654 – Auster

Eine Meinung haben heisst nicht, zu wissen. So sagt man doch sehr richtig, nicht wahr?
Ich weiss, dass ich viele Meinungen habe, und wenig weiß. Mit einer solch unsicheren Ausstattung wandelt man auf dünnem Eis, und es will mir nicht gelingen, mich wohl zu fühlen. Wenn mir etwas wichtig erscheint, so werde ich zum Schatzgräber, zu jener Sorte, die arbeiten muss, um ein Körnchen Gold zu ernten.

Ich meine, mit dem Erwachsen werden schliesst sich in unserem Innern eine Tür. Auf diese Weise schützen wir uns vor den Attacken des Lebens, die wir als Kind nicht verstehen. Wir werden erwachsen, und diese Tür öffnet sich nicht wieder. Die kindliche Unbefangenheit ist uns verloren gegangen – oder sie bleibt unter Verschluss.

Es gibt gerwiss einige Möglichkeiten, die Panzertür zu öffnen. Eine davon ist sicherlich die Liebe. Eine zweite ist die Kunst. Man hört Musik, und plötzlich poppen Erinnerungen an Melodien auf wie Seifenblasen auf dem Wasser. Man hört sie, und dann sind sie wieder verschwunden. Die gleiche Kraft können Farben und Bilder entwickeln, oder ganz ohne Einschränkung, alles Schöne, das aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart schwingt.

Wer danach sucht, findet möglicherweise die weit geöffnete Tür, ein erweitertes Bewusstsein. Man spürt, dass man in solchen Phasen zu Aussergewöhnlichem befähigt ist, sei es auch nur, eine Symphonie richtig und intensiv zu erleben oder ein gutes Gulasch zu kochen. Man fühllt sich irgendwie ….. komplett und befähigt für Grösseres.

Dann, irgendwann, und viel zu früh fällt die Tür zu, und das Erleben des „ganzen“ Menschen mit seinem Zauber ist verflogen. Wohl dem, der einen Schlüssel gefunden hat, um die Tür immer wieder öffnen zu können. Er lebt ein erfülltes Leben intensiv, mit vielen Höhen – aber auch mit allem Negativem, das ihm sein Verdrängungsmechanismus erspart hätte.

Man muss diesen Preis bezahlen. Es ist genau jener Preis, den auch eine Blüte am Feldrande zahlt. Auch sie muss jedes Wetter erdulden.

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