853 – Erdbewegungen

Unversehens ist die Zeit der grossen Erdbewegungen angebrochen. Diese jährlich wieder-kehrende Phase eigentümlicher Demonstrationen inniger Verbundenheit mit der Urmutter Erde beginnt im März, und endet im September. Ihr äusserer Ausdruck ist die rituelle Verschmutzung unserer Bekleidung, und der schwarze Rand unter den Fingernägeln.
Es war eine intelligente Entscheidung, den Beginn der vier Jahreszeiten auf ein fixes Datum zu definieren. Nun weiss man, es gibt fünfte Jahreszeiten, jeweils mit regionaler Bedeutung. Hier ists der Karneval, dort die Starkbierzeit – und in meinem Haushalt eben die Zeit der grossen Erdbewegungen. Deren Beginn trifft mich in jedem Jahr wieder mit gleicher Heftigkeit. Der Start überrascht ganz einfach; ich fahre los, um Brötchen und Käse zu kaufen, und komme nach Hause mit Brötchen und Käse, und einem Kofferraum voller Erde. Du kennst das: Blumenerde. Geranienerde (ich lerne aus dieser Unterscheidung, dass Geranien keine Blumen sein können, möglicherweise zur Familie der Kakteen gehören), Rhododendron-Erde, Torferde, Mariechen´s Prachterde, vielleicht auch ein Schäch-telchen Heilerde – ich verliere den Überblick.
Zum Denken komme ich nicht. Nichts wie nach Hause, und die Erde abladen. Rein ins Haus, umgehend ins Büro und die Tür schliessen – muss mich beruhigen. Muss verinnerlichen, die Erd-Saison hat begonnen, und das bedeutet, wenigstens einmal wöchentlich Erde säckeweise heranzukarren. Wusstest Du, dass das Zeug literweise verkauft wird? Verkehrte Welt, denke ich. Wodka nach Gewicht, und Dreck nach Litern bemessen zu verhökern! Warum nicht Milch in Metern verkaufen?
Zurück zur Erde. Ich denke, es rechnet sich in Tonnen, was ich im Laufe der Erdbewegungssaison mit meinem Kombi nach Hause schaffe. Und das seit mehr als 25 Jahren. Zu diesen Fakten gehört auch die Feststellung, dass ich niemals auch nur einen halben Liter Erde wieder weggebracht hätte. Daraus liesse sich vermuten, dass unsere kleine Hütte mittlerweile bis zur Dachkante in Gartenerde und ihren kunstvoll veredelten Abarten steckte. Das Zeug muss ja irgendwo bleiben, nicht wahr? Aber nichts da, weit gefehlt. Ich blicke raus in den Garten, mache zur Sicherheit eine Inspektionsrunde und sehe – nichts. Das Zeug ist einfach – ja. Wo eigentlich? Es ist weg. Keine Hügel, keine Warft, weder Wälle noch Deiche, auf dem Dach liegt auch nichts. Logisch ist, dass ich wieder Dreck heranschaffen muss. Es sind nämlich drei Töpfe mit Stiefmütterchen zu bepflanzen. Und der Garten gibt dafür einfach nicht genug Erde her.
Weißt Du, diese Angelegenheit gibt mir Rätsel auf. Was ich beobachte, und nicht sehe, gibt’s nicht. Es darf einfach nicht sein, was nicht sein kann. Ich gehe nun analytisch an das Problem heran:
Ich kaufe Erde. Ich trage sie in den Garten. W. macht irgendetwas damit. Ich entferne die leeren Plastiksäcke, echte Beweise dafür, dass das Zeug da war und verarbeitet ist. Ich entdecke keinerlei Hügel. Die Erde wird ausgepackt, und ist schon verschwunden. Ich frage nach, wo der Kram geblieben ist. Man verweist auf drei kleine Blumentöpfe – das soll alles sein. Anderthalb von 240 Litern sind ausgemacht. Fehlen 238,5 Liter. Zweite Nachfrage.
W. ist schon um die Hausecke verschwunden. Was sie hinterlässt, hört sich an wie „ das ist mein Garten …“, und schliesslich schreit sie so, dass die Nachbarn neugierig werden: Ich brauche noch mal 60 Liter, fahr bitte noch mal los! Ja servus, denke ich, während ich in meinen Kombi klettere, aber ich werde Dir … kaufe nun Gut&Billig, zu einsfünfundneunzig, als die Anweisung präzisiert wird: Mariechen´s Petersilienerde! Und schliesslich schleppe ich 60 Liter dieses wundervollen Drecks in den Garten, lasse den Sack fallen und flüchte. Für heute habe ich’s geschafft. Nur weiss ich noch immer nicht, wo das Zeug bleibt. Also wieder raus, flöte: Ich helfe Dir ein bisschen! Es echot: Ich brauch Dich nicht! Davon verstehst Du nichts! Du machst alles kaputt! Du kennst die Pflanzen nicht! Hast Du nichts Besseres zu tun? Ist Dein PC wieder im Dutt?
Ich retiriere. Nichts wie weg und ins Büro. Das ist so klein, dass ich mich, wenn ich dorthin geflüchtet bin, wie eine Weinbergschnecke in ihrem Haus fühle. Es passt gerade so, aber ich bin geschützt. Zurück zur Analyse: Die Nachbarn klauen nicht. Wäre auch zwecklos, denn die vermissten Hügel wären dann ja wohl dort zu entdecken. Kann das Zeug gefressen werden? Gewiss, von den Würmern! Aber man hat noch nie von einem Verdauungsapparat gehört, der Mineralien in Kohlehydrate umzuwandeln vermag. Eine fette Mette frisst 12 g von Mariechens Geranienerde, und köddelt 11 g wieder in den Garten zurück. Das wäre ein Verlust von 8,3 Prozent, und das macht bei 300 Litern einen Verlust von etwa 25 Litern (aber hallo!). Damit wären nun 26,5 Liter erklärt, 273,5 fehlen noch immer.
An dieser Stelle verliere ich für diese Woche das Interesse am Thema. Also dann bis nächste Woche, schätze, es wird eine 240er. Ich komme noch dahinter, verlass Dich drauf. So ganz nebenbei registriere ich noch, dass ich mich wieder einmal mit der Erdbewegungssaison abgefunden habe.
Es gibt halt Menschen, die kämpfen in ihrem Garten einen aussichtslosen Kampf gegen die Natur, und das mit einer Verbissenheit, als ginge es ums Überleben. Und siehe, genau darum gehts. Für Moose im Rasen, Wildkräuter in den Beeten, die Sitka-Laus in der Fichte, für Bäume und Sträucher, die nicht wachsen dürfen, wie sie wollen, für Pflanzen, die just dort gedeihen sollen, wo es ihnen völlig unmöglich ist.
Der Mensch aber kämpft um eine gute Bewertung seines Gartens im Wettkampf „Unser Dorf soll schöner werden“, und benutzt dazu Masstäbe der MickyMouse-Kultur Hollywoods.
„Ich brauche noch 80 Liter für die Osterglocken!“
Na und? Dann fahr los und kaufe! Ich kann’s nicht mehr! (Ich bin aus dem Schneider!)

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