826 – Changes

Zu allen Zeiten, und heute mehr denn je haben sich neue Sprachwelten gebildet, oder bestehende haben sich weiterentwickelt. Man denke dabei nur an die berühmte „Weisse Wolke“, die täglich durch Kliniken schwebt. Ich meine die Arztvisiten, nicht wahr? Diese sechs bis vierzehn Weisskittel-Versorgte, die ihre Stethoskope tragen, wie normale Menschen ihr 475-Gramm- Goldkettchen, verständigen sich nahezu ausschliesslich in einer Fremdsprache. Der Patient hat anwesend zu sein, auch wenn er nicht weiss, warum. Liegt somit in, oder auf seiner high tech-Schlafmulde (durchgelegen sind die Betten immer!) und hört diesen Leuten angespannt zu, begierig darauf, einen kompletten Satz mitzukriegen – und seinen Sinn zu verstehen. Wie kann man sich doch freuen, wenn man einen ganzen Halbsatz verstanden hat, etwa in der Art: „ ….. also ich weiss auch nicht so genau, warum Herr Risch ständig von Flatulenzen geplagt wird ….“, weil man endlich weiss, dass die Weissen auch nicht allwissend sind, nicht mal etwas gegen Blähungen zu unternehmen vermögen, ausser Kümmelsud und Baldriantropfen zu verabreichen, worauf schon meine Grossmutter meinen Grossvater verwiesen hat, wenn der beim Absondern eindeutiger Geräusche auf den Verschleiss seiner Kniegelenke hindeutete, den er sich im Weltkrieg Nr. 1 holte.

Hat man während einer Chefarzt-Visite irgendetwas kapiert, so wechselt man umgehend aus dem Lager des Patientenmaterials in das Dasein eines Menschen über, für Minuten zumindest. Unbewusst begreift man, dass diese Augenblicke für den Genesungsprozess so wichtig sind wie die tägliche Ladung Medikamente.
Und schliesslich offenbart sich just in dieser Einsicht der Sinn der Arztvisite. Begriffe wie Bronchialkarzinom, Morbus Crohn und Spinalstenose waren nicht zu vernehmen, und es bleibt somit bei der Erstdiagnose: Offener Splitterbruch des Wadenbeins links.

Wenn sich die weisse Wolke endlich verzogen hat, fragt man sich, wie zum Teufel die es schaffen, sich in der Kantine eine Mahlzeit zu bestellen; haben die Leute an der Essensausgabe alle das grosse Latinum, oder was? Und wie verdammt noch mal heisst eigentlich Erbsensuppe auf klinisch? Pisum pulmenti natürlich!

Nun, diese Betrachtung mag als Beispiel für den Begriff „Sprachwelt“ genügen. Ich denke, jeder hat seine eigene. Ein Krankenhausarzt mit guten Englischkenntnissen verfügt über vier Sprachen – Umgangssprache und Klinisch in Deutsch und Englisch – und ist er zudem Computerfreak, benutzt er noch eine fünfte, trennt das alles nicht sauber, und macht sich mit seinem Kauderwelsch bei mir unbeliebt.

Nun weißt Du jedenfalls, was Dich hier erwartet. Das Klinische kannst Du sofort vergessen. Gelegentliche Rückgriffe auf die Sprache der Computerwelt sind allerdings unvermeidlich. Immerhin muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass die noch immer junge Welt der Computerei bar aller Rücksicht auf die zarten und schlichten Gemüter Konservativer und Unelektrischer unversehens in unser Leben getreten ist, ohne unser freundliches Willkommen abzuwarten – sie ist quasi über Nacht akut geworden, einer Lungenentzündung gleich, ist in Mode gekommen, wir haben schleunigst mitgemischt, so gut es ging, denn wir wollten nicht als Rückständige, als Fossile gelten, und unversehens gehörte sie dem Alltag an, und wir haben uns flugs ein Büchlein gekauft, eines von der Sorte wie „Windows für Anfänger“, und rasch einen billigen PC erworben, weil PC-User so intelligent sind.

Vor diesem Ereignis existierte keine Festplatte, kein Motherboard, kein eMail-System, die Maus zwar, aber nicht die Mouse, nichts von alledem hat uns gejuckt.

Unsere Welt verändert sich stetig, und die Sprache mit ihr, nur der erwachsene Mensch ist ihrer Dynamik nicht gewachsen. Kinder schon, nicht wahr?
Sag mal: Ist Erwachsenwerden ein Fortschritt, oder eher das Gegenteil?
Wie sähe die Welt aus, wäre sie nur mit Kindern bevölkert?

%d Bloggern gefällt das: