494 – Alltag

Samstag. Ein Tag wie jeder andere. Fast. Es gibt da ein paar unerfreuliche Abweichungen wie der Umstand, dass mich der Pflegedienst aus dem Bett holte, weil ich geistig nicht mehr in der Lage bin, meine Pillen ohne Amtsaufsicht einzunehmen. Es folgte eine selten hektische Betriebsamkeit rund um die Kaffeemaschine, und als dieses Gerät zu röcheln begann, ein Blick in den Brotkasten, wo tatsächlich zwei alte Semmeln auf ihr Ende warten. Zugleich öffnete ich die Kühlschranktür – und warf sie rasch wieder zu. Der Geruch in dieser Eiskiste ist einmalig. Ein französischer vollreifer Camembert aus der Normandie verströmt aus seiner Holzspanschachtel einen Geruch, der mit Körperverletzung gerichtsfest kommentiert werden muss. Tränenden Auges verzichtete ich auf ein Frühstück, die Pillen schlucken musste reichen, dem Camembert wollte ich aus dem Weg gehen. Das gelang – zunächst. Allerdings blieb ein zarter Duft im Raum hängen ….. oder auf meinen Klamotten.

Es folgte eine zweistündiger, gründliche Erörterung der Weltlage. Die Zuschauer, zwei Katzen, waren weniger begeistert, auch wenn wir chaotisch über die deutsch-polnischen Beziehungen diskutierten und dabei immer wieder auf die Zyste am Hintern von Frau S. zu sprechen kamen, nicht ohne den Eierpreis im Königreich Bhutan zu berücksichtigen.

Schliesslich war Lunchtime. Was nun? Gekocht ist nichts. Samstag ist eh der Tag der kalten Küche. Im Kühlschrank arbeitet ein Camembert vor sich hin und setzt ein Gas frei, dessen Toxizität nicht bestimmt ist – könnte ja schlimm sein! Allmählich dämmerte es meinem gequälten Hirn, dass ich etwas unternehmen müsste, damit das Odeur die sanitären Räume erst garnicht erreicht. Und während ich so vor mich hindenke, werde ich kalt. Eiseskalt. Ich weiss: Der schwedische Stinkefisch, den sie im Norden Surströmming nennen, ist schlimmer.

Und da ist die Geschichte von Schweden, die die Fischdose unter Wasser öffnen, um gesund zu bleiben, während ein Japanese seine Dose mit dem Zip-Ring aufzog, den gammelnden Fisch mit einer europäischen Gabel aufaß, und zum Schluss die Brühe aus der Dose trank, dabei gutgelaunt blieb und sich die Lippen leckte. Ein Schwede habe hinterher in die Runde seiner grün angelaufenen Landsleute gefragt, warum der Japaner zum Teufel nicht die Dose mitgegessen habe.

Dieses Beispiel von Heldentum vor Augen verleitete mich dazu, den Stinke-Käse aus der Kälte zu nehmen und ihn mit spitzen Fingern auszupacken. Ich erkannte: Dieser Camembert ist reif, also scharf. Eine Kostprobe sagte mir zudem, dass er auf einem Butterbrötchen gut schmecken wird.

Wie das Leben so spielt! Heute abend ist die 2. Hälfte vom Stinker fällig, den Weg alles Irdischen zu gehen. Leider habe ich keinen Calvados im Haus, vielmehr es gibt ihn nur in seiner Urform. Dann eben Apfelscheiben auf den Camembert, dazu dänisches Bauernbrot und ein, zwei Gläser Grauburgunder – und ich werde die kommende Nacht gut überstehen. Hauptsache, es kommt mir kein Japaner in die Quere.

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