527 – Dichter

Deutschland kann sich glücklich schätzen. Man schaut sich im Lande um, und erkennt es nicht sofort, aber es ist immer noch das Land der Dichter und Denker. Blogger wissen das. Sie müssen leider erfahren, dass sie mit ihrem Anspruch, Dichter und/oder Poet zu sein, nicht allein dastehen, sondern dass sie sich diesen Anspruch mit vielen hundert Tausenden teilen müssen. Weltweit müssen es Millionen sein, und der Menu-Button „About:“ liefert untrügliche Beweise.

Ich kritisiere nicht. Jeder mag sich so fühlen, wie es ihm gut tut. Mir steht dazu kein Urteil zu. Was also soll die Ansage?

Was schon. Ich lebe in bzw. mit dieser Gesellschaft, und ich bin nicht selten verwundert über die Chuzpe, wie man sich selbst auszeichnet, wenn es gelungen ist, einen holperigen Vers auszupressen und in einen Blog zu schreiben. Ich sitze dann da wie vom Donner gerührt, und grüble darüber nach, was ich eigentlich selbst mit meinem Blog so treibe. Nein, es geht mir nicht um die Beiträge. Was älter ist als zwei Tage, riecht eh schlecht und wird nicht mehr angefasst. Nein, es geht mir um die Frage, wer ich eigentlich bin. Präziser: Was bin ich? Antworten darauf sind längst ausgelaugt, geschmack- und formlos. Ich beginne damit, aufzuzählen, was ich nicht bin. Kein Schriftsteller. Kein Poet. Ohne Ambitionen. Kein Zugpferd im Netz. Keine Attraktion. Nichts dergleichen.

Was also bin ich? Ich bin eine Type, die gerne mit Filzer Sprüche an die inneren Klowände schreibt. Und weisst Du was? Ich bin mit mir zufrieden!

Wieso das, dieses Minimum? Ich sage es Dir: Nahezu alles, was ich je hochlud, habe ich selbst geschrieben. Und wo ich Zitate nutze, setze ich mit meinen Gedanken fort. Und wenn ich einen KLassiker zitiere, dann nicht, weil meine Gedanken mit seinem Konzept kompatibel sind, sondern umgekehrt.

Eine andere Betrachtung ergibt sich aus dem Umstand, dass ich in der Gosse aufgewachsen bin. Ich war ein Schlüsselkind, Mutter und Vater hatten einen Job. Und sie waren stets bemüht, mir das „Saloppe“ auszutreiben. 70 Jahre Erziehung durch Gott und die Welt haben nicht ausgereicht, mich von der Bordsteinkante weg in einen bürgerlichen Salon zu treiben. Wenn ich den halben Weg dorthin geschafft habe, dann durch Selbsterkenntnis. Man lebt halt nicht allein. Aber ich gönne mir – ganz im Stillen – noch das ein oder andere Vergnügen aus der Welt des Gewöhnlichen. Auch dort findet sich Schönes, wenngleich von sehr eigener Art.

Ich kann es mir nicht verkneifen, muss es nun hier hinschreiben, weil ich den Spruch wirklich originell und intelligent finde:

In einem Film verlässt ein Gangster den Raum mit der Bemerkung, „er müsse nun eine Wasserschlange würgen“.

Weitergedacht, phantasiert: So vergnüglich kann die Gosse sein!
Wer nur konsumiert: Vergiss es rasch! Gehe 10 Beiträge zurück!

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