714 – Grauen

Ehrlich, ich hasse es, wenn mich grauenhafte Momente überfallen und nieder ringen. Es geschieht nicht oft, aber wenn dann doch einmal, dann spüre ich das Leiden Christi am eigenen Körper und ich flehe darum, mich vom Kreuz runterzuschneiden.

Nun muss man nicht vermuten, mich hätte dann ein religiöser Wahn gepackt. Man sieht es mir nicht an, aber dagegen bin ich absolut immun. Nein, es ist ein Virus, das so hinterhältig ist wie das Herpes-Virus. Fast jeder trägt es spazieren, und es sitzt in der Wirbelsäule und mopst sich. Plötzlich kriegt es einen Rappel, sucht den direkten Weg nach vorne zum Trigeminus, und besetzt ihn. Und schon hat man eine Gürtelrose, wo sie garnicht hinpasst – über und unter den Augen.

Nun ist mein spezielles Virus nicht biologisch geartet, sondern psychologisch wirksam. Schon gut, ich komme zur Sache! Es kommt, und zwingt mich dazu, Ablage zu machen. ABLAGE ! Ist das verstanden?

Ich sortiere einen Berg Belege nach Themen und soll sie abheften. Dafür stehen hier so an die 15 Leitz-Ordner mit Trennblättern bereit, randvoll gefüllt mit altem Altpapier. Und auf meinem Schreibtisch liegt ein Berg neues Altpapier, was ich 3 Jahre aufbewahren muss. Soweit die Ausgangssituation.

Ich fasste ins alte Altpapier in Ordner 1 und schaute mir einen Beleg an. Es war eine Stromrechnung aus dem Jahre 2008. Wegwerfen oder behalten? Gott, wie spannend! Dennoch begriff ich rasch, dass nun Charakter angesagt war.
Meinen habe ich voll ausgespielt. Das Ergebnis: ca. 7 kg altes Altpapier, und das neue sauber abgeheftet.

Mein Shredder ist defekt, darum gebe ich nun ca. 6 kg Vertrauliches in gut lesbarem Zustand in die Papiertonne. Dann ist dieser unerquickliche Akt bürokratischen Tuns als abgeschlossen an eine höhere Instanz, den Bundesverfassungsschutz zu melden und kann nach Überprüfung hinsichtlich Terrorverdacht und Verfassungstreue veröffentlicht werden.

Ich könnte auch – feinfühlig, wie ich bin – ein wenig darunter leiden, ein kleines Stück meiner Vergangenheit einfach weggeworfen zu haben. Ich würde einige Tränen weinen und mich ganz und gar darauf verlassen, dass meine Emotionalität immer noch halbwegs gesund arbeitet und im Zustand höchster Sensibilität empfiehlt, rasch eine Flasche Rotwein, einen argentinischen Malbec zu öffnen, wohl wissend, dass ich keinen Trinkgenossen einladen kann und darum auch diese neue Situation mit eigener Kraft und in Einsamkeit bewältigen müßte.

Gütiger Himmel! Was für ein Tag! Als Kind habe ich noch die Klauen des Dr. Mabuse gefürchtet – heute sind’s die eines Heiligen, des St. Bürokratius!

Schafft mir diesen Kerl vom Hals!

5 Kommentare zu „714 – Grauen“

      1. Neue Erfahrung. Ich hatte von AUKA einen sehr guten 2015 er Cabernet aufgemacht. Die Oxidation setzte dann nach etwa 2 Stunden ein. Ich brauche allerdings für eine ganze Flasche so um 6 Stunden. Der Wein war nicht kompatibel zu mir. Hat keiner gewusst. Ich auch nicht. Dabei trinke ich Wein seit knapp 70 Jahren! Man lernt nie aus.

        Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: