567 – Wachstum

Es macht mir Freude, Menschen zu ergreifen und vor einen grossen Spiegel zu zerren. Natürlich ist die Freude nur auf meiner Seite zu spüren. Vorgeführt werden ist äußerst unangenehm, und Vorführen ist unanständig. Ich weiss das. Deshalb nehme ich mir immer dieselbe Person vor, denn sie hat sich an meine Macke gewöhnt. Wie? Richtig, ich nehme mich selbst. Man weiss schliesslich, was sich gehört.

Wenn es mal wieder so weit gekommen ist, stehe ich also in meiner Schlafbutze vor dem großen Spiegel eines leeren Kleiderschranks, und bin ein wenig verzweifelt. Unweigerlich lande ich in meiner Vergangenheit und bei der Frage, wann der Prozess gestartet wurde, der mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin, und wem ich das zu verdanken habe. Die Antwort ist dann immer die Gleiche: Es begann 1960, und schuldig sind meine Mutter und Frau Sterz. Die haben mich gemästet wie ein Schwein.
Tatort war die Werksküche einer Papierfabrik, wo beide Frauen für die Belegschaft kochten. Es gab in dieser Küche ein eisernes Gesetz: Essen in ausreichender Menge gab es erst für mich – dann erst für die Belegschaft. Frau Sterz hat das konsequent durchgezogen. Das bedeutete, dass ich eine Ferkelmast erlebte, als nach Kriegsende nahezu alle hungerten und zum Lebensmittel-Betteln bei den Bauern unterwegs waren. Ich habe nie Hunger kennengelernt.

Es kam, wie es kommen musste. Ich wurde eingeschult, und meine Mutter setzte die Mast fort. Gries, Milchreis, Pudding in den Standardfarbei Rosa, Gelb, Weiss und Braun waren an der Tagesordnung. Es müssen 14 Jahre gewesen sein, die mich zum Gourmand gemacht haben. Pfälzer Hausmannskost (in Japan vermutlich verboten), Kuchen, Süsses – ich wuchs und wuchs und hatte immer Normalgewicht ….. bis ich mit 20 auswanderte. Die körperlichen Aktivitäten waren auf das Nötigste reduziert, der Job hatte Vorrang, und für das Essen galt: Es muss gut sein, und es muss viel sein. Die Konsequenz: Ich wuchs weiter und wuchs – in die Breite.

Mittlerweile habe ich das im Griff. Aber der Witzfigur, die mich aus dem Spiegel so blöde angrinst, möchte ich irgendwann mal richtig in die Schnauze hauen. Dabei ist diese Figur nur bedingt schuldig; die Konditionierung für Fressucht fand in den ersten 14 Lebensjahren statt.

Und nun habe ich meine letzten 14 Lebensjahre begonnen, und damit auch den Altersstarrsinn. Verdammt, ich esse keine Wurst! Ich weiss, wie sie gemacht wird!
Ich will Erprobtes auf dem Teller! Und Qualität! Qualitääät ! Mögen die Japse unsere Tangwälder wegfressen, ich esse keinen Kelp, auch wenn man ihn Laminariales nennt, oder Fingertang ! Hast Du schon mal Möweneier gegessen? Ich ja! Eine harte Prüfung. Das schult!
Darum gilt für mich: Da kommt etwas aus dem Meer. Sieht es nach Seelachs aus – ok.
Muschel oder Krustentier? Matjes? Ok. Zuchtlachs aus Norwegen? Mögen unsere Katzen, und was die fressen, fresse ich nicht. Nein, auch nicht aus einem Fressnapf diser behaarten Biester. Und alles andere – forget it!

Je m’apelle Roland! Et je mange comme quatre. (Tut mir leid. Ist auch so eine Macke, mein nahezu leeres Dictionaire zu durchsuchen, um einen Satz in Franz. zu bilden. Dann wird nachgeschaut, ob’s richtig sein könnte.)
Übersetzt ist es simpel, also mein Niveau:
Ich heisse Roland. Und ich esse für (wie) vier.

In Kiew am Flughafen bin ich mit Franz. gescheitert. Ich wollte einem Franzosen erklären, er solle seine Reisetasche aufräumen, weil eine Unterhose raushing. Die gute alte Zeichensprache hatte mir weitergeholfen. Aber Spass hatten wir beide dabei.

Dumme Sache. Heute weiss ich, dass la culotte eine drieviertel lange, und le calecon eine kurze Unterhose sind. Falls Du das mal brauchst, im Boudoir einer Première dame …..

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