864 – Lieblingsthema

Wenn man wie ich 82 Jahre alt ist, dann beschäftigt man sich auch mit dem Thema Sterben und tot sein. Es gibt Menschen, die sich fürchten, anderen ist das Ganze gleichgültig, und noch andere, wie ich, machen sich darüber lustig. Dann sind da noch die Fanatiker. Sie tragen immer eine Handvoll Friedhofserde in einer Hosentasche und stehen nachmittags von 14 bis 17 Uhr mit einer Kerze in der Hand auf dem Gottesacker, warten, bis sie dran sind.
Dann sind da die Geniesser. Sie besuchen Friedhöfe und lesen Grabinschriften wie:
„Hier ruhen nun meine Gebeine.
Ich wollte, es wären Deine!“

Glaube nicht an Euphemismen. Jedermanns Zeit kommt irgendwann, und nur wenigen ist es vergönnt, noch ihre Sachen zu packen, alles so zu ordnen, dass ein ordnungsgemäßer Abgang möglich wäre. Eben lautete die Parole noch: Lebe! Und eine Sekunde später wird sie geändert in: Zeit um!

Mit etwas Glück kannst Du noch einen klaren Gedanken zu fassen kriegen. Du konzentrierst Dich – nur auf Dich selbst. So ist das also. Abgang. Na gut. Muss ja sein. Es sind schon andere grosse Männer aus dieser Welt verschwunden. Jetzt mach zu! Wenn schon, dann sofort, nicht gleich. Das Leben war ohnehin nicht mehr so prickelnd. Wenn ich so vierzig Jahre zurück ….. und Peng! Licht aus.

Es gehört zu den grossen Geheimnissen des Lebens, weshalb auch Du Deiner Familie qua Testament eine Bürde auferlegt hast, die sie zu einmaligen Kosten in Höhe von 7.386 Euro plus Kosten für den Leichenschmaus und einer 30jährigen Pflege von zwei Quadratmetern Land verurteilt, jenem Plätzchen, an dem Du angeblich ruhst.

Immerhin hast Du mit Deiner Verfügung dem Wirtschaftszweig TOD & BESTATTUNG zu Umsatz verholfen. Das wäre einer der positiven Aspekte Deines Dahinscheidens. Der zweite Nutzeffekt ergibt sich aus der ländlichen Sitte, des Toten Fell zu versaufen. Ja, plötzlich bist Du wieder ein Toter, klar und ehrlich als das bezeichnet, was der Realität am ehesten entspricht. Du selbst hast das Fell einiger Leute versoffen und erfahren, wie heilsam derlei Aufarbeitung von Ansätzen der Trauer sein kann – auch wenn der eine oder andere nur mitsäuft im Glauben, Dich zum guten Schluss noch einmal richtig zu schädigen, oder das Erbe Deiner Hinterbliebenen zu schmälern. Eigenartig zu beobachten, wie man mit Kaffee, Butterkuchen und geflüstertem Tratsch beginnt und nur wenig später bei Schinkenbrot, Bier und Schnaps lärmenden Spass verbreitet. Der Heimgegangene gerät unversehens zum Katalysator für die Dagebliebenen, sie beginnen zu reagieren, sondern ungeahnte Lebensfreude ab, und würde Dich ein merkwürdiges Schicksal zur Rückkehr in diesen Kreis verdammen, und Du tauchtest unvermittelt dort auf, in Deinem schwarzen Hochzeitsanzug und dem Totenhemd aus Papier, Du wärst d e r Partykiller des Jahrzehnts. Obwohl: Der Gedanke hat etwas Humoriges, nicht wahr?

Nun, ein mit Anstand Heimgegangener unterlässt solcherart makabre Scherze, gönnt seinen verbliebenen Gästen einige fröhliche Stunden, und kümmert sich um seinen eigenen Kram. Und der wäre?

Immerhin: Nicht zu Unrecht redet der Volksmund vom Lichtausknipsen. Pastorale Termini für Deinen Zustand sind dagegen

o der Tote
o der Entschlafene
o der Dahingeschiedene
o der Heimgegangene
o der Selige
o der Entseelte
o der Entleibte
o der Aufgebahrte,
o der Eingesargte
o der Gestorbene
o der Beerdigte
o der Begrabene
o der in Frieden Ruhende
o der Dahingeraffte
o der Verblichene

unter Bekannten auch

o der Erblasser, und
o der Sack, der Sau- und/oder Mistkerl.

Nur: Irgendwie bist Du übern Berg. Das alles geht nicht mehr an Dich heran. Irgendwer hat mit dem mächtigen Finger geschnippt, und Du bist drüben. Drüben, das ist eine Existenz ohne Emotionen. Da ist kein Gott, es finden sich keine Engel, es fehlen Manna, Hosianna! und Halleluja! Keiner zerrt Dich vor einen Thron. Keiner droht mit seinem Flammenschwert und weist auf Endabrechnungen hin. Du bist nicht irgendwo. Nur noch: Du bist. Basta.

Unbemerkt wurdest Du assimiliert, in ein Kollektiv eingefügt, als sei Dir dort ein Platz schon immer reserviert gewesen, als sei das, was Du zu Lebzeiten Deine Seele nanntest, nie anderes als ein auf Zeit verliehenes Bewusstsein gewesen, das Du nach Ablauf Deiner biologischen Uhr wieder zurückgeben würdest, was sich an seinen angestammten Platz verfügt, um vielleicht in einigen hundert Jahren einem gerade geborenen Menschen zugeordnet zu werden, um jenem anderen Menschen vielleicht das Gefühl zu vermitteln, er sei Deine Reinkarnation, und doch käme es der Wahrheit sehr viel näher, Deine eigene Wiedergeburt in der Person dieses Neugeborenen zu erleben – könntest Du dann Deinen neu verliehenen Gefühlen trauen.

Oder aber Du wirst nicht wiedergeboren. Du hast als Seele ausgedient, und bleibst auf Deinem Stammplatz, Teil einer allgegenwärtigen Wesenheit in einer anderen Dimension als die der Menschen, in einem anderen Universum, das dem menschlichen so nah ist wie eine Pelle der Wurst, teils geahnt, teils gefühlt, und wegen mangelhafter Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen als Geist, Gespenst oder göttliches Wesen empfunden.

Ja, wäre da nicht die Frage nach dem Disponenten zu stellen. Wer in drei Teufels Namen steuert den Prozess?

Der Kleriker: Vergiss die drei Teufel. Es ist der Wille des Herrn!
Der Kosmologe: Frage in 4 Wochen nach. Dann habe ich das durchgerechnet.
Der Atheist: Das geht alles automatisch und braucht keinen Gott!
Der Schlachter: Blödsinn. Man kann aus Wurst kein Schwein machen!
Der Computerfreak: Es funktioniert wie mit den RAM´s. Gigantisch!

Und ich glaube, es herrscht das Zufallsprinzip. Wer am nächsten dran ist, ist dran. Möglicherweise hat jedes als belebte Materie existierende Wesen eine Seele, gleichgültig, ob Mensch, Tier oder Pflanze. Das allgegenwärtige Kollektiv liegt wie ein Netz über der uns bekannten Welt und haucht dem Belebten eine Seele ein. Der Esoteriker: Sie assimiliert den Biokörper und verleiht ihm Charakter und Gefühle. Und der Biologe: Umgekehrt!

PIETÄT?

Ja, ich spüre Dein Unbehagen fast körperlich. Pietätloses Gesülze, denkst Du. So darf man nicht mit dem Thema Tod umgehen! Falsch. Ich schon.

Pietät meint unter anderem die Ehrfurcht, die Achtung gegenüber Toten.
So mein Fremdwörterbuch.

Ich verstehe das nicht.
So mein Verstand.

Der Tagesspiegel (5.10.1999):
KRIEG DER BESTATTER:
Es gibt zu wenige Leichen. Das Geschäft läuft schlecht. Die Branchenriesen ( ….. des Bestattungs-gewerbes …. ) ziehen alle Register – in Berlin ist der Markt besonders hart.

Das Internet (1.4.2002):
Seitenlang Pietät Meier, Müller, Schulze, mal mit OHG, mal mit GmbH, mal mit dem Zusatz KGaA, und alle mit der Aufforderung:
Hast Du Leichen – rüberreichen.
Und im O-Ton: Provision!

Polnische Verhältnisse: Arzt tötet Patient und verkauft Leiche an Pietät Krasnicki

Pietät erfordert die Bestattung auf Gemeinde- oder kirchlichen Friedhöfen – damit die nicht schliessen müssen.

Dem Heimgegangenen ist Ehrfurcht entgegen- zubringen. Ob ihm daran liegt, im Tode die Achtung erhalten, die man ihm im Leben versagt hat?

„Schau mal! Der Roland hat nur 3 Kränze erhalten!“
„Jaaa, mein Claudius hatte 17!“
„16. Einer war von Dir!“
„Oh wie schön! Jetzt werfen sie Blumen in das Loch!“

Wagt so etwas ja nicht über meiner Leiche!
Ich werde mich nicht mit Stühlerücken begnügen!

Lasst die Blumen dort, wo sie hingehören – auf ihren Stielen! Und:
Wirklich menschen-gerecht ist es, die Trauer der Lebenden zu achten.

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