962 – Vereinfachung

Fange nie einen Text mit „ich“ an. Täte man dieses, so würde man sich als Egoisten brandmarken.
Für diesen Rat habe ich ein müdes Lächeln parat. Ich bin durch Härteres brandgemarkt.
Dennoch: Mit dieser Einleitung habe ich die Hürde überwunden, oder?

Ich – jetzt aber! Ich! Ich bin ein strikt gegen die Verwendung von Klischées. Gleichzeitig benutze ich gelegentlich solche. Sie sind auf ihre Weise einfach unwiderstehlich – und sie sind leider giftig wie die Tollkirsche, denn sie können Massenpsychosen auslösen. Der jüngste Teil der Weltgeschichte zeigt überdeutlich, was gemeint ist.

Ich komme gerade aus de m Bett, und meine Zähne leuchten in strahlendem Weiss. Das bedeutet, dass ich mein Gebiss gesäubert habe, aber noch keinen Kaffee gesichtet. Sobald also meine Wirbelsäule die Wohltat einer ruhigen Nacht im Bette verkraftet hat und ich wieder gerade gehen kann, muss ich in die Küche und Kaffee kochen. Bis dahin wollte ich das Klischée-Thema vom Tisch haben; auf das Tapet (Tischtuch!) kam es mit Meridol , meiner Zahnpasta. Frag‘ mich bloss nicht, warum. In meinem Oberstübchen wohnt wohl ein Messie.

Also: Klischées sind erlaubt, wenn sie zum einen wahr sind, und zum anderen mit einer ordentlichen Portion Satire behaftet.
Sonst nicht.
Das ist keine Anstandsregel, keine aus der Rethorik, keine aus dem Knigge.
Das habe ich so entschieden.
Wer sich nicht daran hält, ist ein Brandstifter. Egal, wie gross nach verbalem Zündeln seine Flamme wird. Ich bin von vorgestern, und ich habe gelernt: „Das gehört sich nicht!“

Dennoch, und wie es der Teufel will, flutscht auch mir ab und an so ein dummer, langweiliger Spruch über das Hirn und die Finger in die Tastatur, und auf der emotionalen Ebene wird gejubelt und mit Rotwein gefeiert. Und der Verstand? „Nimm ihm bloss die Tastatur weg, und rufe nach einer Zwangsjacke! Lobotomie! Lobotomie!“

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