Hefezopf

Arlington National Cemetery, in Virginia/USA

Für den folgenden Text habe ich einen Anfang gefunden; was danach kommt, weiss ich nicht. Das überlasse ich dem Zufall.
Hier ist dieser Anfang:
„Es ist Mittag. Ich weiss nicht, wo die erste Hälfte dieses Tages geblieben ist. Mir ist bewusst, dass der Pflegedienst hier war. Und ich habe lauwarmen Kaffee getrunken. Geschafft habe ich nichts. Hefezopf.“

Das war’s auch schon. Mach was draus, rede ich mir ein. Ich könnte nun den Hefezopf aufgreifen. Ich weiss, da geht etwas. Allerdings weiss ich nicht, was gehen soll. Der Teig? So weit bin ich noch lange nicht. Und mir ist bewusst, warum ich den imaginären Hefezopf seit vier Wochen mit mir herumtrage, ohne konkret zu werden. W.’s Auftrag dazu habe ich bisher geflissentlich ignoriert. Aber hierzu weiss ich wiederum, warum.
Pass auf. Ich nehme Trockenhefe. Das ist ein Pülverchen. Ich gebe es in handwarmes Wasser und füge Zucker hinzu. Und schon beginnt die Hefe zu leben! Erschrocken schütte ich das Tier in mein Mehl, füge andere Zutaten bei, und lasse meine Maschine kneten. Was geschieht? Der Teig entsteht, und er lebt. Das ist der Punkt, wo es heikel wird. Er soll arbeiten. Dafür muss das Klima ebenso stimmen wie die physiologische Behandlung, also die Massage und gutes Zureden. Und damit habe ich Probleme. Nirgendwo ist ein Prozess definiert. Statt dessen hat man überall unzählige Prozesse zur Auswahl. Wie ich mich kenne, erwische ich bei der Durchsicht garantiert den falschen, und ich schiebe einen Hefezopf roh in den Ofen, und hole gegart ein türkisches Fladenbrot raus. Wenn W., was meine Tochter ist, mit Lachen fertig ist, kommt ihr triefender Trost über den Tisch mit der Bemerkung: „Mach Dir nichts daraus, das wird schon noch!“

Wenn ich etwas hasse, dann sind es solche, womöglich auch noch gut gemeinte Sprüche zu meinen Niederlagen. Ich fühle mich dabei unschuldig, denn ich weiss, nicht ich bin nun gallig, sondern es. „Es“, so nenne ich mein Ego. Es hat so einiges gemeinsam mit dem unheimlichen Clown Pennywise. Horror-Experten wissen, wovon ich rede. Ich sollte wohl doch darauf hinweisen, dass mein Ego nicht in der Kanalisation lebt, und dass es kleinen Jungs keinen Arm abfrisst. Ich denke, aber der Rest stimmt.

Es ist theoretisch einfach und in der Praxis schwierig, mein Ego zu zähmen, es sozialverträglich zu halten. Ist ja kein Hund, oder so. Am besten gelingt es mit Erfolgen. Mein letztes Weizenmischbrot war sehr gut geworden. Aber es hat viel gekostet, so weit zu kommen. Hätte ich alle meine mißratenen Brote im Garten beerdigt und Kreuze aufgestellt – ich würde auf einem Friedhof leben! 10% vom Arlington cemetery, oder so.
Die Müllmänner waren tapfer und haben das Ungeniessbare weggschafft. Aber rund um die Müllverbrennung in Hamburg hat es wochenlang nach frisch gebackenem Roggenbrot geduftet.

Nun werde ich müde. Zunächst muss ich etwas essen. Das hat Folgen. Meine Blutarmut bewirkt, dass – wenn der Magen arbeiten soll und viel Blut braucht – dass mein Hirn davon zu wenig kriegt und mir das Bewußtsein streicht. Dann geht garnichts mehr. Ich kann noch nicht mal träumen. Extrem langweilig, dieser Zustand. Aber ich muss zwei Stunden überstehen. Dann meldet der Magen FERTIG, und das Blut verteilt sich wieder so, wie es sich gehört.
Schon gut! Ich weiss, ich sollte nicht über Krankheiten reden.

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