447 – Erdbeerkuchen

Oder: Wie man auf subtile Weise Kunden aus seinem Verkaufsraum jagt.

W. kommt nach Hause. Sie hatte Futter eingekauft. Nein, nicht für die Tiere. Für sie und mich. Alles Möbel, das kühlt, wurde wieder aufgefüllt. Wenn ich nun die Teewurst brauche, finde ich sie nicht. Ich weiss, sie ist da, aber sie versteckt sich .….. Ausrutscher, ist garnicht mein Thema.

„Ich habe Erdbeerkuchen mitgebracht ! „Und ich: „Toll! Her damit – Kaffee muss nicht!“ Und schon steht der Kuchen vor meiner Nase. Schlimmer, er steht vor meinen Augen.
Was dann folgte, ist typisch für mich.
Ich suchte mir rasch die Mailadresse der Bäckerei und schickte eine Reklamation dorthin, und zwar an den Chef dieser Filialbäckerei X, als Persönlich vertraulich markiert. Sinngemäss stand da:

„Der Boden Ihres Erdbeerkuchens ist leider furz-trocken, also relativ steinalt. Die weisse Creme, die Sie als Klebstoff für die Frucht verwenden, ist dagegen nicht zu beanstanden, denn sie schmeckt nach garnichts. Sehr positiv ist, dass die weisse Mumpe nicht in der Lage ist, den Boden zu befeuchten. Das erspart das Einstreuen von Semmelbröseln. Kommen wir zu der Frucht. Es ist Ihnen anscheinend gelungen, mit 3 1/2 oder 4 Früchten einen 28er Kuchen zu belegen. Die Erdbeerscheiben sind hauchdünn geschnitten und kunstvoll auf Lücke appliziert. Das kann man so nicht schaffen, wenn die Früchte vollreif sind – andererseits ist das Farbenspiel Rot/Grün unter dem Zuckerguss reizvoll, und gewiss selten anzutreffen. Der Geschmack der Frucht kann nicht beurteilt werden, da nicht feststellbar. Und so liegt die gesamte Verantwortung für Ihren Erdbeerkuchen beim farblosen Zuckerguss,. der olfaktorisch dem Zuckerwasser ähnelt, das ich als Kind in den Jahren 1945/1946 als Limonaden-Imitation zu trinken bekam. Zu guter Letzt zahlt man eins-dreissig für ein Stück dieser sehr innovativen Kreation.

Soweit die Tatsachen.

Und nun gehen Sie mal runter und holen Sie sich ein Stück Ihres Erdbeerkuchens, dieser Perle des deutschen Bäckerhandwerks, und geniessen Sie das Teilchen.“

Ich habe hier nicht übertrieben. Wenn ich gallig werde, reagiere ich gelegentlich unbedacht und kriege etwas auf die Mütze, bin allerdings hart im Nehmen. Wer gerne austeilt, muss auch einstecken können. hier lief es jedoch anders.

Was soll ich sagen? Der Bäcker hat geantwortet. Kurz und knapp teilte er mit, er werde sich nun darum kümmern.

Eine Woche später kam W. durch die Tür und meldete, sie hätte Erdbeerkuchen mitgebracht. Ich fragte – leicht erbost -nach, ob sie wieder in der Bäckerei X gekauft hätte.
Hatte sie, und sie packte einen Kuchen aus, der mit halben Früchten dicht belegt war. Ich war natürlich enttäuscht. Das Erlebnis mit dieser Bäckerei hat mich nicht von der Meinung abgebracht, dass es mit dem Handwerk zu Ende geht. Wohl aber muss ich akzeptieren, dass es auch in diesem Wirtschaftszweig Ausnahmen gibt, die nicht zulassen werden, dass eine maschinengefertigte Schwarzwälder Kirschtorte angeboten wird. Ja, ich weiss, man versucht es, aber was dabei entsteht, ist eine Krankheit ….. oder weniger drastisch formuliert so etwas wie eine Notfallmedizin.

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