436 – Ritual

Als ich mein Bike angeschafft hatte, liess ich mir eine Lederkombi in Schwarz auf den Leib schneidern. Bei der ersten Anprobe passte alles zufriedenstellend, und ich liess mir das Ungetüm einpacken. Der Schneider merkte amüsiert an, für meinen Kombi hätte man eine ganze Kuh verarbeitet. Sehr beeindruckt war ich nicht.

Nun war ich mit Sohn und Nachbar unterwegs, und wir machten eine längere Pause am Rhein, in Bacharach. Wir wollten im besten Haus am Platz buchen, und wurden abgewiesen. Man wollte keine Proleten im Hause umherlaufen lassen. Anders der Konkurrent. Der, ein verhinderter Biker freute sich wie Bolle, liess seine Garage freiräumen, damit wir unsere Böcke gesichert unterstellen konnten.
Beim Abendessen erzählte er strahlend, dass er nächste Wochze 14 bayrische Biker erwarte, und damit viel Spass in der Bude.

Wie auch immer: Wir stellten die Bikes in die Garage und gingen nochmals runter ans Rheinufer. Eine freie Bank lud uns ein, und hinter uns tat dies ein Weinverkäufer. Wir erwarben rasch 3 Stielgläser und eine Flasche Grauburgunder. Der Helm lag zwischen den Füssen, und die Kombi-Jacke war halb geöffnet – die Weinflasche natürlich ganz, und es herrschte auf dem Fluss viel Verkehr, aber bei uns an Land Frieden und Harmonie bei einem gut gekühlten Weissen.

Bis sie kamen. Eine Horde Japaner, 8 Mann, alle im Business-Dress. Sie kamen an, schauten zu uns, so aus 5 m Entfernung, und schienen zu erstarren.

Was sie in uns gesehen haben, weiss ich nicht. Aber sie schienen irritiert. Ein japanisches Lächeln? 8 x Nein. Drei Kolosse voll in Leder gehüllt trinken wie Menschen Wein aus Gläsern, sie benutzen sogar Stielgläser? Das war für sie neu, und unbegreiflich.
8 Fotoapparate klickten in Serie. Dann brach japanische Höflichkeit durch. Sie wandten sich rasch ab und gingen weiter, liessen 3 lachende Kolosse zurück. Es musste eine zweite Flasche Grauburgunder her. Nachdem die leer im Papierkorb stand, war es an der Zeit, aus der Kuh zu steigen und Textiles anzulegen: Abendbrot mit Zwiebelfleisch, Spätzle und einem Glas Roten.

Ich hätte zu gerne erfahren, wie die Japaner unsere Begegnung kommentiert haben; vielleicht so:
Altchristliche Sekte zelebriert eine Open air – Eucharistie als Danksagung für Sterben und Auferstehung eines Arabers vor mehr als 2.000 Jahren, der sich Jesus nannte.

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