Ein Tag beginnt

Ich erwache, und spontan verweigere ich, mein Nest zu verlassen. Im allgemeinen sind Jungvögel solche Verweigerer, sie wollen nicht, und ich, ein Altvogel kann nicht. Wer aufmerksam bei der Sache ich, erkennt den Unterschied.

Natürlich kann ich, wenn ich will. Nur – ein Blick aus dem Fenster, und die Blockade stoppt jedes Fünkchen Elan. Dieses neue Heute sieht erbärmlich aus. Ich erspare mir eine Schilderung des Zustands volm Draussen. Aber ich fühle, wenn es sich wie eine Decke aus Blei über mir ausbreitet, mir den Atem nimmt, zusammen mit einem Rest an guter Laune, der vom Vorabend übrig geblieben ist.

Ich liege in meinem Bett und warte. Wer hilft mir auf die Füsse? Nein, ich ahne es nicht, ich weiss es: Niemand wird kommen. Ich sitze in einer Falle, suche nach Wegen aus dem Dilemma. „Gehe runter und komme auf allen Vieren ins Bad!“ Ich kenne meine innere Stimme, sie gehört zu einer Riesenportion Inkompetenz. Wenn ich auf allen Vieren daher komme, dann gewiss in der Art einer 160 Jahre alten Lederschildkröte, der größten ihrer Art. Sie schafft im Sprint die 50 m in zwei Tagen, weil sie im Kreisläuft, wenn sie auf einem Auge blind ist. Kurz gesagt – so nicht. Ich vermute ohnehin, dass ich auf zwei Beinen immer noch schneller bin als die Lederne mit vier Füssen. Dessen eingedenk (Formulierung aus dem 16. Jahrhundert) versuche ich hoch zu kommen, vermisse ein Pflegebett mit Kran oder Flaschenzug, muss mit eigener Kraft auf die Füsse kommen und, wie ich erfahren habe, auch auf meinen Füssen stehen bleiben. Leise singe ich dazu einen alten Gassenhauer: „Und dann schleich ich still und leise immer man der Wand lang, immer an der Wand lang …..“, bemerke, dass es doch noch geht, und dass ich es morgen wieder versuchen muss, mich selbst ohne Hilfsmittel ins Bad zu schaffen, gewiss auch ohne Opioide zu schlucken.

Schliersslich unterläuft mir ein grandioser Fehler: Ich schaue erneut aus dem Fenster. Was ich sehe, gibt mir den Rest. In der Atmosphäre ist irgendwas kaputt, und es läuft Wasser aus. Ich lasse Rollo’s und Jalousetten runter. Mit mir nicht. Nicht allzu spät bemerke ich das Positive an der Situation: Ich hatte ohnehin nie die Absicht, das Haus zu verlassen.

Die morgendliche Prozedur schliesse ich meist ab mit 2 Bechern Kein Kaffe und zwei virtuellen Brötchen, schön mit Butter und Brombeerconfit. So auch heute. Der Weg in die Küche ist weit und zu beschwerlich für Kröten und Krötenähnliche.

%d Bloggern gefällt das: