1088 – Lotte

Heute greife ich tief in die Kiste meiner Erinnerungen. Warum? Zur Zeit liege ich mit Martin Rütter im Clinch. Er reklamiert das Fehlen des Hundeführerscheins als Massnahme für den Tierschutz, und er äussert sich öffentlich respektlos und inkompetent über Angler, die einen Angelschein erwerben ….. dies auch aus Tierschutzgründen, und über Katzenhalter und Katzen, Kurz: Ich mag seine Shows, aber nicht seine saloppe Haltung zum Tierschutz. Auch der Regenwurm ist ein Tier mit Schmerzempfinden. Tierschutz ist eine gesellschaftliche Aufgabe, sie geht jeden an, und sie ist für jedes Tier relevant – bis auf jene, die ich erbarmungslos töte: Stechmücken und Stubenfliegen, die mich attackieren. Solche Ungeheuer sind im Jenseits besser aufgehoben.

Unmöglich, aber wahr. Vorhin ist mir in diesem Zusammenhang Lotte eingefallen. Sie lebte nur knapp 2 Jahre, und das vor ca. 65 Jahren. Lotte ist ein alter Hut, und sie war eine Wildsau. Wenn sie, als Weib, Frischlige führt, also Kinder hat, dann läuft sie durch den Wald wie eine Treibmine, bereit, jederzeit hochzugehen, wenn sich Gefahr nähert. Und er Mensch wird als Gefährdung wahrgenommen. Kommt er versehentlich einer Bache mit Jungvolk zu nahe, so muss er um sein Leben rennen. Ich kannte einen Spaziergänger, der 4 1/2 Stunden in einem Baum sass, weil sich die Wildsau am Boden nicht einkriegte.

Lotte war nicht so. Wie auch, sie hatte nie eine Beziehung zu einem Keiler und blieb deshalb kinderlos. Das kam so:

In den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als ich noch ein Halbgedroschener war, hatte ich mit meinen Kumpels ein Stammlokal im Wald, eine bewirtschaftete Hütte eines Vereins. Man marschierte zwei Stunden, davon anderthalb immer bergauf, und oben tat man sich Gutes an, mit Essen, Wein und Palavern. Fremde Gäste wurden kurzerhand zu Einheimischen umdefiniert, und so war meist gutes Klima am Tisch.
Zur Sache. Der Gastwirt hatte einen verwaisten Frischling gefunden und mitgenommen. Küchenabfälle gab es reichlich, und der Kleine wuchs heran, war der Star im Biergarten und spielte mit jedermann, liebte es, geknuddelt zu werden und war mit allen Gästen befreundet.

Irgendwann fand sich jedoch ein Haar in der Suppe, und das hatte schwerwiegende Folgen. Die Idylle wurde gestört, weil Lotte immer grösser wurde, aber wie eine kleine Wildsau getobt hat. Dabei flogen Tische, Bänke und Stühle, und man musste oft hinterher räumen. Lotte kapierte nichts. Als dann die ersten Gäste nicht auf ihrer Bank, sondern auf der Erde sassen, mit der Gartenbank oben drauf, wurde es dem Wirt zu viel. Wenn ein Gulasch auf dem sandigen Waldboden landete, weil Lotte wieder mal einen besetzten Tisch zum Spielen ausgesucht hatte, war auch der betroffene Gast ein wenig ungehalten und begann, intolerant herumzumotzen.

Ein Metzgermeister aus dem Tal wurde beauftragt, Lotte Manieren beizubringen. Wie Metzger so sind ….. der Mann leistete gründliche Arbeit. Und der Gastwirt hat Lotte zu einem festlichen Essen umgearbeitet. Butterzart, die Lotte-Keule! Nach Aufhebung der Tafel wurde noch heftig getrauert. Aber alle kamen gesund nach Hause. Keine Knochenbrüche, keine Verstauchungen, die Geldbörse leer, gewissermassen invalide, ziemlich heftigen Zoff mit den Eltern, und einen ordentlicher Kater am Folgetag. Was soll’s, mit 16 steckt man so etwas einfach weg.
Hauptsache, Lotte hatte einen schönen Tod.

Was bringt mir eine solche Erinnerung? Genau genommen nichts. Sie taucht auf, und verschwindet wieder. Das ist alles.

Ist das wirklich alles? Was ist, solange sie im Bewusstsein verweilt? Werden dazu nicht Emotionen aktiviert? Gutes oder Böses empfunden? Wo ist der Sinn des Erinnerns?
Vielleicht helfen Erinnerungen beim Bemühen, zu erkennen, wer man wirklich ist.

Eine Antwort zu “1088 – Lotte”

  1. Es gibt ja viele Schubladen, in denen wir unsere Erinnerungen katalogisieren:
    Schublade „Das darfst du nicht“
    Schublade „So etwas tut man nicht“
    Schublade „Oh, war das geil!“
    Schublade „Nicht Mutti sagen“
    etc.
    Und dann bappen da noch Sticker dran: Rot, gelb, grün, rosa, blau …

    Offensichtlich hast Du Dein Erlebnis unter „blau“ und „Oh, war das geil“ abgelegt und damit bleibt es schnell abrufbereit.

    Gefällt 1 Person

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