898 – Morgengrauen

Oh ja. Kenne ich. Meine erste Stunde das Tages ist wahrlich grauenvoll. Aus dem Bett und auf die Beine kommen ist ein schmerzhafter Akt, dem ein wasserfestes, hochwertiges Etikett anhaftet. Es empfiehlt, im Bett zu bleiben. Der Sicherheit wegen.
Aber ich, von Stunde Null an ein unartiges, trotziges Kind bleibe auch im Alter, was ich immer war: Ungehorsam. Also quäle ich täglich meine Lendenwirbel bis kurz vor Ibuprofen und wanke 6 Schritte weit, mich überall festhaltend, ins Badezimmer, mache auf einer der Sitzgelegenheiten eine längere Pause und krieche dann auf zwei Beinen in mein Büro, genauer gesagt in meinen Schreibtisch-Sessel.

Es ist nicht zu glkauben, aber dort drinnen geht es mir besser, und nach ungefähr 20 Minuten therapeutischen Sitzens kann ich mittels Rollator den Marsch in die Küche antreten. Das ist ein langer Weg, der mir mindestens 16 Schritte abverlangt.

In der Küche angekommen drehe ich den Rolli zurecht, lasse mich schwer auf seiner Sitzfläche nieder, drehe sitzend um 90°, und starre die Kaffeemaschine an.
Und genau in diesem Moment hat das Morgengrauen für mich ein Ende, und ich habe Kapazität frei für anderes Grauenvolles.

Als Behinderter lasse ich mich gerne versorgen. Nein, nicht mit Essen, Trinken und Rücken waschen, sondern mit Weltnachrichten. Dafür habe ich zwei Quellen zur Verfügung. Das sind W., was meine Tochter ….. Du weisst schon, und das ist das Radio, genauer gesagt NDR info. Und genau hier setzt das Morgengrauen wieder ein. Wenn W. darüber plaudert, was in der Welt so los ist, also wo wie und warum intensiv gestorben wird, so erzeugt das irgendwann bei mir eine Gänsehaut. Wenn der Radiosender mir berichtet, so gerate ich umgehend in einen Wutanfall, weil man mir – ich bin ja stets im Bilde – nahezu jedes Mal falsche Bilder verkaufen möchte. Wie soll ich das jetzt erklären ….. man versucht, einen Hundehaufen so sauber zu waschen, dass man ihn zu Hause auf einem Teller servieren darf. Und das geschieht dann auch, dafür steht dann der Zahlkellner am Tisch und kassiert; er nennt das dann Rundfunkgebühren.

Morgengrauen – Grusel oder Wut, beides ist Horror.
Und so beginnt mein Tag.
Nun bin ich kein Typ, der über Selbstverstümmelung nachdenken würde. Im Gegenteil. Ich kann mit etwas Disziplin den täglichen Mist auch rasch wieder los werden, und das ohne Alkohol.

Der Wahrheit zuliebe muss ich gestehen, dass es auch Tage ohne fortgesetztes Grauen gibt. Dann trickse ich meine Wirbelsäule aus und habe für den Rest des Tages Ruhe – sofern ich nichts mehr esse.

Neulich habe ich mir Käse-Nudeln zubereitet. Seitdem habe ich Angst vor mir selbst. Einer anderen Person hätte ich gewünscht, dass ihr beide Hände abfallen. Verallgemeinert: Ich meine das Grauen im Kochtopf.
Es entsteht als Morgengrauen und wirkt erst gegen Mittag. Dann ist alles möglich, bis zum Haarausfall.

Gestern hatte ich einen „bunten Salat“ gemacht. Es sind versehentlich 4 grosse Portionen für zwei Leute geworden. Somit stand auf dem Speiseplan: Mittags – Salat. Abends – Salat. Was soll ich sagen? Der Salat hat mich vor der abendlichen Gruselnummer bewahrt, deren Hauptdarsteller allzu oft das „Wurstbrot“ ist. Ein modernes Wurstbrot in der Klappstullen-Version besteht nämlich aus zwei Scheiben trockenem Brot, einem Klecks Butter, der nicht wie Butter schmeckt, sondern wie eine Vorstufe von Margarine, und aus Wurst, die ich als Sünde der Leb ensmittelindustrie bezeichne, weil es der Wurstfabrik nicht gelingt, einen Bierschinken oder eine Lyoner als solche schmecken zu lassen. Der Vollständigkeit halber: Der lokale Schlachter kauft Fabrikwurst billig ein und verkauft sie teuer als Eigenprodukt. Bei Tisch, in meiner Verzweiflung hole ich mir Hilfe bei den Tomaten, nur um festzustellen, dass ich mir Wasserbehälter besorgt habe.

Lassen wir es dabei. Das abendliche Grauen ist hinreichend skizziert. Um komplett zu werden: Jedesmal quält mich der Gedanke, einige Dosen Starkbier gut kühlen zu sollen, denn:
Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Es ist frei von Fett, und macht dennoch einen dicken Bauch. Und die Zähne, dieses alte Geschirr in meinem Kopf, sie werden geschont. Ich brauche sie noch, um bissig zu bleiben.

Ok, es reicht. Ich habe verstanden. Aber bei den holländischen Tomatenbauern werde ich mich nicht entschuldigen. Sie kriegen von mir eine volle Breitseite Fremdenfeindlichkeit.

Ich kanns mir nicht verkneifen: Ich gehe in Italien ein wenig spazieren und gelange in eine Tomaten-Plantage unter Folienzelten. Dann komme ich am Wohnhaus des Bauern vorbei. Was sehen meine entzündeten Augen? Frei wachsende Tomatenstauden an der sonnigen Hauswand, voller Früchte. Und mir geht ein Licht auf, heller als tausend Sonnen. Dem Tomatenbauern sind seine Produkte nicht gut genug. Auch er bevorzugt, was in der Erde wächst, nicht auf Substrat, und in der Sonne reift.

Alles klar? Ich verrate jetzt ein Geheimnis, auch wenn ich mich damit blamiere.
Gleich gehe ich in die Küche und wärme mir eine Porrée-Suppe auf, von der ich weiss, dass sie nicht nach Porrée schmeckt. Aber ich werde eine Dose Bihun-Suppe dazugiessen. Dann schmeckt die Bihunsuppe mal anders. Ich weiss: In meinem Topf ist dann Schweinkram. Aber es ist Schweinkram mit einem mir unbekannten Geschmack. Und das hat was. Es kann gut gehen. Falls nicht: Ich weiss, wo meine Toilette steht, und ich habe Pizza im Frost.

Nebenbei: Meines Wissens ist es unmöglich, dass ein Risch verhungert. Die große Gefahr liegt im Flüssigen. Wir könnten verdursten.

So. Hast Du das alles gelesen? Ja? Selbst schuld!

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