761 – Schönheit

Der schöne Mann – ich muss nachdenken.

Natürlich habe ich einen konkreten Anlass dazu. Es geht mir heute um nicht weniger und nicht mehr als das Kopfhaar ….. sofern noch welches wächst. Wohl dem Glatzenträger. Der hat es gut getroffen. Waschen, polieren – fertig!

Anders bei mir und meinem Sohn. Letzterer ist gestern aufgekreuzt und ich bemerkte sofort, er war beim Friseur. Bei seinem Friseur. Selbiger hat früher wohl als Hufschmied den Pferden Schuhe verpasst. Nun schneidet er Haare. Sohnemann sieht zur Zeit aus, als trüge er einen Riesen-Keks auf dem Kopf. Rundum ist alles weg. Dieser modische Haarschnitt liegt knapp an der Grenze zur Körperverletzung nach § 223 StGB. Ich habe das natürlich nicht kommentiert; Krieg in der Familie ist nicht nach meinem Geschmack.

Leider ist dazu ein zweiter Fall anzumerken. Der betrifft mich selbst. Meine Silberlocken
haben mich zunehmend gestört. Ich kramte meinen Haarschneider hervor und habe versucht, oben alles auf 5 mm zu kürzen. 5 mm, das ist wahrlich sehr wenig. Dennoch setzte ich mich im Bad vor den Spiegel und fuhr mit meinem Maschinchen kreuz und quer über den Kopf. Nun trage ich silberne Stoppel auf rosa Grund. Zugegeben, es sieht ein wenig aus wie der Hintern eines 6 Wochen alten Ferkels. Nur: Das Aussehen ist mir völlig gleichgültig, denn im Kopf bin ich noch einigermassen gesund und ich selbst. Es ist doch wie bei einem alten, rostigen Auto. Lackiere ich einen Kotflügel, dann sieht das Auto nicht besser aus, sondern eher lächerlich. Dann lasse ich doch den Kotflügel mit Edelpatina wie den Rest der Karre!

Nun hatte ich den Haarschneider gekauft, um mir das Haar selbst zu schneiden. Heute war Premiere. Die Erfahrung dabei hat mich ziemlich ernüchtert. Kürzen auf 5 mm bedeutet, hart an der Grenze zur Glatze zu schneiden. Aber bitte – extrem kurz bedeutet längere Phase ohne Bearbeitung. Etwas kritischer ist der Umstand, dass 7 Wirbel auf meinem Kopf ein echtes Hindernis für eine gute Arbeit sind. Man erwischt nicht alles. Jedenfalls blieben einzelne Büschel stehen und stellten sich auf. Das sah dann aus, als hätte ich oben Hühnerfedern eingearbeitet. Und was am Hinterkopf los ist, weiss ich nicht. Dort kann ich nicht hingucken. Das Problem: Ich bin nicht eitel, aber ich kann Pfusch nicht leiden. Unnötige Pfuscherei verzeihe ich nicht. Auch mir nicht.

Nun griff ich zur Schere. Es ist eine Küchenschere von Zwilling, Id = 41370 – 02 AX 83, also ein Qualitätsgerät, das auch Haare schneidet, und kürzte einen Pinsel von 60 auf 5 mm – dann stand plötzlich W. hinter mir und ich kriegte erst mal einen Anschiß. Dann griff sie nach meiner Schere, und als sie mit dem Wüten am Ferkelhintern nachliess, war ich mit Haar eingesaut wie nix Gutes. Dabei hatte ich beim Schneiden peinlich und mit Erfolg darauf geachtet, mir nicht die Klamotten einzustreuen.

Natürlich wäre es vernünftig, derartig komplizierte Renovierungen W. zu überlassen. Nur weiss ich dann nicht, wie lange ist stillsitzen muss. Unter einer Stunde wird das nichts, denn sie ist ein Typ Mensch, der 3 Monate braucht, um Farbe und Farbton für rostige Autokotflügel zu bestimmen, und dann wird lackiert, bis der Kotflügel glänzt wie eine japanisches Teeschale.
Ich bevorzuge jedenfalls dann doch eine Selbstverstümmelung. Rasch, schmerzlos und hocheffizient, nur nicht ganz so schön. Wozu schön? Es gibt keinen Contest zur Ermittlung des schönsten Rentners in Deutschland 2022. Den wird es auch in 2023 nicht geben, weil dann das Datum nicht mehr stimmt.

W. reklamierte auch, mein Bart sei unter der Futterluke rot von der Tomatensuppe. Tut mir leid, aber ich verstehe die Welt nicht mehr. Erstens habe ich Gulaschsuppe gegessen, und die war braun. Zweitens wasche ich den Bart mit. Und drittens ist er nicht braun, sondern silbrig. Es sei denn, ich bin farbenblind. Das Schlimmste ist: Ich kann mich nicht mit W. anlegen, denn ihre Zunge ist so scharf wie mein Kochmesser.

Wie auch immer: Ich habe alles überstanden. Und ich fühle mich so leicht …. auf dem Kopf, so unbeschwert – und Haare waschen muss ich auch nicht mehr! Wo keine Haare sind, gibt’s nichts zu waschen! Ich nenne das fortschrittlich! Und wer nach einem Schönheitsideal sucht: Bitte, wie schon immer – wende Dich an Adonis!

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