628 – Wertschätzung

(Parabel über den Wert des Alltäglichen)

Wolken am Himmel. Es sind schwere Wolken. Sie kündigen schweres Wetter an. Lücken lassen Sonnenstrahlen passieren. Nein, sie sind nicht wie gewohnt, nicht hell und strahlend, sondern eher schwarz. Sie wärmen nicht, sondern lassen die Menschen eher erschauern. Eiseskälte breitet sich so rasch aus wie ein Gerücht über Prominenz. Und jedermann fragt sich, ob unser Stern, unsere Sonne erloschen ist und eine neue Eiszeit alles Leben erlöschen lässt. Man starrt unentwegt in den Himmel, und die menschliche Phantasie erzeugt ständig neue Szenarien im Worstcase-Format.

Auf dem Marktplatz steht ein alter Brunnen. Er wurde aus Travertin gemauert und dient seit Jahrhunderten als Sitzbank für jedermann. Heute sitzt dort nur ein Besucher, es ist ein uralter Mann, der sich, auf sein Werkzeug gestützt, zu amüsieren scheint. Eine dunkle Gestalt auf schier weissem Travertin, gleich einer schwarzen Figur auf weissem Feld des Schachbretts, lächelt still und mit geschlossenen Augen in sich hinein. Es ist ein Lächeln, das man nicht deuten kann, und das dennoch die Phantasie dazu verführt, dem Alten einen vorbestimmten Namen zu geben, um sich schliesslich furchtsam abzuwenden.

Den Alten ficht das nicht an. Er denkt womöglich, dieser finstere Tag sei ein guter Tag. Gut für ihn. Viele Menschen werden heuer sterben. Seine Aufgabe ist es, dabei zu sein. Seelen aufsammeln, Körper liegen lassen. Dies glaubte ein Bürger, und hastete vorbei, so schnell er konnte.

Plötzlich, und ohne erkennbaren Anlass zuckt die finstere Gestalt, als habe sie sich erschrocken. Ihr Werkzeug, die Sense scheppert zu Boden und ein heller Sonnenstrahl spiegelt sich im blanken Sensenblatt. Der alte Mann erwachte, blickt in den blauen Himmel und freut sich über die wärmende Sonne auf seinem gebeugten Rücken. Dann erhob er sich und blickte stolz auf die polierte, alte Klinge seiner Sense. Er schulterte sein Gerät und machte sich auf den Weg nach Hause. Dort fand es seinen angestammten Platz an der Wand über einer alten Kommode in der kleinen Wohnstube.

„Liebe, alte Freundin!“ So flüsterte der Alte , setzte sich an den Tisch und schlief ein. Rasch kam ein dunkler Schatten vorbei und kümmerte sich um seine Seele. Dabei trug der Mann immer noch das Lächeln eines erfüllten Lebens im Antlitz.

Ein Arzt blickte entgeistert von dem Toten zur Sense und zurück. Murmelte: „Er hats getan! Neuer Glanz für altes Eisen! Für eine alte Liebe! Und dann abgetreten!“, und verlor schließlich die Fassung. In diesem Moment waren er und seine Aufgabe wieder eine untrennbare Einheit, und alle Zweifel waren ausgeräumt.
„Diese Sense gehört jetzt mir.“ Er nahm das Gerät von der Wand und schaffte es zu seinem Auto. Murmelte: „Nun brauche i c h Dich!“ und kehrte zurück in seinen Alltag. Das Lächeln im Gesicht des Alten schien nun ein wenig von Glück überstrahlt zu sein, als wollte er sagen, sie, seine Liebe hätte es nun tatsächlich gut getroffen, als brauche er sich nicht um sie sorgen.

Wenn Du heute meinen Hausarzt aufsuchst, so achte mal drauf. Linkerhand, das urtümliche Gerät an der Wand ist eine uralte Sense. Aber frage nie nach dem Sinn dieser Dekoration, wenn Du nicht viel Freizeit mitgebracht hast.

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