442 – Niederlage

Wieder einmal ist es mir nicht gelungen, in einer meiner ur-eigenen Angelegenheiten meinen Willen durchzusetzen. Ich könnte ja, wenn ich wollte. Allerdings gilt es abzuwägen, ob der häusliche Frieden nicht doch wertvoller ist als ganz kurze Haare. Es ist nämlich so:
Ich mag nicht zum Friseur gehen. Also habe ich mir ein Maschinchen gekauft, mit dem man Köpfe scheren kann. Gleichzeitig formulierte ich die Parole „kurz, nicht schön!“. Und dies, so glaubte ich, kriege ich selbst hin. Man fuhrwerkt so lange auf dem Kopf herum, bis keine Haare mehr kommen – das ist dann kurz. Die Spekulation dabei: 10 mm bleiben immer stehen, und das reicht.

Nun habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Hier läuft nämlich ein Weibsbild herum, das W. heisst und vorgibt, meine Tochter zu sein. Und W. steht auf dem Standpunkt, dass man den täglich hier tätigen Altenpflegerinnen den Anblick eines Penners, dem die Ratten Haare vom Kopf gefressen haben, nicht zumuten kann. Ich sähe eh schon schlimm genug aus, da mein Outfit tatsächlich nicht vom Feinsten ist. Ich bin mittlerweile so weit abgewirtschaftet, dass ich nicht mehr weiss, wie man ein Herrenoberhemd anzieht.

Sorry, ich war bei der Frisur ….. um den Gedanken zu Ende zu bringen: Geschoren hat mich nun W., und ich habe anschliessend die Schweinerei beseitigt, die man von meinem Schädel geholt hat. Reichlich, und alles Chrom. Erst danach habe ich einen Blick in den Spiegel riskiert – nur um zu erfahren, dass „Kurz, nicht schön“ für mich nicht gilt. Vorne sind die Haare lang geblieben!

Zugegeben, es sieht nicht übel aus. Aber wem nützt das? Mir doch nicht! Vielleicht mag W. das so? Hör mal: Was geht die meine Frisur an? Die Sache kriegen wir erst ins Lot, wenn ich an ihrem Kopf auch herumschnippeln darf, und wenn ich irgendwann darf, wird sie aussehen wie Bruce Willis in „Stirb langsam“! Und für die Politur nehme ich bestes Olivenöl! Bis dahin werde ich nun täglich einmal vor dem Spiegel stehen und die Schmacht-Locke betrachten, mit der ich jetzt herumlaufe. Nur dass ich das nicht vergesse.

Die Prozedur des Haarekürzens muss vermutlich im Mai 2022 wiederholt werden. Das hat irgendwas mit dem Prinzip kommunizierender Röhren zu tun; meine Haare wachsen just in dem Mass, wie mein Bankguthaben schrumpft. Wie aucn immer – wenn der Akt wiederholt werden muss, werde ich taktisch klüger vorgehen. Vorne schrubbe ich alles kurz, und dann erst übergebe ich die Verantwortung an W. Und hinterher werfe ich meine Schnabeltasse gegen die Wand. Dann mache ich auf Senil, und alles ist schön!

„Die Rache ist mein; ich will vergelten, redet der Herr.“


So die Bibel , Paulus und seinen Brief an die Römer zitierend. Siehe 5. Buch Mose.

Mag sein, dass ich nicht mehr Herr im eigenen Haus bin – im eigenen Körper bleibe ich das. Und wenn ich auf meinem Kopf Vogerlsalat anpflanze, bleibt das meine Angelegenheit. Oder nicht?

Nebenbei bemerkt: Es ist recht kurios, dass ich, ein Gottloser, W. erklären muss, wo sie in der Bibel über Menschenrechte nachlesen kann. Sie ist immerhin voll ausgebildeter Religiösin, während ich nur als Baby vom Tisch gefallen bin.

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