956 -Fisch

Schon zu früher Stunde hatte sich ein wahrlich grauer Tag über dem See verbreitet, und der Winde trieb Nebelschwaden über das Wasser,. luftige, aber gespenstische Erscheinungen. Ein alter Mann sass am Seeufer, hatte seine Angelruten ausgelegt, ud hoffte auf einen guten Fang. Aber er hatte auch einen Blick für das Spiel von Wind und Nebel über dem Wasser, und er sah, was er wohl aus unbestimmten Gründen sehen sollte. Der Nebel nahm Gestalt an. Mal waren es Gesichter, mal Tiere, oder auch kleinste Cumulus-Wölkchen – in jedem Falle aber recht unterhaltsam, und kein schlechter Zeitvertreib für einen erfolglosen Angler, der zwischen Schlaf und Langeweile schwankte und sich nicht entscheiden mochte.

Irgendwann hat irgendwer das kleine Problem gelöst. Gerade hatte der Alte seine Augen wieder geöffnet, als vor ihm im Wasser eine Gestalt auftauchte, und dies im Wortsinne. Sie tauchte auf, stand bis zur Gürtellinie im Wasse, und begann plötzlich, sich vorwärts zu bewegen, ging auf den Alten zu. Dieser erstarrte. Er beobachtete, was da draussen geschah und bemerkte, dass dieses Wesen im Wasser keinerlei Bewegung auslöste. Im Gegenteil, die Wasserfläche blieb nun glatt wie ein Spiegel.

Die Gestalt kam näher und näher, war scheinbar körperlos und ohne Gesicht, und den Alten durchzuckte ein einziger Gedanke: „Wie ein Schatten!“

Diesem Schatten begegnete er ohne Angst. Der Dunkle trat aus dem Wasser, bewegte sich an Land sicher, stand vor seinem Opfer und legte ihm eine Hand auf den Kopf. Gütiger Himmel, dachte der Alte, er segnet mich – und unversehens war der Schatten verschwunden. Aber an einer seiner Angelruten herrschte Aufruhr. Er kämpfte nun um den Fang seines Lebens, und am Ende des Kampfs lagen Mann und Fisch erschöpft im Sand des Seeufers. Der Mann schaute sich seine Beute aufmerksam an und schien zu begreifen, welche Botschaft ihm das Schattenwesen gesendet hatte: Bedenke den Wert Deiner Beute. Sie kann ein Gewinn sein, aber auch einen Verlust darstellen. Bewerte, dann entscheide!

Es war für den Alten noch einmal ein hartes Stück Arbeit, seinen kapitalen Fang unverletzt zurück ins Wasser zu schaffen. Dann tauschten beide, Fisch und Mann einen letzten Blick, das Tier glitt dem Fänger langsam aus den Händen und verschwand in seinem Reich.

Der Alte packte seine Sachen ein und machte sich auf den Weg nach Hause. Eine stille Freude durchströmte ihn. Ihm war bewusst, dass er richtig gehandelt hatte. Er weiss, einen König tötet man, um ein Reich zu erobern – nicht für ein Filet in die Pfanne.

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