797 – Vision

Es ist, als würde sich jener Teil der Welt, den ich wahrnehme, ständig verändern. Altes hat plötzlich ein neues Gesicht, Bewährtes beginnt, die Laufrichtung zu verändern, manches verschwindet, Unbekanntes taucht plötzlich auf – was der Mensch ordnet, verändert der Zufall auf chaotische Weise. Die Überforderung ist zum Alltag geworden, und ich spüre, dass ich mich schützen muss.

In der Hoffnung, das Richtige zu tun, verschiebe ich mein Problem von der emotionalen Ebene in jene, wo Vernunft und Verstand vorherrschen. Und in der Tat finde ich dort einen Weg aus dem Chaos meines Erlebens – und entferne mich zugleich ein Stück von der Wirklichkeit. Dies, so beschliesse ich, will ich tolerieren.

Gleichzeitig wird mir bewusst, dass in meiner Gefühlswelt eine Lücke entstanden ist, die sich unbewusst mit einer Traumwelt füllt. Es ist mir fremd, und ich möchte einen solchen Weg ablehnen, aber ich schaffe das nicht, und irgendeine Kraft fängt mich ein, erzwingt meine Teilnahme, und ich gelange unversehens in eine, in meine Traumwelt. Ich lebe im Wald, in den Wipfeln der höchsten Bäume, wo Sonnenschein den Tag bestimmt, und wo der Wind meinen Wald wie ein grünes Meer erscheinen lässt, das sich in Wellen bewegt und mich dabei mitnimmt, als wäre ich ein kleiner Vogel.

Spät, sehr spät erkenne ich die wahre Natur meiner Existenz in den Bäumen. Ich schaue nach vorne und erkenne, dass – weit draussen – das Laub der Bäume eine braune Färbung angenommen hat und sich hinweg bewegt wie trockene Blätter auf einem Fluss. Zugleich hat das Blattwerk der Bäume rings um mich eine andere Farbe angenommen. Ich verstehe erst, als ich langsam in die Tiefe sinke. Ich blicke angstvoll nach unten, und sehe nichts als Finsternis. Eine innere Stimme flüstert mir zu, ich solle ruhig bleiben, meine Bestimmung sei erfüllt, und ich sei nun auf dem Weg nach Hause.

Ich schaue aus dem Fenster. Sehe nur einen Regentag und triefend nasse Narzissen. Und ich erinnere mich an den Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der meinte:
„Wer eine Vision hat, sollte zum Arzt gehen!“
Vielleicht hatte ich eine zuviel. Der aber hatte wirklich zu wenige – oder keine. Ein Fall für den Doktor, wäre Schmidt nicht längst gestorben.

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