1016 – Lebe!

Die letzte Woche hat mich einigermassen erschüttert. Nein, es war nichts wirklich Schlimmes zu bewältigen, sondern – halt Dich fest – es war Arbeit! Ein Rückfall in alte Zeiten, die ich längst überwunden hatte, und der mir heute nur noch ein müdes Lächeln entlocken sollte – und plötzlich war sie da, die Arbeit. So ich habe gearbeitet, aber leider nicht eine Minute dieser Woche genossen, ausgenommen den Feierabend, wie sich das gehört.

Der Anfall ist überstanden, es gigt keine grösseren Schäden, im Gegenteil. Was ich zu tun hatte, ist einigermassen zufriedenstellend erledigt, und ich kann mich zurückziehen. Wohin? Na, in das gediegene Dolce farniente eines Rentners mit Handicap.

Man sollte glauben, das sei ein völlig unkritischer Schritt retour in einen Alltag, der für mich zugleich so etwas wie eine Komfortzone ist. Aber nichts da! Heute früh hatte ich mir ein Komfort-Frühstück mit 4 Scheiben Toast gegönnt – aber nur zwei davon gegessen.

Du kannst es nicht wissen – aber so etwas gab es bei mir noch nie! Anscheinend bin nicht nur ich um 7 Uhr aufgewacht, sondern auch mein Verstand und meine Vernunft, und das macht mit Angst! Ich bin verunsichert ob der Frage, was meine Arbeitswoche sonst noch angerichtet hat! Ich bin zwar nicht unversichert, aber verunsichert!

Und deshalb verlangt meine Lebenserfahrung nun nach einem sicheren Stand, wie ihn nur die Statistik bieten kann. Ich fühle mich wie ein erschöpfter Schwimmer, der verzweifelt nach Grund unter seinen Füssen sucht. Und ich habe welchen gefunden. Es sind Fakten, keine Meinungen, die mir mein Selbstvertrauen zurückbringen. Und es ist nur ein billiger Trick. Er geht so:

Ich lebe nun 82 Jahre und 5 Monate.
Ergo habe ich 4.284 Montage erlebt.
Komplett sind es 29.998 Tage Leben,
das macht 719.952 Stunden,
also 2.879.808 Viertelstunden.

Ich finde, das ist ein tüchtiger Schluck aus der Pulle, oder?`
Die Betrachtung der Viertelstunden hat einen Grund. 15 Minuten in der Stammkneipe sind ein Nichts – aber setze Dich mal 15 Minuten in einen Zahnarztstuhl! Viertelstunden sind übel. Sie lassen sich ziehen wie Gummi, eine feindlich gesinnte Zeiteinheit von besonderer Qualität – und ich habe knapp 2,9 Millionen davon überstanden. Kriegsversehrt – aber sonst intakt. Ich finde, das sollte meine Stimmung deutlich verbessern.

Heute früh habe ich dann meine Toastscheiben angestarrt – totes Weissbrot, das sich großkotzig „Sandwich“ nennt. Resonanz brachte die Stachelbeer-Marmelade:“Bin ich nicht süss?“ Und ich konterte missgelaunt, sie sei Schweinkram, weil viel zu süss.
Anders mein Kaffee. Ich blickte sinnig in die volle Tasse, in meinem Schädel formte sich der Gedanke, dass es schön sei, doch noch einige Zeit weiterzuleben. Im Kaffeepott spiegelte sich mein Gesicht, und ich hörte eine Antwort: „Laber nicht rum, mach’s einfach, Du Depp!“

Ein guter Wochenanfang! Ja, ich denke, ich mach’s.

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