544 – Turm

Ich nannte ihn ein Monster. Und er hat mich nicht magisch angezogen. Ich betrat diesen Turm, dessen oberes Ende stets in den Wolken verschwunden schien, aus reiner Neugierde. Dieses Ungetüm steht mitten in der Stadt und stört deren Gesamtbild , wie es der Kühlturm eines AKW vermocht hätte. Aber in der Stadt sagt man, der Turm sei schon immer dagewesen, aus Rotsandstein erbaut, und man liebe ihn. Gut, dachte ich, wenn es so sein muss – was geht es mich an? Aber irgendwann musste ich hinein und hinauf, um die einzige Attraktion dieser Stadt zu erleben.

Heute war es so weit. Rustikal, dachte ich beim Betreten, nicht mal eine Tür hat man ihm gegönnt. So hatte sich im Laufe der Zeit hinter dem Eingang reichlich angesammelt, was Wind und Wetter hinterlassen. Unrat.

Nun, man watet durch diesen Müll, es sind nur 4 Schritte bis zur Treppe. Es ist eine Wendeltreppe. Ich blickte nach oben und erschrak. Endlos, dachte ich, es ist Unfug, dort hinauf zu wollen! Das ist nicht zu schaffen ….. und schon erschien dieses Licht an der Wand, wanderte ein Stück nach oben und verharrte. Ich verstand die Botschaft. „Komm schon, Mensch!“ Nun war mir unheimlich zumute. Aber ich folgte dem Licht, das weiterzog, und ich folgte und folgte wie in Trance, und als das Licht erlosch, stand ich im Freien, war vermutlich oben angekommen.

Ich schloss die Augen und wartete, bis meine Verwirrung der Neugierde gewichen war, dann schaute ich mich um. Dann verlor ich die Fassung und weinte; ich sah einen Sternenhimmel, wie man ihn sich nicht prächtiger vorstellen könnte. Ich schien in unserem Universum angekommen zu sein, einem endlosen dunklen Raum mit einer Million Sonnen, glühende und erloschene, die ihr letztes Licht als Gruss ins All geschickt haben, ich begann zu begreifen, was ein Lichtjahr ist, gewann eine Vorstellung von unserer Galaxie, und wo an deren Rand ich zu Hause bin – diese Momente waren ergreifend schön.

Ich weiss nicht, wie lange ich oben war, und ich weiss auch nicht, wie ich die Niederung des Irdischen erreichte. Jedenfalls stand ich irgendwann in einem Haufen Unrat und schaute mich um. Ich sah Strasse, Häuser, hie und da ein Auto – von einem riesigen Turm keine Spur. Es gab ihn nicht mehr. Oder es hat ihn nicht gegeben.

Nun packte mich das dringende Bedürfnis, mich zu verkriechen. Mein Hotelzimmer war dafür ein geeigneter Ort. Ich orderte eine Flasche Pinot grigio, setzte mich in einen Sessel und kaute das Erlebte durch, um es zu verdauen. Der Erfolg dieser Massnahme hielt sich in Grenzen. Ich weiss bis heute nicht, ob es Traum oder Wirklichkeit war. Eine Antwort auf diese Frage werde ich wohl nie erhalten, sie ist mir auch nicht wichtig.

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