Surreales

Heute: Wildeschweinbraten
mit Rotkohl und Klößen
23,50 €

Ich trat auf die Bremse und stieg aus. Zum Hungedr gesellte suich nun auch unbändiger Appetit; ich musste das Wildschwein auf meinem Teller haben!
Über der Tür war zu lesen, dass der Gasthof einen Namen hat: Jägerstübchen. Gütiger Gott, dachte ich, die Stube hat es nicht getan, es musste das Stübchen her – aber schon stand ich im Gastraum und schaute mich um. Der Raum hat wohl noch nie die Sonne gesehen. Die Einrichtung ist ….. sagen wir mal sehr rustikal, und die dennoch freundliche Atmosphäre strahlen 8 weiße Tischtücher auf 8 Tischen aus, Allerdings könnte man wegen des Blumenschmucks in eine Depression abgleiten – tote Tulpen hingen über Vasenränder und schienen auf irgendetwas zu warten.

Eine Wand des Raums war Standort für verschiedenste Jagdtrophäen. Ein Wildschweinkopf dominiert die Szene; er gehörte wohl einem riesigen Keiler. Ich schaute genau hin ….. verdammt echt, dachte ich, diese Sau könnte noch leben, und nahm unter dem Schweinekopf Platz.

Eine rundliche frau nahm meine Bestellung entgegen, schaute kurz nach oben zum Kopf, merkte rasch an, es gäbe Braten vom Nacken und ging zurück in ihr Reich. Ich schaute ihr nach, hörte von oben einen leisen Ton. Es war wie ein Grunzen, nur hörte ich Worte.

  • Ich bin Otto.
    Ich stand auf und wandte mich zum Schweinekopf. Du bist Otto?
  • Ja.
    Wer sagt das?
  • Die Chefin.
    Diese taucht auf und stellt mir das bestellte Bier hin. Mit mir redet er auch, sagte sie beiläufig.
    Ich: Der redet doch nicht! Wir halluzinieren!
    Sie: Der redet nicht. Aber er denkt, und wir verstehen, was er denkt. WLAN, im Wald gewachsen! Sie lächelt und geht.
  • Gleich wirst Du Willibald essen, einen meiner Urenkel.
    Ich beginne zu schwitzen. Es ist vermutlich Blut, das mir am Rücken runterrinnt.
  • Ich habe auch schon Mensch gefressen. Lag tot auf einer Lichtung.
    Mein Essen kommt. Aber mein Appetit ist gegangen.
  • Stell Dich nicht so an. Alles ist gut. Willibald ist doch tot!
    Ruck zuck und der Hunger war auch weg.
  • Ich muss nicht essen und nicht trinken!
    Und nicht kacken, denke ich.
  • Auch richtig! Ist bequem!

Ich grüble. Der Wildschweinbraten sieht richtig lecker aus. Konnte nicht umhin, zu probieren. Verdammt, dachte ich, liegen lassen wäre eine Sünde. Ich probierte erneut, diesmal mit ordentlich gefüllter Gabel, entdecke eine besonders pikante Geschmacksnote und probierte erneut und so fort. Schliesslich war der Teller leer, und beim letzten Bratenstückchen meldete sich Otto erneut:

  • Man kann dem Leben nicht mehr Tage schenken,
    aber dem Tag mehr Leben!

Die Chefin hat es auch gehört, sie setzte so ein Mona Lisa-Lächeln auf. Mir ist das nicht gelungen. In mir ist etwas zerbrochen. Ich fürchte, es hat die halbe Menschenwelt getroffen. Und Otto? Er schien spöttisch zu grinsen. Der Saukerl.
Ich bin nach Hause gefahren und habe mich betrunken.

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