390 – Todesfall

Es ist ein Mensch gestorben, den ich gekannt habe. Nicht sehr gut gekannt, zugegeben, aber gut genug, um betroffen zu sein.

Ich bin betroffen, im Sinne dieses Worts.

Nein, es ist nicht der Tod an sich, der „trifft“. In diesem Falle ist er nicht unerwartet gekommen.

Nein, es ist nicht Mitleid mit der alten Dame.
Sie hatte ein Sterben, wie man es sich wünscht.
Plötzlich, schmerzlos, und nicht allzu früh.

Vielleicht ist es die Erinnerung
an das Ende des eigenen Lebens,
von dem der Verstand sehr wohl weiss,
das die Vernunft so selbstverständlich akzeptiert,
und das unser Gefühl so vehement ablehnt.

Was spendet Trost?
Wir leben. Unsere Zeit zu gehen ist noch nicht gekommen.

Menschsein manifestiert sich nicht nur in der Person, sondern in ihrem ganzen Leben, und in allem, was sie uns nach ihrem Sterben von sich zurücklässt.

Sie ist nicht „vorangegangen“.
Das schliesst ein Folgen anderer ein.
Es ist jedoch die Aufgabe jener anderen Menschen,
zu leben, nicht in den Tod zu folgen.

Wir gehen nicht,
wir folgen niemandem,
wir werden auch nicht geholt.
Irgendwann ist die Uhr abgelaufen,
und das Leben ist vorbei.
Das ist alles.

Was die neulich gestorbene alte Dame betrifft:
Ich lernte sie kennen,
als sie ungefähr 70 Jahre alt war.
Ungebändigte weisse Wolle auf dem Kopf,
blaues Strickkleid, knallrote Strümpfe,
und eine ostpreussische Kodderschnauze –
ein wahres Prachtweib!

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