658 – Doublette

Heute gönnte ich mir das Vergnügen, mich vor einen grossen Spiegel zu stellen. Ich spürte ein Bedürfnis, ein Verlangen nach Bestätigung für meine körperliche Existenz. Ich möchte sehen, dass ich bin, was ich fühle.

Ich trat also vor meinen grossen Spiegel, und schaute. Was ich sah, warf mich aus der Bahn. Ich sah nichts. Nichts meint „kein Spiegelbild“ meiner Person. Ich registrierte die gegenüber stehende Zimmerwand, das Bild, die kleine Kommode, ein Stück des Teppichs – all diese belanglosen Dinge, jedoch ohne mich.

Natürlich war ich für den Moment fassungslos. Bin ich nun tot? Es war überflüssig, so zu fragen. Wer, oder wo bin ich? Nicht von Belang. Aber was bin ich? Ich fragte vergebens; eine Antwort war wohl nicht zu erwarten. Irritiert zog ich eine Packung Zigaretten aus meiner Hosentasche. Ich brauchte nun ein Hilfsmittel, um im Kopf klar zu werden, und rauchte zwei oder drei dieser Dinger, gewann ein wenig Ruhe und starrte immer wieder in den Spiegel. Plötzlich erblickte ich im Rauch der Zigaretten schemenhaft die Kontur eines Menschen. Ich drehte mich um und legte die geöffnete Zigarettenpackung auf die Kommode, die hinter mir an der Wand steht. Dann schaute ich erneut das Spiegelbild an. Das Päckchen war deutlich zu erkennen. Nun griff ich nach hinten und legte meine Hand auf die Zigaretten. Der Spiegel sagte mir, das Päckchen sei nun verschwunden. Resigniert stellte ich einen Erkenntniswert von Null fest. Was also bin ich?

Nun sei mal ganz konzentriert, ordne ich an, versuche, in mein Inneres vorzudringen und greife nach meiner Brust – und ins Leere. Versuche, Kopf und Beine anzufassen, ende auf dieselbe Weise. Offenbar bestehe ich nur noch aus Luft und Lichtquanten. Anscheinend bin ich ein Hologramm! Aber eines, das denkt und fühlt?

An der Tür wird geklopft. Ich öffne. Draussen stehe ich. Und ich grinse mich an. He, Bruder, alter Zwilling, wie steht`s? Wie geht’s?

Ich bitte mich herein und komplimentiere den Ankömmling vor den Spiegel.
Der zeigt ein korrektes Spiegelbild von ihm, und nichts von mir. Ich spüre, wie ich versinke, war überfordert und kapitulierte. Der Echte (!) bemerkte dies und erklärte, er hätte die ganze Saubande erwischt, die Hälfte sei tot, die andere Hälfte hinter Gittern, und der letzte der Schweinehunde hätte ihm eine Kugel verpasst, die ihn fast das Leben kostete. Ich, der Luftige hätte ihn 4 Monate lang erfolgreich vertreten, und könne nun abgeschaltet werden. Ich kam erneut ins Schleudern und dachte, das sei doch ein Mord, korrigierte mich, denn es wäre ein Selbstmord, aber das auch wieder nicht, denn Er lebt ja weiter – an meiner Stelle. Aber wenn ich nun in ihn hineinkriechen könnte, also ihm unter die Haut gehen, wie man so sagt, was entsteht dann? Zwar fülle ich 4 Monate mit meinen Erinnerungen – der Rest ist deckungsgleich und entbehrlich. Ich denke noch, es seien meine 4 Monate, und ich wollte sie nicht hergeben, nicht dem da, der alles gekriegt hat, mich aber nicht, als ich unversehens und ohne Vorwarnung in einer absoluten Dunkelheit verschwinde.

Ich greife nach den Zigaretten, zünde mir eine an, und betrachte nachdenklich mein Spiegelbild. Bin zufrieden, fühle mich wohl und spüre einen unbändigen Appetit – auf Leben. Alles ist überstanden, alles ist wie früher, das Schicksal hat es wieder einmal gut mit mir gemeint. Aber diesen Unfug mit dem Hologramm unterlassen wir in der Zukunft, nicht wahr?

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