659 – Wunder

Wenn wir von Weltwundern sprechen, dann denken wir an die Pyramiden von Gizeh, oder an die Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon – Weltwunder sind immer Menschenwerk, wenngleich als aussergewöhnliche Leistung erkannt. Ist es nicht seltsam, dass die Erfindung des Rads oder des Halbleiters diesem illustren Kreis nicht zugerechnet werden? Ist die Zeit der Wunder längst vorbei, und ich habe davon nichts bemerkt?

Wäre dem so – ich müsste protestieren.
Man stelle sich eine Welt vor, in der nur Adam und Eva als Vertreter des Menschengeschlechts existieren. Ich betrete diese Welt, und alles ist mir fremd. Greife mir einen Kieselstein – und staune. Ein Wunder! Ich rupfe mir eine Brennessel und spüre ihr Gift auf meiner Haut, dieses Ding, dessen Farbe ich nicht benennen kann, tut mir weh – ein Wunder! Wenn nun noch ein Vogel vorbeifliegt, bin ich völlig verwirrt. Ich verstehe nicht, wo ich bin, was hier geschieht – ich bestaune diese Welt, die ich allmählich erfasse, ohne sie zu begreifen, und ich bestaune noch immer den Kiesel, und diese Brennessel, auf der sich plötzlich ein bunter Schmetterling niederlässt – ich bin in einer Welt der Wunder angekommen!

Nun kehre ich zurück in die moderne, die reale Welt, in das Jahr 2022. Auch hier existieren sie, diese Dinge. Aber ich beachte sie nicht. Genauer: Ich achte sie nicht, habe sie dem Alltagsgerümpel zugeordnet, dulde sie, so lange sie nicht stören, erkläre arrogant, ich sei die Krone der Schöpfung, und erkenne nicht, dass ich in der modernen Welt denselben Stellenwert habe wie der Stein, oder der Vogel – ein Wunderkind der Natur, das sich – anders als der Vogel – von seiner Mutter abgewandt hat, und zudem auch noch extrem giftig ist. Toll ist das nicht. Die Pandemie mit COVID-19 ist wohl auch ein Weltwunder. Kleines Virus, grosse Wirkung – ich bin wirklich beeindruckt.

%d Bloggern gefällt das: