539 – Spökenkieker

„Kennst du die Blassen im Heideland,
mit blonden, flächsenen Haaren?
Mit Augen so klar, wie an Weihers Rand.
Die Blitze der Welle fahren?
Oh, sprich ein Gebet, inbrünstig echt,
für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.“

(Annette von Droste-Hülshoff, 1797–1848)

Unsere Annette hatte die Spökenkieker im Sinn, Menschen mit dem „2. Gesicht“, das angeblich in die Zukunft schauen konnte. Solche Leute waren überwiegend Schäfer.

Es gibt sie heute noch, diese Gilde. Man ernennt sich selbst zu dieser magischen Figur und redet, redet, redet. Ein solcher Mensch hat nun vorausgesagt, das Jahr 2022 werde ein schlechtes Jahr sein. Unglaublich, dass die Presse darüber berichtet! Seriöse Spökenkieker halten den Mund, wenn sie nicht gerade Nostradamus heissen.

Wissenschaftler gehören üblicherweise nicht in diese Gattung Mensch. Aber manchmal reitet sie der Teufel, wie man das derzeit in Deutschland erlebt. Da gibt es Vulkanologen, die sagen einen Vulkanausbruch in der Eifel voraus. Dort, in der Nähe des Laacher Sees soll sich nahe der Erdoberfläche eine Lavakammer entwickelt haben, die sich langsam füllt. Lava dringe nach oben, also nach draussen. Man ist vor Ort aufgeregt. Wenn über der Kammer ein Kartoffelacker liegt, so kann der Bauer vielleicht Pellkartoffeln ernten. Spass beiseite. Man spricht davon, dass ein Vulkanausbruch mit 100%-iger Wahrscheinlichkeit kommen wird, man wisse nur nicht wann.

Mann, es wäre klug gewesen, die Klappe zu halten und weiter zu beobachten. Wenn man etwas als 100%-ig wahrscheinlich bezeichnet, hat man sich ein Contradictio in adiecto geleistet, das ist so etwas wie ein schwarzer Schimmel (Pferd, nicht Pilz).

Am Laacher See liegt auch eine riesige Benediktiner ….. wie nennt man das ….Abtei oder Kloster. Oder beides? Egal. Ich denke, dass man dort ein Wörtchen mitreden wird, wenn es um die Frage geht, ob die Erde aufbrechen und Feuer spucken soll.

Es gab schon andere Spökenkieker, die vorhersagten, dass uns die halbe Eifel um die Ohren fliegen wird und bei Andernach das Tal des Rheins zuschüttet. Die Politik würde lange brauchen, um erst mal zu verstehen, dass irgendwas am Dampfen ist. Und während dort endlich der Groschen fällt, läuft die gesamte oberrheinische Tiefebene, also von Wiesbaden bis Basel erst mal voll.

Vorhin habe ich mir ein wenig Topografie gegönnt, mir also die Eifel mal genauer angesehen – dank Google Earth kann ich das. Und ich war ein wenig geplättet. Der Laacher Seer liegt am nördlichen Rand einer relativ grossen Caldera! Ich habe 3 x 4 km gemessen. Wenn die hochgeht, wirds in DE finster und kalt.

Klingt alles ein wenig wie aus einem Schundroman aus den USA, wo man einen etwas lockeren Umgang mit Katastrophen zu pflegen gewohnt ist.

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