736 – Bäume

Ich glaube, anderswo erzählt zu haben, dass in unserer Wiese, dem Ex-Garten 5 Eichen wachsen. Sie sind noch klein. Baum-Babies. Irgendwer hat sie in diese Welt gesetzt ….. und wir sollen sie wohl adoptieren.
Statt dessen sollte man sie mit einer Gartenschere töten und wegwerfen. Aber wer macht schon so etwas? In meiner Familie liebt man Bäume! Angepflanzt, oder zugelaufen – es macht keinen Unterschied. Unser Patriarch der Pflanzenwelt ist uralt und liefert maximal 5 Äpfel, und die sind alle ungeniessbar. Er ist dabei, zusammenzubrechen. Bis dahin bleibt er an seinem Platz und ist hoch geachtet.

Das hört sich nun an, als seien wir durchgeknallt. Vielleicht sind wir das auch, dann ist es uns gleichgültig. Aber unsere Wertschätzung gilt allem, was lebt, und dies kompromisslos und nahezu ohne Ausnahmen. Derartig radikale Akzeptanz hat Folgen. Ich erzähle mal von ein er Episode, die mich – um ehrlich zu sein – nervt. Vor Tagen hatte ich mich des Nachts um zwei in mein Bett gepackt und schlief sofort ein. Das war nicht normal. In dieser Nacht träumte ich von einem Herbstbild, in dem bunte Blätter fallen und einen Wald golden erscheinen lassen. Ich sah nur Eichenblätter durch Geäst rieseln und zu Boden gleiten. Es war ein Genuss und erinnerte mich an meine Kindheit im Pfälzer Wald.

Früh um 7 verliess ich meine Schlafmulde. Ein rascher Blick auf mein Bett brachte mich zum Schleudern. Dort, wo mein Rücken üblicherweise liegt, fand ich ein orange-gelbes Eichenblatt. Ich griff zu, nahm es hoch, und legte es zurück auf das Bettlaken. Was ich dazu dachte, ist nicht stubenrein.

Das Eichenblatt liegt nun vor mir auf dem Schreibtisch. Ich weiss nicht, wer und warum mir dieses Symbol untergeschoben wurde. Bis man mich eines Besseren belehrt, betrachte ich dieses gelbe Blatt als angemessenes Geschenk für meine Teilhabe am Gedeihen von Bäumen. Eichenlaub war schon immer ein Zeichen für Ehre. Schliesslich stimme ich mit Hermann Hesse voll überein, wenn er in seiner schönen Sprache bekennt:

„Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen.
Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen.
Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame.
Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche.

In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen;
allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen,
ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen.
Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.“

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