Existentielle Frage

“ ….. war immer schon da.“ Ja, ich kenne Objekte, die ich so etikettiere. Sie sind schön, oder häßlich, nützlich oder unbrauchbar, laut oder leise – was auch immer, aber sie waren schon immer da. Dieser Umstand ist der Tatsache geschuldet, dass ich über ein Gefühl rede. Emotional bin ich in der Lage, den Faktor „Zeit“ einfach auszublenden, und dann scheint meine Feststellung wahr zu sein.

Ich stehe im Hedwigenkoog auf dem Nordsee-Deich und lehne mich gegen den Wind, der heute eher ein Ungeheuer genannt werden darf. Starkwind und Hochwasser peitschen gegen den Deichfuss, Gischt kommt über, und ich atme Aerosole im Übermaß. Meine Lippen schmecken salzig. Ich spüre Feuchtigkeit und Kälte auf meiner Haut und weiss, dass ich mich von meiner Liebe trennen muss. Ja, ich liebe die Nordsee, besonders dann, wenn sie wütet wie heute, bei auflandigem Wind der Stärke 12 und einer Springflut.
Ich fühle mich ein wenig wie Hauke Haien, der Deichgraf aus Theodor Storm’s Novelle „Der Schimmelreiter“, geniesse diese Emotion nach Gebühr und mache mich davon, wie ein Tourist aus Dortmund.

Ja, ich mag sie sehr, diese Bestie, die ihre Zeit verschläft und nur gelegentlich erwacht, um sich auszutoben. Sie darf die Zeit vergessen, sie war schon immer da. Ich aber muss die Zeit vergessen, um gleichzuziehen. Dann spüre ich es auf, das trügerische Gefühl, schon immer dagewesen zu sein. Das geht meist einher mit einem verstohlenen Blick auf die Zukunft – oh Gott, bloss nicht, da lauert die Ewigkeit, ein heißes Eisen, an dem ich mir oft die Finger verbrannt habe. Dann nehme ich doch lieber das Salz auf der Haut in Kauf.
Endlich verabschiede ich mich; dies aber im Glauben, ich sei mit der See auf irgenddeine Weise verbunden. Schliesslich lieben wir beide die Elemente Wasser und Luft, und letztere am liebsten als starke Winde, die vieles zu bewegen vermögen.

Hat das Gefühl ewiger Existenz nun irgendeinen Nutzen , oder ist es nur pubertäre Phantasie?

Ich habe einen festen Platz in der Gesellschaft.
Ich werde wahrgenommen.
Man respektiert mich.
Ich gewinne Sicherheit.
Mein Selbstbewusstsein wird gestützt.
Man vertraut mir.
Mein Wort hat Gewicht.
Gütiger Himmel! Bin ich Gott?

Keine Sorge, Alter. Du bist nicht Gott, sondern ein Mensch. So würde irgendeine Kompetenz meine Ambitionen rasch beenden. Doch das kann ich selbst. Wenn ich mich so betrachte – und den Faktor „Zeit“ wieder bedenke, so bleibt von mir als Institution nicht viel übrig.
Ich höre jetzt schon eine Stimme aus der Zukunft: „Ach der? Warte mal, jaaa, ich kann mich erinnern. Ist der nicht schon tot? Der war wie der Gott Janus, aber nicht mit zwei, sondern mindestens mit fünf Gesichtern! Eine Mißgeburt!“

Und ich freue mich, wenn ich solche Stimmen heute höre. Schliesslich sind, wenn man tot ist, auch die Ohren „außer Betrieb“ gegangen.

(Seltsam. Dieser Text ist ein wenig kryptisch. Was zum Teufel will der Autor damit sagen? Soll das tiefsinnig sein, oder ist es gewollt oder versehentlich unsinnig? Oder ist der Typ besoffen? Ich sollte eigentlich mal nachfragen. Und ihn besuchen. Dann könnte ich mich mit mir treffen, mich freudig begrüssen und nachfragen, ob es mir gut geht, und ob ich heute schon Stuhlgang hatte!)

2 Antworten auf “Existentielle Frage”

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