Kein Tag wie jeder andere

Mittagszeit. Ich bin …..wie sagt man? …. unversichert ….. neee, das macht keinen Sinn. Verunsichert passt.

Meine Sprachschwäche deutet es an, ich bin verunsichert. Um halb neun hatte mich der Pflegedienst aus dem Bett geholt, was ich garnicht gutheissen kann, und zwei Stunden später, genauer gesagt nach dem dritten Pott Kaffee war ich nicht mehr der, der aus dem Bett kam.

Gott, ich rede drum herum, als ginge es ums Leben. Kurz gesagt: Man hat mir die Haare geschnitten. Ich sehe jetzt anders aus. Der Yeti-Look ist futsch, und es wird Monate brauchen, bis ich den Schaden repariert habe.

Haare schneiden empfinde ich als unangenehm. Mein Maschinchen schnurrt leise vor sich hin, wenn ich es eingeschaltet in der Hand halte. Und diese sanfte Vibration – wirklich sympathisch. Aber fährt man mit diesem netten Gerät über meine Schädeldecke, so klingt das auffällig hohl. Wirklich unsympathisch! Was hat es nur, das Maschinchen? Es macht mich wirklich ein wenig mißmutig.

Zugegeben, weh tut es nicht. Wäre also auszuhalten, gäbe es da nicht einen weiteren Stolperstein. Wie es kommen muss: Ich renne garantiert dagegen, und das schmerzt. Ich weiss es aus Erfahrung, dass selbst Triviales schmerzen kann. Im konkreten Fall heisst mein Problem „Klamottenwechsel“. Gestern hatte ich mein dunkelblaues T-Shirt noch mit Apfelmus so dekoriert, dass man es als ein mit komplettem Menu ausgestattetes Hemd tragen konnte. Ich hatte drei Gänge aufgezeichnet: Einen Insalada caprese als Vorspeise, ein Putengulasch als Hauptgang und Apfelkompott als Dessert. Und heute früh? Ab in die Wäsche! Und die Hose mit dem Brotteig drauf auch! Das ist W.’s Art, sich an mir dauszutoben.

Ich versuchte dann noch, die Haarschnipsel abzubürsten. Vergebens. Geraten sie auf die Haut, dann juckt es. Der Druck verstärkte sich im Minutentakt, und mir blieb keine Wahl. Ich verschwand für einige Zeit in den Tiefen eines großen Kleiderschranks, und kam wieder ans Tageslicht mit einer Überraschung: Ich besitze wirklich eine echte Handwerker-Hose, einen sogenannten Blaumann, als Latzhose gearbeitet, und die passt mir sogar! Nun spüre ich Hosenträger über meinen Schultern – fremd, und zugleich angenehm, weil diese Hose nicht mit einem Strick um den Bauch gehalten werden muss, was auf Dauer die Fettschicht schädigt. Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: Es fehlt der Hammer in der Schlaufe am rechten Bein. Ein leichter Schlosserhammer mit Glasfaserstiel wäre schon chic.

Das bringt mich auf einen anderen Aspekt des Haareschneidens. Spricht man nicht über Menschen, die „bis in die Haarspitzen“ Handwerker sind? Oder Köche? Oder auch nur Blogger? Mir fehlen nun die Haarspitzen, sie sind ab! Vielleicht fehlt mir nun ein Stück Seele? Wächst das nach, und wie lange dauert es, bis es genutzt werden kann? Bin ich in der Zwischenzeit ein Ekel?

Ich stelle eine These in den Raum. Man lasse die Kopfhaare ungestört wachsen und wachsen. Dann sieht man möglicherweise wie ein Ekel aus, bleibt aber eine Seele von Mensch.

Ich will ja nichts sagen. Aber da geht eine Hausfrau zum Friseur und lässt sich nur die Haarspitzen abschneiden und eine Ladung Festiger verpassen. Zu Hause geraten die Bratkartoffeln zu Kohle, und die Milch läuft über den Topfrand, auf und davon.

Und der Ehemann? Sitzt in der „Guten Stube“ im bequemsten Sessel, schiebt sich ständig schwere Locken hinter die Ohren, kratzt sich am unrasierten Kinn, und liest Kant’s Kritik der reinen Vernunft.

Sie, geschoren und durchgestylt wurde zur Furie und wirft mit Pfannen um sich, und er bleibt eine Seele von Mensch. Nichts kann ihn beeindrucken, es sei denn, die Furie kommt um die Ecke und nimmt ihm die Cognac-Flasche weg. Aber in solcher Situation wird jedermann etwas unruhig.

Ich bemerke, dass ich nun zu sehr ins Private geraten bin.

W. sagt, ich sähe nun jünger aus. Demzufolge ungeschoren älter. Dazu hätte ich doch gerne mal einige Zahlen gehört. Damit liesse es sich vielleicht gut spielen. Ich könnte mir eine Windel umlegen und dann die Nachbarn fragen, um wieviele Jahre ich nun jünger aussehe.

Ich gerate ins Träumen. Sehr ungesund. Besser, wir lassen alles so, wie es ist. So vermeidet man Unglücklichsein.

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