478 – Kontraste

Denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.

(Bertolt Brecht, Dreigroschenoper)

Im Jahr 1928 wurde die Dreigroschenoper des Duos Brecht/Weill uraufgeführt. Das Premierenpublikum zeigte sich befremdet und schien während der Aufführung zu erstarren; erst mit dem Kanonensong erkannte man, was sich auf der Bühne abspielt: Es ist ein Bild der Stadt Berlin im Jahr 1928. Mit dessen Wahrnehmung gewann die Premiere an Zustimmung, und sie war letztlich ein voller Erfolg.

Ich denke, dieses Premieren-Erlebnis hat seine Ursache in der Art der Darbietung. Brecht beschreibt seine Sicht auf die Gesellschaft seiner Zeit in 8 recht plakativen, also leicht begreifbaren Bildern, und die Darsteller waren ausnahmslos prominente Theaterleute wie Lotte Lenya und Erich Ponto.

Die im Dunkeln sieht man nicht, schrieb Brecht in den 20ern des letzten Jahrhunderts. Diese Behauptung ist heute noch richtig, und die Situation ist für die Betroffenen so bitter wie nie zuvor. Man darf getrost mit 30% Armen rechnen, das sind wenige mehr als 24 Millionen Menschen. Heute müsste man texten: ….. die im Dunkeln will man nicht sehen! Sie sind der natürliche Bodensatz einer Gesellschaft, und den gab es zu allen Zeiten in allen Kulturen, und zu allen Zeiten hat deren Ethos verboten, ihn zu beseitigen.

Wer hinschaut, sieht auch. Heutzutage sind die Informationsmittel umfassend, gut und schnell. In 1928 gab es dagegen noch die ein oder andere Intransparenz, und das erleichterte das Leben der Upperclass: Im Kohlenkeller sass keine Fleisch gewordene Anklage und forderte ein Leben in Würde..

Das sind natürlich sehr einseitige, dümmliche Ausreden. Es wäre so einfach, die bittere Armut zu beseitigen; mit einem Grundrecht auf bezahlte Arbeit und einer tragfähigen Grundrente wäre die Pestbeule zu bekämpfen. Der Haken dabei: Die Upperclass müsste über eine Vermögenssteuer oder die Versteuerung des Zugewinns
zur sozialen Gerechtigkeit veranlasst werden.

Wenn man bemerkt, wie schnell man sich mit seinen Gedanken in solchen Utopien verliert, sollte man auch erkennen, wie nahe der Bedarf an utopisch geartetem Handeln liegt.

Wer soll handeln?
Da ist ein Bestand alter, behäbiger, geistig zurückgebliebener Männer in Führungspositionen der Kaste der Politiker, und da sind ihre Epigonen ….. die Nachahmer der nächsten Generation. Deren Art zu handeln ist hinreichend bekannt.


Die im Dunkeln ….. man sieht geflissentlich weg. Das tut nicht weh, weil die soziale Intelligenz sehr unterentwickelt ist und die narzisstische Züge der Persönlichkeit keine empathischen Regungen zulässt.

%d Bloggern gefällt das: