444 – Grenze

Heute ist Sonntag. Dieser Tag hat seinen Namen nicht verdient. Der Himmel ist mit november-grauem Gewölk verunstaltet. Und die Dunkelheit des Tages legt sich schwer auf das Gemüt der Menschen. Ich selbst blicke verloren aus dem Fenster, und wenn man mich beachten würde, käme man auf den Gedanken, er – also ich – würde den Untergang der Welt erwarten.

Natürlich ist dem nicht so. Zwar sitze ich seit zwei Stunden untätig an meinem Schreibtisch und starre auf einen leeren Monitor, aber in meiner guten Stube, das ist der Raum unter meiner Frisur rödelt und klötert es heftig. Ich bin stocksauer, weil ich auf zwei Fragen keine Antwort finden kann:

  1. Soll ich heute eine Mittagsmahlzeit zubereiten, oder nicht, und wenn ja, womit?
    und
  2. Wer hat allen Lebewesen die Reproduktionsfähigkeit in die Gene geschrieben?

Um ehrlich zu sein: Die Last der Gedanken ist fast halbiert, denn zu Frage 1 deutet sich eine Anwort bereits an: „Reis mit Scheiss“, wie die Studentenschaft das nennt, es ist Reis mit Sosse und gebratenem Hackfleisch.
Nein, das wird keine Delikatesse, selbst wenn ich irgendein frisches Küchenkräutlein obendrauf lege; nur die Sosse muss mit Meisterhand hergestellt werden. Bei Sosse bin ich ganz gut. Für Reis mit Scheiss reicht es allemal. Und: Man kann mit Gabel oder mit Löffel essen! Versuche das mal bei Suppe mit Gabel!

Ja, die Frage 2 hat mich doch an eine Grenze gebracht, die ich nicht anerkenne. Aber siehe da! Während ich so vor mich hin schreibe, dämmert mir eine Antwort. Natürlich hat sich die Fortpflanzungsfähigkeit über die Zeit in eine Pflanze wie die Lupine eingeschlichen – was sonst? Es mag Lupinen gegeben haben, die dazu nicht fähig waren, aber jene, die wir heute kennen, ist einfach ein Produkt der Evolution. Und gebildete Leute wissen: In der Tierwelt ist die Evolution andere Wege gegangen; Elefant und Samenkapsel – undenkbar. Der Mensch hat sich allerdings den Elefanten zum Vorbild genommen. Schliesslich kommt die Methode seiner hedonistischen Veranlagung sehr entgegen.
Nachwuchs zeugen und Spass dabei haben – eine Jahrmillionen alte Win-win-situation.

Ich verlasse ganz rasch das Eis. Frage 3: Wo kommt die Mutter aller Lupinen her?Naja, könnte man sagen, vielleicht vom Löwenzahn? Warum nicht? Schon wieder lassen wir Charles Darwin mit seinen Theorien ins Spiel eingreifen, aber ich gehe nun rückwärts: Woher kam die allererste Pflanze? Hat sie sich aus einer nahrhaften Wassersuppe auf biochemischem Weg entwickelt? Muss ja wohl, oder? Ich habe keine Ahnung – und das nervt. Das lässt den Sonntag noch grauer erscheinen.

Solche Grenzen sind einfach misslich. Jaaa, mag einer sagen, was haste davon, wenn Du das weisst? Schmeckt dann die Milch wie früher?
Ich aber sage: Wenn ich das weiss, dann wissen das auch Millionen anderer Menschen. Dann wird einer, ein kluger Kopf dabei sein, der versehentlich eine Lupine zusammenbaut, die hochgiftig ist, und die ich meinen Schnecken andrehe ….. tut mir leid, ich drehe durch! Gescheiter, jetzt in die Küche zu verduften.

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