1080 – Hedonist

Sollte ich je auf die Idee kommen, irgendetwas singen zu wollen, so wird man garantiert einen Notarzt holen. Wenn ich laut werde, so klingt das wie das rostige Radlager an meiner alten Schubkarre.
Ich denke kurz nach ….. doch, der Vergleich hinkt keinesfalls. Meine Normal-Tonlage ist die eines heiseren Eunuchen, wenn Du Dir das vorstellen kannst. Darum rede ich nur das Nötigste; es ist für Zuhörer kein Genuß.
Nun hatte ich vor Jahren schon ein MIttel zur Abhilfe entdeckt. Wenn ich zu viel Alkohol getrunken habe, normalisiert sich meine Stimme, und ich kriege einen gepflegten, sonoren Bariton zustande.
Dumme Sache, nicht wahr? Ich kann nicht unentwegt Rotwein trinken, damit meine Stimmbänder sich so umgestalten, dass ich mich verständlich ausdrücken kann, weil ….. weil dann das Hirn nicht mehr mitmacht.
So b in ich in einer Situation, für die gilt, dass mman irgendeinen Tod sterben muss. Vorsicht, dieser Spruch ist nur als Metapher gedacht!

Vor mehr als einem halben Jahrhundert habe ich noch in einem Chor gesungen, so richtig mit öffentlichen Auftritten. Wir waren nicht übel, wenngleich nicht auf dem Niveau des Montanara-Chors. Ich hatte Freude am Singen, und auch reines Vergnügen, zum Beispiel ist meinem Nachbarn im Chor auf einer Bühne das obere Gebiss runtergeklappt und aus dem Mund gefallen. Wenn ich mich recht erinnere, passierte das just bei seinem Lieblingslied, dem Schifferlied von Friedrich Silcher (lebte so um 1800):

„Es löscht das Meer die Sonne aus ….. “ , wobei das „o“ sehr langgezogen gesungen wird. Zu viel für Prothesenträger. Unsere Zuhörer in den vorderen Reihen hatten auch ihren Spaß an der Szene.

Wenn ich so recht bedenke – es war eine gute Zeit für mich, einen jungen Erwachsenen. Im Chor mitsingen bedeutete Gut essen, gut trinken und gut singen, und das bei jeder Gelegenheit. Zugegeben, das hatte hauptsächlich einen intrinsischen Wert. Ich bin da ein wenig egoistisch. Was ich geerntet hatte, war, was die Briten Pleasure nennen die Deutschen Vergnügen, und die Franzosen mit den Pfälzern Plaisir.

Nach dem WK II war der Boden für den Hedonismus sehr gut vorbereitet. Es ist wie mit einer Pampelmuse. Reif geerntet eine leckere Frucht. Hatten wir mal. Und heute bleibt nur das Bittere verfügbar, das Gute ist zur Erinnerung verkommen.
Vergessen wir die Pampelmuse. Nektarinen tun’s auch. Das Singen unterlasse ich, denn ich bin Umweltschützer. Statt dessen unterhalte ich mich ein wenig mit Saat- und Nebelkrähen.

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