817 – Früher

Erst gestern konnte man noch bei reichlich Sonne und angenehmer Wärme an den kalendermässig taggenau angefangenen Frühling glauben, und heute befindet man sich in erstklassig organisiertem Novemberwetter, das nach Lage der Dinge für die nächsten fünf bis sechs Wochen anhalten könnte.

Eine Übertreibung? Dies unterstellt nur, wer nicht an der Elbe wohnt.

Der Eingeborene bestreitet zwar vehement, aber doch nur pro forma die endlose Wetter-Misère – wenn auch anders als der Rest der Welt. Er wird ausführen, es sei im Prinzip ja wahr, dass sich Hamburg und Dauerregen seit Jahrzehnten und auf ewig verbündet hätten, aber nicht so, wie die Zugezogenen es immer darstellen, es sei dann doch alles ganz anders, da wäre zum Beispiel der März 1956 gewesen, sonntags hätte man auf der Terrasse von Sagebiel´s Fährhaus sage und schreibe vier Paare beim Nachmittagskaffee beobachtet! Und es waren dieselben Leute, die dann ihre gummistiefel-bewehrten Füsse verschämt unter dem Tisch versteckten, und die nie zugeben würden, dass sie mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt gekommen sind.

Regnet es, dann war selbstverständlich ich dafür verantwortlich, und schlechte Laune machte Zanke am heimischen Herd. Schien die Sonne, so wurden jene Aussenarbeiten verordnet, um die ich mich seit durchschnittlich zwei Jahren zu drücken versuchte. War es zu warm und zu sonnig, durfte man das Auto nicht polieren, und war es zu kalt, trocknete die Farbe nicht, die man auf irgendwelches Holz pinseln sollte – das alles wurde als Ausrede gewertet, und ich stand mit dem Rücken an der Wand, Kugeln schlugen links und rechts ein, und um aus der Falle zu kommen, schlug ich dann manchmal einen Spaziergang vor – irgendein Opfer muss man in solcher Situation bringen, und Spaziergang ist für meinen Geschmack als Opfer gross genug, denn ich hasse Spazierengehen, und sollte ein solches Angebot doch nicht ausreichen, konnte ich noch eine Thüringer Bratwurst hinzuopfern, die ich immerhin nicht selbst essen musste; Du kennst diese knorpeligen Teile, die nur nach Senf schmecken und mit einem kleinen, pappigen weissen Etwas gegessen werden, das der Verkäufer euphemistisch als Brot bezeichnet, an warmen Tagen nach 24stündiger Lufttrocknung gar als Toast, dann ganz und gar unklebrig, und an Regentagen wird der Kunde das helle Teil mit „das war mal ein Stückchen Weissbrot, bevor Du den Scheuerlappen draufgelegt hast“ definieren, und dabei auf ein Tuch schielen, mit dem ein Bauer seine Miststiefel gesäubert zu haben scheint – Du kennst das? Auch die gehässigen Versuche, damit Vögel zu töten nach der Formel <vier Brocken = eine Leiche? Dies wäre dann meines Opfers zweiter Teil. Spätestens jetzt bemerkst Du, dass ich ein hinterhältiges Aas bin, manchmal zumindest, oft, meinte meine Madame, und zwar bin ich immer dann ungeniessbar, wenn ich zu sehr unter Beschuss gerate, mit dem Rücken an der Wand stehe und mir ums Verrecken keine Argumente einfallen wollen, die ich den fliegenden Messern, die sich links und rechts von meinem Kopf in die Wand bohren, entgegensetzen könnte.

Und überhaupt: Spazierengehen ist für Zielorientierte eine ziemliche Zumutung. Kurz gesagt: Du gehst los, und dein Ziel ist genau der Ausgangspunkt. Warum um alles in der Welt soll ich diesen Ort verlassen, wenn ich ihn erreichen will? Oberschlaue meinen ja, dabei sei der Weg das Ziel. Das ist eine Geschmacksfrage, nicht wahr? Für meinen Geschmack gilt: Wenn es nichts weiter als Weg gibt, dann nichts wie weg! Und ist ein Schinkenbrot im Dorfkrug das Ziel, dann machte ich mich gerne auf den Weg, und liess unter Zwang sogar in der Nähe das Auto stehen.

Ich grabe ganz gegen meine Gewohnheiten in der Vergangenheit. Gut ist das nicht. In der Zukunft graben geht nicht, ich habe es probiert. Wozu also der Blick zurück? Es ist ganz einfach: Mir ist danach zumute. Und ich weiss, das geht vorbei.
Virgil hatte recht mit seinem „tempus fugit“. Ich sage es in Deutsch: Die Zeit rennt mir davon, und ich bleibe zurück. Wie bei Schiller: Fest gemauert in der Erden. Daraus ergibt sich, dass ich – unschuldig wie ein Neugeborenes – ohne mein Zutun in der Vergangenheit kleben bleibe. Und die Distanz zur Gegenwart wird immer größer.
Die sichtbaren Zeichen mehren sich. Zum Beispiel: Ich habe immer noch kein Handy, kein Tablet, fast kein Garnichts.
Wenn dann spitze Bemerkungen kommen wie „dann lass Dich doch gleich begraben“ oder „stell Dich mit einer Kerze in der Hande auf den Friedhof, und warte, bis Du dran bist“, oder – auch beliebt – „der hat schon zwei Hände voll Friedhofserde in der Hosentasche“, wenn man mir so kommt, benutze ich den Notausgang. Man stelle mir eine ordentliche Mahlzeit vor die Nase, oder eine gute Flasche Wein, besser noch beides, dann bin ich aber so was von sofort in der Gegenwart!

Mal unter uns Pfarrerstöchtern besprochen: Es gibt keinen Grund, im Gestern zu verdorren, ausgenommen die Bequemlichkeit, das Phlegma. Wenn diese Gründe nicht gelten, dann ist alles Getue nur Camouflage. Und warum sowas? Weil man seine Ruhe schätzt. Abwehrverhalten, was sonst?

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