälle und Schmuck-Kugeln für Weihnachten – mehr kenne ich nicht, was das Prädikat „Kugel blau“ verdient hätte.

Verlassen wir die mystischen Sphären der blauen Kugeln. Da wäre noch der dicke Risch, wenn er betrunken ist. Blau? Ja. Rund? Ja. Eine Kugel? Nein. Es sind noch Kopf und Beine dran! Sehr unvollkommen!

Die blaue Kugel

Es sind nur wenige Schritte zum Piazza del Campo, eines der architektonischen Wunder Sienas. Der Campo wurde in Muschelform angelegt, senkt sich zur Basis hin und muss deshalb autofrei bleiben – geradezu eine Einladung, sich irgendwo auf dem Platze wie in einem Amphittheater niederzulassen, die Sonne und seine Kulisse zu geniessen. Am unteren Ende des Platzes, wo das Rathaus und der Torre die Piazza abschliessen, ist es geschehen.
Eines Tages, in den frühen Morgenstunden, machte sich ein junger Mann auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Später erzählte er, es müsse so um 4 Uhr gewesen sein, als er den Campo von Westen her betrat; er sei Bäcker, und Bäcker hätten bekanntlich recht absonderliche Arbeitszeiten, wenn die Kunden um 7 Uhr am Morgen frisches Brot kaufen möchten.
Nun, besagter Bäcker betrat also den Campo. Es begann gerade zu dämmern, als er die leuchtend blaue Kugel wahrnahm, die gleich einer Perle an der tiefsten Stelle des Platzes  abgelegt war.

So jedenfalls hatte er bei der Befragung durch einen übermüdeten Polizeibeamten seine Beobachtungen formuliert. Jener Beamte hatte zu so früher Stunde keinen Nerv für durchgeknallte Bürger, und er empfahl dem Bäcker, jener möge sich einen Tag frei nehmen und seinen Rausch ausschlafen – mit dem Brotbacken könne es heute nichts mehr werden.
Unser Bäcker strich beleidigt die Segel und machte sich wieder auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, betrat erneut den Campo von Westen her und nahm verwundert wahr, dass die blaue Kugel noch vorhanden, und weitere Passanten eingetroffen waren. Ein Blick zur Uhr verriet ihm, er könne maximal fünf Minuten verweilen, dann müsste er sich in seine Backstube verfügen. Langsam trat er zu den anderen. Keiner der Anwesenden wagte es, in normaler Lautstärke zu reden. Alle Anwesenden hielten einen respektvollen Abstand zu dem Ding. Der Wachmann einer Bank, seine Nachtschicht war beendet, und er trug noch immer seine Uniform, im übrigen aber unbewaffnet, dieser Wachmann also glaubte, es seinem Status schuldig zu sein, das Wort zu ergreifen und sich an die übrigen Leute zu wenden: Alle herhören! Das ist eine blaue Kugel! Gestern abend war sie noch nicht da. Also muss sie heute nacht hierher gebracht worden sein. Keiner rührt die Kugel an, ist das klar? Mindestens 4 Meter im Durchmesser! Das ist Kunst! Hat einer etwas darüber in der Zeitung gelesen?
Unser Bäcker dachte: Kunst! Naja! Dafür ist Geld da. Und wann kriegen wir endlich unseren Kindergarten renoviert? Drehte sich um und ging. Ging gerade noch rechtzeitig, um den Moment zu verpassen, wo die blaue Kugel zu blinken begann. Wie man später feststellte, pulste sie mit akkurat 60 Schlägen pro Minute, glühte dabei auf, wurde dunkler, glühte auf – unheimlich, meinte eine ältere Signora, und trat zur Vorsicht so um 20 Meter zurück – die übrigen Zuschauer folgten sofort.
Kunst!, knurrte der Wachmann und zog sich grollend zurück. Andere gingen gleichfalls ihrer Wege – Kunst hin, Kunst her, man hat schliesslich seine Arbeit zu tun, und spätestens die Abendzeitung wird diese Angelegenheit erklären, und alles wird seine Ordnung haben, schliesslich ist Italien ein Markenzeichen für wohlorganisiertes Chaos, und man hat einen Ruf zu verteidigen.
Andere Passanten liessen sich in sicherer Entfernung vom Objekt auf dem Campo nieder und warteten. Hätte man sie gefragt, worauf, so wäre ihnen wohl keine sinnvolle Antwort eingefallen. Die Stadtver-waltung hat noch nie ihren Bürgern erklärt, was sie warum tut, und was es kostet. Man wartet einfach, hat Zeit, und es könnte sich ja etwas Neues ereignen. Wohl dem, der nicht alleine gekommen ist. Einer beobachtet, der andere läuft rasch zum nächsten Bäcker und kauft ein Frühstück zusammen, zur Not tun es trockene Panini und eine Tüte kalte Milch!
Nun bleibt dem Bäcker die Genugtuung versagt, jenen Polizisten zu observieren, der ihn des morgentlichen Suffs bezichtigt hatte. Müde und ausser Dienst, fühlte er sich doch verpflichtet, die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Brüllte los: Alles zurück! Dass mit keiner die Kugel anfasst! Das ist Kunst! Das hat die Stadtverwaltung installieren lassen! Aber nicht, damit Ihr es von allen Seiten anfingert! So etwas kostet Geld! Milliarden Lira! Alles zurück! Ein Passant räsoniert: Euro! Und  Milliarden sowieso nicht! Der Polizist: sagen Sie das nochmal! Ich dulde keinen Widerspruch! Sie wissen garnichts! Sprachs, blickte auf seine Uhr, und rief per Funk seinen Vorgesetzten an: Sagen Sie mal, Herr Hauptmann, was ist eigentlich auf dem Campo los, und warum wissen wir nichts von dieser Sache?
Manchmal ist es unklug, sowas zu tun. Gehe nie zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen würst! Der Hauptmann explodiert in seinem Bett. Man hört am Funk, wie die Daunen gegen die Wände klatschen. Dem Polizisten blieb unklar, ob er eine gepredigte Verfluchung oder eine mit Flüchen angereicherte Predigt zu hören bekam. Es war ihm auch gleichgültig. Er sagte irgendwann: Roger! und schaltete ab. Resumierte kurz: Der Chef glaubt, ich sei besoffen. Man habe ihn wegen eines Juxes aus dem Schlaf gerissen. Es gäbe ein Nachspiel. Und es drohe eine Versetzung zur Müllabfuhr. Solle er doch erst mal seinen faulen Arsch hierher in Bewegung setzen. dann reden wir weiter. und jetzt ab nach Hause. Der Mensch braucht seinen Schlaf.
Die riesige blaue Kugel pulste. Inzwischen hatte die Morgensonne das Regiment übernommen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass das azurblaue Leuchten nun zu verblassen beginnt. Nichts dergleichen. Das Ding intensivierte  von innen proportional zur Zunahme des Lichts von aussen. An diesem Morgen hatte man diesen Umstand noch nicht wahrgenommen. Wohl aber füllte sich der Campo mit Zuschauern. Nur die Obrigkeit liess sich nicht blicken, als hätte man in der Verwaltung ein schlechtes Gewissen, was aber nicht richtig war: Im Rathaus beginnt die „Arbeit“ selten vor halb zehn.
Die blaue Kugel pulste vor sich hin, und die Zuschauer wurden mutiger, traten hinzu, fassten erst vorsichtig, dann beherzt zu, stellten eine glatte Oberfläche und kühle Temperatur fest, weniger als 36,9 Grad, aber mehr als 20, es gibt keine Öffnung, man kann nicht hineinsehen, und die Kugel kann nicht von der Stelle bewegt werden.
Soweit die Highlights. Sie machten rasch die Runde, und das Objekt keinesfalls interessanter. Langeweile breitete sich wie ein Schnupfenvirus  in der Menge aus, und die Abwanderung setzte ein. Der Herdentrieb begann seine Wirkung zu entfalten, und irgendwann wieder zu beenden. Zurückgeblieben war eine gute Handvoll Leute, Kritiker der Kunst oder der Verwaltung, oder ein, zwei Aestheten, die sich am Azur der Kugel, und an ihrer vollendeten Rundheit nicht sattsehen konnten. So verging die Zeit bis gegen 9:20 Uhr, als der Leiter des Ordnungsamts vor dem Rathaus auftauchte. Tragisch für den Mann, dass keiner ihn erkannte. Da stand er nun, beäugte irritiert die blaue Kugel – wusste einfach nicht weiter – dafür kannte er keine Vorschrift. Ein Passant half weiter: Eine blaue Kugel! Der Beamte nickte bestätigend. Wendete sich ab und verschwand im Rathaus.
Hier zeigte sich, er war hellwach. Rasch erledigte er sieben Anrufe, bevor ihm klar wurde, dass keiner der Leitenden  Beamten seine Hand im Spiel hatte. Gegen 10:00 waren alle Beschäftigten befragt, gegen 11:30 auch die Urlauber, Kranken und Blaumacher verhört.
Ziemlich genau um 12 Uhr fasste der Ordungschef das Resultat des Vormittags zusammen: Null. Unmöglich, aber es gab keine Info´s. Man begab sich voller Verzweiflung zur Fensterreihe des Grossen Sitzungssaals und starrte hinaus. Dort unten lag die Kugel, blau pulsierend. Niemand mag es aussprechen: Wer war das? Wer hat uns das angetan? Wie stehen wir jetzt da?
Inzwischen hatte sich die Presse eingefunden, verlangte nach Informationen zum Event; die nennen das so. Der Pressesprecher lud zur Konferenz, und informierte. Keiner der Anwesenden glaubte ihm auch nur ein Wort, obwohl er nur drei Worte gesagt hat: Wir wissen nichts. Man trennte sich unter Tumult und Zanke. Die Zeitungsleute waren sauer.
Draussen hatte man wieder das Prädikat „Kunst“ in Umlauf gebracht. Das nährte bei der Presse den Verdacht von Verschwendung für Objekte eines partei-befreundeten Kugelbildners. Erste Berichte mit solcher Einfärbung wurden in Handies diktiert und landeten direkt im Satz. Die ersten Blätter gifteten. Im Rathaus machte sich Verzweiflung breit – man hatte nichts mehr im Griff. Das geschah häufiger, und niemand hatte sich bisher darüber erregt. Diese neue Situation jedoch … man hatte nicht einmal geschlampt! Man hatte es mit einem unbekannten Gegner zu tun. Man hatte ihnen ein Windei ins Nest gelegt, und keiner hats bemerkt.
Endlich hat einer eine Idee. Der Leiter der Poststelle: Wir müssen so tun, als wüssten wir Bescheid über die Aktion, und als sei alles eine Überraschung für die Stadt, Teil eines Happening-Konzepts, Deckname blue bubbles agency, weltweit tätige Kunstgalerie usw. , das verschaffe erst mal Luft zum Atmen – und der Bürgermeister tritt auf den Plan und erklärt, das wäre Unfug, ginge nicht, und man soll sich endlich an die Arbeit machen. Der Postmann erntete giftige Blicke, weil Intelligenz im Amt als Vergehen gilt. Er trollte sich in seinen Keller und schmiss frustriert ca. 17 kg ungeöffnete Post in den Reisswolf. Interessiert eh keinen, denkt er. Hätte ohnehin keiner gelesen.
Der Pressesprecher lud erneut zur Konferenz, und verkündete des Postmanns Weisheiten als die des Rathauses. Die Folge waren Flüche, Aufstöhnen, Titulierungen wie Vollidioten, führende Nullen, Affentheater, und was wird mit der Kugel? Sie bleibt zunächst am Platze, und der Kulturdezernent habe die Projektleitung übernommen, befinde sich aber auf dem direkten Weg ins Ausland, usw. usf. Völlig eigenständig beantwortete der Pressemann die Frage nach dem Material: Neuer Werkstoff, der Hersteller wird sich dazu noch äussern.  Solcherart  entwickelte Phantasie verdiente lobende Erwähnung; die Nachfrage, was ein Werkstoff sei, konnte gleichfalls zufriedenstellend beantwortet werden: Das ist das Zeugs, aus dem das Ding gemacht ist! Zum Beispiel Blech! Ja, aber die Kugel ist nicht aus Blech! Korrekt, aber Blech ist ein Werkstoff! Nicht Stahl? Doch der auch. Und Stein! Und das Holz, aus dem Dein Kopf gedrechselt ist …. gemurmelte Erschöpfung. Da draussen das Ding – und keiner hier drinnen weiss, was es will ….
Achtzehn Stunden später. Bei der blauen Kugel gibt es plötzlich neue Gesichter. Sie tauchen wie Gespenster auf. BBC,  AFN, AP, NBC, RAI, TASS – Heuschrecken plagen den Campo und seine Anlieger, begierig nach Neuigkeiten für die Seite drei irgendwelcher Blätter, die Dritten Programme, die viertklassige Regenbogen-presse, Informationen kosten Geld, und sie bringen welches, her damit! Wer ist blue bubbles, verdammt nochmal? Raus damit, Ihr Provinzdeppen! Man wurschtelte sich durch, klopfte die Fama fest, gewinnt Zeit – Tage, nicht Stunden!
In der darauffolgenden Nacht – man glaubte sich vor Augenzeugen sicher, versuchte man, die Kugel zu bewegen, sie wennmöglich sogar zu entfernen, sie in einem nahen Steinbruch zwischenzulagern, zu tarnen und zu beobachten. Nichts wars. Das Ding rührte sich nicht von der Stelle. Schweres Ladegerät versagte, Stahlseile rissen, Zahnräder wurden zu Metallspänen zermahlen, Getriebe ruiniert – und kein Millimeter gewonnen. Noch bevor der Bäcker wieder nachsehen kam, hatte man den Spuk beendet.
Inzwischen war das Thema Blaue Kugel zu Tode geritten worden, ein untragbarer Zustand. Der Auslandskorrespondent des ZDF streute deshalb das Gerücht, die Leuchtkraft der Kugel habe sich deutlich gesteigert. Natürlich war dem nicht so, aber es liess sich spekulieren – und die Meute der Medienvertreter war plötzlich auf dem Wege zur Wahrheit. Der Postmann des Rathauses war inzwischen wegen erwiesener Vergehen gegen die Pflicht zur Dummheit so weit gedemütigt worden, dass er dem Vertreter von RAI  UNO einige Wahrheiten steckte. damit war sein eigenes Potemkin´sches Dorf geliefert, die Rathaus-besatzung der weltweiten Lächerlichkeit preisgegeben. Der Postmann shredderte erneut Eingangspost, so um drei Säcke voll. Anschliessend kündigte er seinen Job und richtete eine kleine Nachrichtenagentur ein, die mit Vorliebe frequentiert wurde. Post-Experten haben nun mal fundiertes Insider-Wissen, sind ergiebig, und finanziell nicht verwöhnt.
Wie auch immer: Die azurblaue, pulsierende Kugel war nun wieder interessant geworden. Herkunft unbekannt. Funktion unbekannt. Inneres und Äusseres unbekannt. Mit einem Wort – faszinierend. Objekt für abenteuerlichste Spekulationen. Hartnäckig hielt sich die Vermutung, es handele sich um ein UFO, und man begann Himmelsatlanten zu studieren, Beiträge über Kosmologie zu schreiben, Theorien zu Paralleluniversen aufzufrischen, ja, auch militärisches Material, etwa Radar-Aufzeichnungen zu analysieren. AWACS kreisten über Europa, Interpol searchte weltweit nach Parallelen, und die National Security Agency der USA versuchte, die Energiequelle der Kugel auszuspionieren – die Geheim-Fuzzies der Welt konzentrierten sich auf Siena, füllten die Hotels und frassen die Restaurants leer – big business war angesagt. Die coolen Typen der Stadt fanden das ok, und die Kugel wurde als Glücksfall bezeichnet, und hoffentlich bleibt sie noch eine Weile verfügbar.
Eines Morgens trat ein kleines Mädchen mit seinem Vater an die Kugel heran, fasste sie mit beiden Händen an und hob sie sachte hoch. Nur vier oder fünf Zentimeter, aber man hätte unten eine Wurststulle durchschieben können. Die kleine Anna setzte sie vorsichtig wieder ab und klärte ihren Vater darüber auf, dass diese blaue Kugel garnicht schwer sei. Sie strich sachte über die glatte Oberfläche. Ihr Vater lächelte. Anna fügte hinzu: Sie ist schön! Ich mag sie! Und der Vater lächelte, nickte. Ja, meinte er, sie sei wunderschön.
Die blaue Kugel begann ihre Farbe zu verändern. Sie leutete in Lila, dann in Rot, schliesslich in leuchtendem Gelb, dann  in Weiss. Anna war hingerissen. Ich mag die Kugel, Papa, schau, sie versteht mich! Und so schien es in der Tat. Die weiss pulsierende Kugel wurde kleiner, kleiner und kleiner, schrumpfte zu einem Funken, der plötzlich mit einem Ffffft! himmelwärts sauste und verschwand. Annawar untröstlich. Ihr Papa erklärte, sie müsse schliesslich irgendwann wieder nach Hause reisen, was Anna auch wieder verstehen konnte. Auch sie wollte nun nach Hause, noch ein wenig trauern, und eine grosse blaue Kugel malen, zur Erinnerung.
Die Rathausleute glaubten an einen Traum und wagten nicht aufzuwachen. Sie träumen noch heute.
Der Postmann hatte gut verdient. Er geniesst seinen Vorruhestand; gelegentlich dringt schallendes Gelächter aus seiner Wohnung. Man hält ihn nun für durchgeknallt.
Fernsehen und Presse haben sich noch am selben Tag verzogen. Einen leeren Campo können sie nicht vermarkten. das ganze Thema war ohnehin tot, und das Erlebnis der kleinen Anna ist ihnen völlig entgangen. Aus, vorbei, Werbung!
Und die Kugel? Tja, nicht leicht zu erzählen. Sagen wir einfach, Anna hat unser aller Arsch gerettet. Die Sonde hat Liebe gespürt und ist zum Ergebnis gekommen, dass für die Bewohner dieses Planeten Hoffnung besteht, eine Vernichtung nicht angezeigt ist. So hat sie sich ihre Bombe geschnappt und ihren nächsten Auftrag in Angriff genommen. Dessen Ergebnis haben unsere Astronomen als Supernova in der grossen Magellanschen Wolke registriert.
Es waren noch 17 Stunden bis zum Ende der Welt gewesen, als die kleine Anna mit ihrem Vati den Campo betrat …..
 
Dove son molti, son degli stolti. (Toskanisches Sprichwort)
Wo viele sind, sind auch Dummköpfe.

loch, schwarz

Dieses Bild heisst „black-hole.jpg“. Beinahe wäre es im Papierkorb gelandet. Gerettet hat der Dilettantismus des „Malers“.

Was ich sehe, sind bunte Wolken, übersät mit Kalkspritzern. Oder man hat Zahnpasta draufgehustet. Es ist vermutlich eine schlechte Karikatur irgendeines Universums. In der Bildmitte findet sich ein Loch, und das ist schwarz. In der Tat, der Titel verspricht nichts Falsches.
Dumm nur: Das Loch ist eines im Bild, nicht im Universum.

Nun ist das so: Gibt man ein solches Bild solo raus, wird es zum Beweis technischer und innovativer Unfähigkeit. Veröffentliche ich aber mit 29 anderen Machwerken, so entsteht zumindest die Chance, sie als naive Kunst zu präsentieren.

Intermezzo italiano

Ein geübtes Auge erkennt es sofort, das Porterhouse-Steak, das man in Neudeutsch T-Bone-Steak nennt – man würdigt den Knochen anstelle des Fleischs! Und in Italien ist man flexibel und charmant und spricht vom Bistecca Fiorentina. Mal ehrlich: Das ist fast Musik! Und bist Du zudem auch noch ein Carnivore, dann drehst Du fast durch und möchtest Beethoven’s Neunte auf dem Kamm blasen!

Was will dann noch der Zyniker bewirken, wenn er anmerkt, dass eine Geige halt anders und ästhetischer aussieht als dieser rohe Batzen Kuh!

Eigentlich wollte ich hier den krönenden Abschluss eines Tages in Siena beschreiben. Der fand in der kleinen Trattoria La Torre direkt am Campo statt, und es war ein Abendmahl der Extraklasse. Ich war dort mit Familie, also zu viert, an einem kleinen Tisch, der nicht ausreichte, das Gebotene aufzunehmen. Höhepunkt war natürlich dieses Bistecca Fiorentina. Ich verkneife mir die Details, aber die rundum platzierten anderen Gäste, alles Italiener, verstummten, als hätten sie gerade dem Papst beim Biersaufen zugesehen. Der Anblick des gedeckten Tischs war gigantisch.

Ein Südtiroler merkte auf Italienisch an, wir seien Deutsche. Ich zu ihm: Correttamente! Schon war er ruhig. Immerhin hatte uns nun sportlicher Ehrgeiz gepackt, und so haben wir jeden vernünftigen Gedanken fahren lassen und alles aufgegessen. Dann gab ich dem Kellner zu verstehen, dass wir auch die Knochen haben möchten. Laut sagte ich: Per il cane! Und als ich Grappa doppia bestellte, wurden die Gespräche rundum wieder lauter.

Endlich zahlte ich – einen schrecklichen Betrag – und haute ein letztes Mal auf den Putz, mit einem sehr, sehr ordentlichen Trinkgeld. Der Zahlkellner schien beglückt, denn er wünschte uns zum Abschied Gottes Segen und viel Gesundheit.

Selbstverständlich spricht keiner in meiner Familie Italienisch. Nur meine Tochter, mit dem Grossen Latinum ausgestattet, hat viel Gesagtes verstanden. Ich selbst hatte nur so an die 30 Vokabeln in meinem Dictionary. Na, was einem so zuläuft in einem langen Leben ….. vielleicht waren es auch 60, aber gefühlt 15.

Entwicklungshilfe für Ecuador

Galapagos / Ecuador
Darwin-Finken (?)
Leben in Kolonien
Wächter der Lüfte
sehen jeden Touristen
auch die Öko-Terroristen
von wegen Mockturtle-Suppe
oder Seehundfell als Kragen.
Ihr Alarm klingt – im Chor gesungen-
wie der Westminster gong in London.
Diszipliniert
fast militärisch:
Die Augen …. links!
Richtet Euch!
Die Au …. gen gerade aus!
Guten Morgen, Kompanie!
Zurückgezwitschert:
Guten Morgen, Herr Hauptfeld!
Und der Hauptfeldwebel:
Warum steht der da im Wasser?
Hab ich das angesagt?
Raaaauss aus dem Wasser!
Das gilt auch für die Nummer zwo!
Abmarsch zum Frühstück!
Die Küche seviert heut
Grosse rote Wanderameisen!
Nach dem Frühstück trainieren wir –
Miesmuschel öffnen!
Ist das verstanden?
Gezwitscher:
Jawoll, Herr Hauptfeld!
Der dreht sich um und stapft davon.
Zur Leberkäs-Semmel.
Und einer Halben Spatenbräu
aus München.
Er heisst Fritz Rossmeier,
stammt aus Wolfratshausen
ist Bundeswehrsoldat,
gelernter Gebirgsjäger,
als Küchenbulle gescheitert
beim Versuch,
Pekingente zu züchten.
Da er nur Leberkäs kann,
hat man ihn an Ecuador ausgeliehen,
und die militärische Führung dort
verbannt ihn auf das Archipel
mit den vielen Viechern.
Hier soll er für preussische Ordnung
unter den Touristen sorgen.
Das macht er.
Für die Viecher gleichermassen.
Wenn er seine Stiefel putzt,
und der gequälte Ruf der Bürsten
über die Inselwelt schallt,
gehen sogar die Leguane in Deckung,
und die Robben färben ihr Fell um
in Algen-Grün.
Vor 18 Monaten hatte Fritz
ein leeres Streicholzbriefchen gefunden.
Es war an einem Donnerstag.
Rossmeiers Donner hat die
Galapagos-Inselwelt nicht vergessen.
Die Tierwelt trauert.
An diesem Tag sind alle Schildkröten
auf und davon.
Sie haben das Weite gesucht –
und gefunden.
Tourist, hör hin!
Hörst Du das?
Es ist kein Schiffsdiesel!
Fritz wienert gerade das Oberleder
seiner Knobelbecher!
Das da?
Das ist kein Haufen Kotze!
Das ist ein verängstigter Landleguan
der Drusenkopf!
Ja, normalerweise lächelt er.
Eiegntlich kann er garnicht anders,
aber heute,
wenn Rossmeiers Bürsten wimmern
und dicke Wülste aus schwarzer Schuhwichse
in die Felsenlandschaft schleudern,
ist es auch den Drusenköpfen zu viel.
Hörste? Jetzt rufen sie nach einem Schlachter!
Nein, nicht für sich!
Und über dem Galapagos-Archipel
liegt ein zarter Geruch von Leberkäse …..

Ich bin verloren!

Ich starre auf ein weisses Fenster meines Rechners. Alle Bilder, deren Dateinamen mit A beginnen, sind irgendwie beschrieben. Nun bin ich bei B und stecke fest. Beim Stichwort „Bibel“.

Die Bibel ist doch nur ein Buch? Von wegen. Man sagt, sie sei das Buch der Bücher, also in der höchsten Liga! Gut, sage ich. Akzeptiert. Dort oben sind ja noch zwei, der Koran und der Tanach.

Der alte Mann, der über uns wohnt, nimmt diese Machwerke nicht mehr in die Hand. Er kennt sich aus, weiss, wie falsch erzählt wurde, und verachtet seine Jünger aus den Niederungen der Kirchen wegen ihres macht-, blut- und geldgierigen Gehabes.

Ich selbst besitze, wie es sich für einen Atheisten gehört, eine Gutenberg-Bibel; meine Familienbibel mit Stammbaum-Eintragungen habe ich dem evangelischen Zweig meiner Familie überlassen. Selbstverständlich habe ich auch den Koran komplett und den Tanach in Auszügen im Bücherschrank stehen. Das schärfste: Einige Male im Jahr greife ich zu und lese das eine oder andere. Und natürlich lese ich mit meiner eigenen Brille. Vielleicht ist das der Grund, warum ich den verkündeten Effekt nicht erziele:

„Es werde Licht!“

Und es ward nicht Licht!
Es wird nie Licht.
Wie alle, die in der
Finsternis des Unglaubens existieren,
bin und bleibe ich blind!

Würde

Zunächst ein Spässle:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (Art. 1 Satz 1 GG der BRD)

Genug gelacht.

Je öfter ich mir dieses Foto eines Alten ansehe, desto stärker wächst der Eindruck, dass dieser Mensch, obschon vermutlich sozial abgestürzt, seine Würde zu bewahren weiss. Das ist so dahergesagt, und nicht dahergedacht. Die Menschenwürde wird – wie es gerade nützlich ist – wie ein Transparent umhergetragen, und die meisten Menschen, die kurz nachdenken, kommen zu der Erkenntnis, es gehe darum, dem Nächsten „nicht an die Farbe zu kommen“. Anders: Distanz bewahren, und die Klappe halten.

Was ist das nun für ein Ding, diese Würde? Ist es mehr als ein langes, weisses und schön gebügeltes Hemd, das man einer stattlichen Person übergezogen hat und damit deren Schweinereien verdeckt? Hänge einer Knalltüte die Amtskette des Oberbürgermeisters um; dieser Mensch bleibt doch wohl eine Knalltüte, oder? Nun soll angeblich das Amt gewürdigt werden. Ergo muss ich die Würde der Amtskette achten und sichern? Einen Haufen Blech?

Nun bin ich auf Glatteis geraten. Ich mache es mir einfach:

Unfug! Würde ist ein Grundrecht, und daraus leiten sich die Menschenrechte ab; sie sind die Basis für die Verwirklichung der Menschenwürde. Fehlen die Menschenrehte, so ist die Menschenwürde im Eimer.

Daraus ergibt sich, dass jedermann seine Würde garantiert sein sollte, sei er nun ein Gangster, ein geistig Behinderter oder ein „Normalbürger“. Würde manifestiert sich im Umgang mit Menschen durch Respekt, Toleranz, Empathie usw., und vor allem anderen durch die Anerkennung der Individualität.
Und bitte, der Mensch möge gefälligst auch selbst auf seine Würde achten, sie hegen und pflegen, und sich davor hüten, auszurutschen und in Hochmut zu verfallen.
Es gilt: Je hochmütiger, desto würdeloser!

Einspruch, Frau von Suttner!

Bertha von Suttner (1843 – 1914)
österreichische Schriftstellerin und Pazifistin;
Friedensnobelpreis 1905:

Ich habe es zu früh erkannt, daß der Schlachteneifer nichts Übermenschliches, sondern – Untermenschliches ist; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiscenz aus dem Reiche der Tierheit – ein Wiedererwachen der Bestialität.

Ich denke, hier irrt Frau von Suttner. Die Bestialität ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, und dies wurde längst millionenfach bewiesen.
Tierische Bestien sind Ausnahmen, entspringt der Entartung Einzelner.
Die Beschaffung von Nahrung durch Raubtiere haben mit Bestiallität nichts zu tun.

Als ob das Töten irgend etwas gutmachen könnte! Als ob vergossenes Blut überhaupt etwas reinigen, etwas Geschehenes ungeschehen machen könnte! O, über den geheiligten Widersinn, unter dessen Herrschaft die blöde Welt sich gestellt hat.

Mitnichten, Frau von Suttner. Die Welt hat sich nicht geheiligtem Unsinn untergeordnet, sondern der Bestialität von Psychopathen.

Man stelle sich vor, die Feststellungen Frau von Suttner’s wären in ihrer Zeit richtig gewesen – wie sehr hätte der Mensch in den letzten 100 Jahren an Menschlichkeit eingebüsst!
Ich denke, das ist sehr weit hergeholt. Das Denken dieser Frau ist durch ihre Herkunft geprägt: Adel denkt „edel“.

Bernauer

Die schon wieder! Das Katzenluder Titti spielt mit meinem Sauerstoffschlauch und es rupft mich unentwegt an der Nase. Muss ich das hinnehmen?

Schon gut. Es gibt Schlimmeres. Es sind Zustände, die zum Beispiel die Berliner hinnehmen müssen. Und ich, der ich Anfang der 70er Jahre Berlin gut kennenlernte und später mit meinem Sohn, der dort lebte, informativ gut verbunden war, ich verstehe bis heute das Gesumse um die „Berliner Mauer nicht, und insbesondere um das Stück an der Bernauer Strasse. Leute, ich bin mit meinem knallroten Opel Rekord durch West- und durch Ost-Berlin gefahren, nur um festzustellen, was Sache ist.

Vor einem halben Jahrhundert, als Berlin-West noch eingemauert war, hatte dieser Teil der Stadt eine Atmosphäre aus Weltoffenheit, Charme und Urbanität, wie ich sie in keiner anderen deutschen Grosstadt angetroffen habe. Heute schmeckt Berlin unerträglich bitter.

Bis zur Beseitigung der Mauer hat dieses Bauwerk den verkommenen sozialistischen Teil der Stadt vom kapitalistisch verkommenen getrennt.
Wenn heute ein Pastor den verbliebenen Mauerrest an der Bernauer hegt und pflegt und daraus ein Denkmal für Unfreiheit machen will, geht mir der Hut hoch. Jaaa, sagt man, es sei ein Mahnmal für die Trennung Deutschlands, nicht nur Berlins. Jaaa, sage ich, diesen Symbolgehalt kann ich noch verkraften. Aber wischt Euch endlich die Tränen von der Backe! Oder heult wenigstens wegen des Mietwuchers, der Menschen verzweifeln lässt! Stellt Euch vor die Betonplatte und klagt ein bisschen – vielleicht hilft’s bei irgendwas! Und betet zu Euren Göttern; sie mögen die Börse gedeihen lassen, bevor sie sich um das Wohlergehen ihrer Gläubigen kümmern! Das hat Zeit!

Berlin informiert

Es ist unabdingbar, dass die Bundesregierung schnell und exakt informiert. Andernfalls könne die Bürger nicht richtig entscheiden.

So denken schlicht Gehäkelte, also so um 50% der Deutschen. Umso enttäuschender ist die politische Wirklichkeit.
Dieser Aufbau im Kanzleramt signalisiert, dass Wichtiges ansteht, und Kanzler sowie Vizekanzler ihrer Pflicht nachkommen müssten.

Die Prozedur läuft dann wie folgt ab:

Der Gockel auf dem Paravent kräht 3x laut und zieht dabei den Schwanz ein.
Dann erscheint ein Kammerdiener und öffnet alle Fenster.
Die aufgestellten Flaggen flattern ein wenig in der Zugluft.
Dann erscheint ein anderer Kammerdiener und schliesst die Fenster.
Die Besucher werden gebeten, nun den Raum zu verlassen.

Somit ist das Vorhaben beschlossen und verkündet.

(Das Verfahren wurde von Mitarbeitern der Beratungsgesellschaft Roland Berger Partner entwickelt und mit 600.000 Oiro honoriert.)

Begegnung – Ein ungelöstes Rätsel

Irgend etwas trieb mich von der Autobahn.
Ich landete in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Es war an einem sonnigen Spätnachmittag,
und ich war der einzige Besucher.
Ich besuchte 38.000 tote Menschen, und stand
ratlos zwischen Massengräbern.
Eine innere Stimme riet mir, zum Parkplatz
zurückzugehen und weiter zu fahren.
Während ich mich umblickte,
brach so etwas wie ein Damm in mir.
Ich weinte wie ein kleines Kind.
Fünf Minuten später sass ich in meinem Auto,
spürte noch immer tiefe Trauer,
und schloss die Augen.
Eine innere Stimme warnte:
So kannst Du nicht auf die Autobahn zurück.
Plötzlich sah ich einige schattenhafte Menschen
in einem Nebel, und eine Männerstimme sagte:
„Danke für Deinen Besuch. Du kannst jetzt nach Hause fahren.“
Ich öffnete die Augen und fühlte,
was ich „inneren Frieden“ nennen möchte.
Eine unglaublich wohltuende Emotion.
Nahezu euphorisch gestimmt fuhr ich nach Hause,
und erzählte meiner Frau dieses Erlebnis.
Ihr Kommentar war nicht stubenrein.

Mittlerweile bin ich 81 Jahre alt,
und ich habe nie wieder Geister gesehen.
Ich glaube nicht an Spuk.
Aber diese kleine Geschichte ist wahr.
Ich muss sie nicht glauben,
denn ich habe sie tatsächlich erlebt.

Schönheit

Sigmund Freud äusserte sich zur Schönheit ein wenig hilflos und deshalb zynisch:

“Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich, wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt.” In einem plötzlichen Anfall von Bescheidenheit fügt er aber dann doch hinzu: “Leider weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen.“

Zwingt nicht eben diese Hilflosigkeit, zu behaupten, Schönheit zu beurteilen liege im Auge des Betrachters? Was zum Teufel soll das heissen? 20 Leute äussern 27 Meinungen? Schönheit ist nicht messbar? Alle diesbezüglichen Versuche sind gescheitert? Mit welchen Masstäben urteilen Mediziner, die Schönheitsoperationen für grosses Geld ausführen?

Versuch:

Finde ein Urteil zur Ästhetik des Fotos eines Alten.
Es ist ein Lernobjekt.
Überprüfe Deinen Standpunkt.
Vielleicht gibt es eine Entwicklung?

Einfach krass (Nichts für zart Besaitete)

Rita war wieder ma l – so ganz ihrem Wesen entsprechend – guter Dinge. Gut gelaunt betrat sie nach einem langen Spaziergang ihre Wohnung, wichte sich im Flur ihre Laufschuhe von den Füssen und lief behende zur Küche. Sie schaffte es noch, einen Fuss durch die Tür zu schieben, dann stockte sie und blieb wie angewurzelt stehen. Schliesslich sass an ihrem Küchentisch ein ihr völlig unbekannter alter Mann. Rasch blickte sie hinter sich; der Weg zur Wohnungstür war frei. Nun bemerkte sie den Gehstock des Alten, der auf dem Tisch lag, und sie hörte, wie der Mann anmerkte, Flucht sei unsinnig.
Rita fasste sich und brachte sich in ihre „So nicht!“-Position. Wer sind Sie und was wollen Sie hier? Sie legte alle Autorität an den Tag, zu der sie fähig war, und das war nicht gerade wenig. Der Alte blieb gelassen, sagte mit ruhiger Stimme, er sei gekommen, um sie abzuholen, und für einen Moment verwandelte sich sein Gesicht in einen Totenschädel. Rita war nicht irritiert. Wie es schien, hatte sie sich sogar auf eine Begegnung mit dem Tod vorbereitet. Ach so! Sagte dies, und setzte sich zu dem Alten an den Tisch. Er erklärte nun, sie hätten modernisiert, und er sei heilfroh, diese verfluchte Sense nicht mehr mitschleppen zu müssen …..

Nun erzählt der Autor über sich weiter:


Es war 14:45 Uhr, als ich über dem Tippen einschlief. Das ist krankhaft, nennt sich Schlafapnoe. Und ich träumte. Hing in meinem Bürostuhl und träumte, ich müsse mal pinkeln. Ich ging in eine mir unbekannte Toilette. Ungelogen, dort stand der Urin 3 cm hoch. Ich latschte durch, um eine trockene Ecke zu finden, spüre, wie ich nasse Füsse kriege, und stehe in einer trockenen, weiss gefliesten Ecke, die sich in einem unbeschreiblichen Zustand befand. Dort sah es aus, als hätten 20 kanadische Holzfäller hingekackt, und ich bin in einen Haufen reingetreten, wischte meinen rechten Schuh an einem Sandhaufen ab ….. den Geruch habe ich jetzt, in wachem Zustand immer noch in der Nase. Immerhin bin ich damit erwacht.

Ich habe mich umorganisiert. Rita ist mir egal. Der Tod auch. Ein Dialog zwischen beiden findet nicht statt. Was interessiert mich nun noch seine Sense! Ich will von diesem Quatsch nichts mehr hören, sehen, riechen. Ich rieche immer noch Scheisse, und werde nun zu meinem Eau de toilette greifen. Iceberg stinkt auch, aber auf angenehmere Weise.

Ach ja. So etwas erfindet man nicht. Ich bin nicht pervers. Jedes Wort im roten Absatz ist wahr. Und ich bin wieder mal von der Rolle. Bedeutet das nun Glück, oder das Gegenteil? Wer kennt sich mit Träumen aus? Oder brauche ich eine Psychoanalyse?

Genau genommen ist mein Traum ein echter Brüller. Endlich weiss ich, was ich unter einem Mittagsschläfchen zu verstehen habe. Ich hoffe, man kann da etwas steuern. Dann träume ich demnächst von einer Grillhaxe aus dem Münchner Augustinerkeller.

Columba livia forma domestica

Momentan bin ich nicht in der Stimmung, diese Vögel „Flugratten“ zu nennen. Die lateinische Benennung geht auf die taxonomischen Mühen eines Schweden, des Carl von Linné, im 18. Jahrhundert zurück. Heute nennen wir sie schlicht „Stadttauben“.

Diese 5 Vögel haben sich jedenfalls einem Menschen zugewandt. Vermutlich hatte der alte Mann sie häufig gefüttert, und sie danken ihm mit ihrer Gesellschaft, mit einem Verhalten, das man sogar als Zuneigung interpretieren könnte.

Es ist ihm nichts geblieben, diesem alten Griechen. Selbst seine Schuhe musste er verkaufen, und nun trägt er gestohlene Gummilatschen. Seine Zukunft hat er verloren, und nun stützt ihn die Vergangenheit, ein Stück antike Säule. Wer so tief fällt, wartet auf den Tod. Die Troika der Banken-Mafia fordert immer noch Opfer aus dem fehlgeleiteten Hellas.

Den fünf gefiederten Gefährten ist dies gleichgültig. Sie sind dort, wo sie gebraucht werden – und wo es etwas zu picken gibt.

Geistig beschränkt

Ich weiss nicht, wie die wirtschaftliche Situation meiner Eltern im Jahr 1939 zu beschreiben wäre. Besonders gut kann sie nicht gewesen sein. Eines ihrer Resultate bin ich. Man hat mich in diesem Jahr gezeugt, und ich habe mich nicht zu einem Universalgenie entwickeln können. Diese Tatsache beeinträchtigt mich auf vielerlei Weise, und ist ständige Ursache für Unwohlsein und Unzufriedenheit. Anders: Irgendwie werde ich allzu oft in meine Grenzen verwiesen.

Ja, ja und ja. Das geht jedem so. Auch dem Universalgenie. Ich könnte auch gut mit dieser Beschränkung leben, aber ….. ich will sie nicht andauernd spüren ! Das ist Quälerei, und ich möchte dem entgehen. Aber was passiert? Ist man beschränkt, ist man ideenlos. Ist man ohne Idee, kommen ganz ganz dumme Gedanken auf. Plötzlich brüllt das Hirn förmlich „Absinth!“ Und der Dämpfer kommt gleich hinterher. Bertschi und Reckeweitz schreiben in ihrem Büchlein von Absinth bis Zabaione: „Es scheint, als sei die gesamte europäische Elite der Literatur und der bildenden Künste im Absinthrausch durch das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert getorkelt.“ Wie man weiss, war sogar das Ohrenabschneiden in Mode gekommen.
Anscheinend ist Bewusstseinserweiterung per Absinth nicht der Königsweg.

Nun weiss jeder gediegene Alkoholiker, dass es im Prozess der Alk-Verarbeitung im menschlichen Körper einen Punkt gibt, an dem man glaubt, nicht betrunken zu sein, aber hellwach. Ich kenne das. Es ist ein Gefühl von Freiheit, die sogar mich glauben lässt, nun könne ich einen Roman von 600 Seiten schreiben, solange ich gemässigt Riesling nachfülle. Natürlich fülle ich nicht nach, denn schon das vierte Glas verursacht mir Unwohlsein an den drei folgenden Tagen.

Es ist ebenso falsch wie grosskotzig, aber es berauscht mich nicht so sehr der Riesling, sondern diese kleine Phase aus einer Pulle Riesling, die Schranken aufhebt, das Denken erleichtert, Kreativität mitbringt, und absolute Gedankenfreiheit. Dieser Zustand erlischt leider sehr plötzlich, weicht einer Phase dumpfen Brütens, die mich in die Wirklichkeit zurück holt. „Jetzt was essen, und dann ins Bett!“ Das ist alles, was nachbleibt. Toll, gell?

Die Welt der Hähne

Hier gehtes tatsächlich um Hähne. Ok, warum nicht? Es ist so: Wenn das Stichwort „Hahn“ fällt, dann denke ich – um Klarheit zu bewirken – sofort an Gockel. Jeder kennt diese Krawallbrüder, und jeder liebt sie, wenn sie brutzelbraun aus dem Grill gepflückt werden. Gefiedert und gegrillt, das sind Platz 1 und 2 in der Rangfolge der Popularität. Ich denke, Platz 3 gehört dem Wasserhahn. Der ist im Leben des Menschen von herausragender Bedeutung in vielerlei Hinsicht, was sich automatisch beweist, wenn er fehlt. Ich muss das nicht auseinanderpflücken, nicht wahr? Gut. Auf Platz 4 folgt zwangsläufig der Bierhahn. Nur für die Teetrinker: Der Bierhahn liefert, wenn auf Volle Pulle gestellt, ein wunderbares Bierchen im Glas, und schlampig geschlossen, das Tropfbier für Leute, die auf der Strasse leben müssen. Somit kommt dem Bierhahn eine soziale Funktion zu. Ähnliches lässt sich auch über den Gashahn sagen. Man dreht auf, nimmt sich ein Kissen und legt sich auf den Fussboden – Adieu, Schöne Welt! Und die nächste Zigarettenkippe schafft jene Baulücke, von der nur Grossinvestoren träumen. Dem Gashahn gebührt Platz 5. Der Benzinhahn an der Tankstelle – es geht nicht anders – dieses stinkige Ding soll Platz 6 belegen? Wat mutt das mutt. Hätte ich ihm Platz 1 gegeben, so könnte ich für den Rest meines Lebens kostenlos tanken. Dumm gelaufen, dass ich 81 bin und nicht mehr Auto fahre. Egal. Platz 7 kriegt von mir der Auerhahn; was der aufstellt, wenn er hinter Weibern her ist, imponiert mir. Diese Urgewalt an barocker Federpracht stellt alles in den Schatten, besonders den Menschen, den Mann, dem in der Balz nichts Besseres einfällt als zum Friseur zu gehen, und sich zu rasieren.
Stilbewusste wickeln sich in ein Jacket aus Harris-Tweed, stecken sich eine Tabakspfeife ins Gesicht und mimen britische Lebensart, und das unter dem Unstern des Brexit! Der Mensch bekommt von mir glatt Platz 10, also den letzten verpasst, weil er lächerlich wirkt, wenn er herumgockelt. Aber weiter im Text. Platz 8 hat sich der Ölhahn verdient.
Das ist jenes Ding, an dem die Araber herumfingern, um mit Erdöl zu spekulieren. Möge Mutter Erde alle bestrafen, die sich mit weissen Lappen behängen und „Allahu akbar!“ brüllen! Bleibt Platz 9; diesen widme ich dem gesamten Rest der Vogelwelt, und zwar jenen Exemplaren, die Eier haben, aber keine legen können. Gemeint sind der Wellensittichhahn, der Brieftaubenhahn und alle anderen. Zugegeben, diese Gruppe gehört eigentlich auf Platz 4, nicht auf 9. Aber mir ist das deutsche Bier näher als ein basilianischer Kolibri. Das verstehst Du doch, oder?

Ein Sommertag am See

Ja, es waren schon verdammt heisse Tage, damals, im August 2002. Im Biergarten waren alle Schattenplätze gerammelt voll besetzt, und ich sass in der prallen Sonne, mit einem dieser albernen kleinen Schirmchen auf dem Kopf. Wie es der Teufel will; die Hitze hatte mich ausser Gefecht gesetzt, denn ich bin tatsächlich eingeschlafen.

Aufgewacht bin ich nicht. Nein, ich wurde aufgeweckt. Eine weibliche Stimme zischte direkt in mein linkes Ohr: „Des is itz Numero siebzehn!“ Eine Zenzi goss den Rest meines warmen Biers aus und entsorgte die krumme Mass. Dann brachte sie mir ein eiskaltes Bier in Flasche mit der Anweisung, rasch zu trinken und die leere Flasche in den Schatten unter dem Tisch zu stellen, bis sie wiederkäme.

Im See, direkt unter dem Ufer dümpelten zwei tote Saiblinge. Ich wusste sofort: Was wir da haben ist kein Wetter. Es ist eine Katastrophe. Plötzlich schmeckte das Bier ziemlich bitter.

Eine halbe Halbe

Wie skurril!
Da steht doch tatsächlich ein halbes Bier einsam am Bürgersteigrand!
Ein Opfer des Covid-19-Virus?
Was ist heuer angesagt?
Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr.
Da hat einer um 9 sein Bier abgestellt und ist nach Hause gesprintet.

Und nun?

Morgen früh um 5 ist das Bier tot. Ein unrühmliches Ende.
Oder es kommt ein Obdachloser vorbei und trinkt aus. Ideal!
Vielleicht kippt ein Passant das Glas um. Ein Unfall. Pech.
Einer will das Glas, aber nicht das Bier. Auskippen ist kriminell.
Kann sein, ein Hund kommt vorbei und säuft leer. Ideal, aber die Töle kotzt.
Eine Maus fällt rein, ertrinkt. „Es wird ein Bier sein, und I werd nimmer sein!“
Oder einer kommt vorbei, sieht hin und wieder weg. Ignorant, elender!

Unsinn. Es läuft anders. Ich komme vorbei. In Latschen. Greife mir das Glas, und bin 10 Sekunden später wieder im Haus. Ich fische den Strassendreck aus dem Bier, rühre rasch die Kohlensäure raus, und giesse es in mein kleines Aquarium. Dort gammeln zwei Kampffische mit Schleierschwanz vor sich hin. Zwei Betta splendens.
Unter Bier werden sie munter. Ich liebe es, wenn sie ihre Rollen vorwärts machen und ihre Bestimmung völlig vergessen.

Ich beim Wein, das Bier bei die Fisch, und die Fisch schwimmen eine Immelmann-Rolle nach der anderen. Woher wissen die verfluchten Kampffisch, wie Max Immelmann seine berühmte Rolle geflogen hat? Genau in der 2-Uhr-Position drehen sie von Rücken- auf Bauchlage, diese …..ach, ich weiss auch nicht. Jetzt winkt auch noch einer mit der Brustflosse! Kann sein, ich halluziniere. Dieser Grüne Veltliner Samaragd hat es aber auch in sich ….. wo verdammt steht bloss mein Bett?