687 – Stimmung

Mein Kalender behauptet, heute wäre Sonntag. Ich habe das umgehend überprüft. 20:15 Tatort in der ARD! Der Kalender arbeitet also einwandfrei. Und drinnen, also in meinem Büro ist es nun kurz vor 11 Uhr. Ich schaue sinnend aus dem Fenster und frage mich, für wen das wohl von Bedeutung sein könnte. Etwas lenkt mich ab. Draussen wütet nämlich die Sonne. Ich kann es nicht verhindern, will es auch garnicht, denn das Blühende ist danach süchtig. Diese Krokusse machen auf und trinken Sonnenlicht, wie ich Bier trinke. Für mich ist der Garten zu hell. Ich lasse die Jalousie runterrauschen. Die Lamellen scheppern wie Blech, obwohl sie aus Kunststoff gemacht sind. Ich finde das merkwürdig, irgendwie unecht. Unecht wie die Krokusse. Sie sind alle nicht vom Stamm des Sativus, wehalb hier auch kein Safran geerntet werden kann. Sie stehen im Garten herum, blühen ein wenig und verschwinden wieder für 12 Monate. So mag ich das nicht. Krokusse – sie nennen sich Blumen! Nun sagte man mir, alles, was aus Zwiebeln herauswächst, sei giftig. Das sind Tulpen, Narzissen, Krokus und Zwiebeln. Ich soll keine Tulpen essen. Bunter Salat mit Kochschinken – diese Idee lasse ich also fallen. Anderes wächst draussen nicht; Gras aus der Berliner Tiergartenmischung ist nicht für mich, sondern für Weidevieh gedacht, und gemacht.
Wer schraubt an den Uhren herum? Plötzlich zeigen sie alle auf halb zwölf. Überhaupt: Es sind die Uhren, die die Zeit so knapp machen. Kostbar, die knappe Zeit. Und Zeit ist Geld! So redet man daher, im Tal der Ahnungslosen. Ich bin dort zu Hause. Habe nie versucht, eine Bockwurst zu kaufen und mit Zeit zu bezahlen. Zugegeben, das Thema macht mich wuschig, verwirrt meine Sinne. Es ist reine Sabotage. Ich versuche nämlich unentwegt, Weisheit zu erlangen. Es gelingt mir nicht. Ich schaffe schon den ersten Schritt dorthin nicht; es klingt so einfach und ist so schwierig: Einfach die Klappe zu halten. Auch nicht zuhören. Wie es scheint, ist die ganze Welt toxisch geworden, mitsamt der Zeit und allen Zwiebelgewächsen. Ich hatte schon rote und grüne Käsescheiben auf meinem Brötchen. Hanfbier ohne THC im Glas. Haschisch-Kekse, die nicht duhnen. Was ist das für eine Welt?
Ich schaue aus dem Fenster. Das Licht der Sonne betört die Sinne. Ich beginne zu träumen. Im Gartenbild taucht ein Holzkreuz auf, dann noch zwei – Friedhof? Ich erschrecke, und bin rasch wieder bei mir selbst, und ich weiss nun einen absoluit sicheren Platz für mich: Als Asche getarnt in einem Blechkübelchen, frostsicher vergraben unter einer jungen Buche in irgendeinem Wald – dort ist gut Sein. Mehr braucht der Mensch nicht. Vielleicht seine Haustiere? Die kann er mitnehmen.

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