519 – Stärke

Es ist eine eher unübliche Art, erst den neuen Tag zu begrüssen und erst dann eine Runde zu schlafen. Es ist dann in der Regel zwei Uhr. Zwei, nicht vierzehn.
So kam es, dass ich im TV nach Mitternacht den Bericht über ein Schweizer Ehepaar fand, das mit einem Wohnmobil unterwegs war. Ich habe vermutet, dass sich die beiden gerade in Sizilien umschauten.

Das Besondere: Beide vermutlich über 70 Jahre alt, er agil, sie eine an Multipler Sklerose im Endstadium erkrankte Person.

Man braucht eine Weile, bis man die Situation der beiden richtig begreift. Dann erfordert es Kraft beim Zuschauen, wenn ein alter Mann mit Gelenkproblemen in einem kleinen Wohnmobil seine 90 kg schwere Frau zu Bett bringt. Oder wie der Mann über einen möglichen Suizid seiner Frau nachdenkt und anmerkt, dass er das dafür Nötige bereitstellen würde, damit sie diesen letzten Schritt gehen könne.

Über die gesamte Dauer des Berichts zu einer Urlaubsreise hat die Kranke nicht ein einziges Mal gelächelt. Warum sollte sie? Wenn man mit MS so übel dran ist, dass man gefüttert werden muss wie ein Kleinkind, dann lassen sich keine Gründe dafür finden; die Krankheit hat den Menschen zu 100% im Griff. So dachte ich.

Die Schluss-Szene hat mich eines Besseren belehrt. Die Kranke schien sich plötzlich ganz und gar ihrem Mann zugewandt zu haben. Sie begann einen kleinen Monolog mit „Wenn ich tot bin ….. “ und setzte fort, was ihr Gatte dann ohne sie alles tun könnte, einschliesslich eine andere Frau zu haben. Bei diesen Gedanken konnte sie plötzlich lächeln, und es schien, als strahle ihre Seele, als sei sie stärker als ihre Behinderung , als fände sie den Gedanken, ihm die Last von den Schultern zu nehmen, einfach schön.

Das ist Liebe.

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