383 – Abgang

„Wenn meine Zeit gekommen …“

„Ja ja, wir wissen das schon! Wenn Deine Zeit gekommen ist, dann packst Du Deine Sachen und verschwindest!“

„Genau!“

Glaube lieber nicht an derartige Euphemismen. Jedermanns Zeit kommt irgendwann, und nur wenigen ist es vergönnt, noch ihre Sachen zu packen, alles so zu ordnen, dass ein geordneter Abgang möglich wäre. Eben lautete die Parole noch: Lebe! Und eine Viertelsekunde später wird sie geändert in: Verschwinde!

Mit etwas Glück kannst Du noch einen klaren Gedanken zu fassen kriegen. Du konzentrierst Dich – auf Dich selbst. So ist das also. Abgang. Na gut. Muss ja sein. Es sind schon andere grosse Männer aus dieser Welt gergangen worden. Jetzt mach zu! Wenn schon, dann sofort, nicht gleich. Das Leben war ohnehin nicht mehr so prickelnd. Wenn ich so vierzig Jahre zurück ….. und Peng! Aus die Maus.

Es gehört zu den grossen Geheimnissen des Lebens, weshalb auch Du Deiner Familie qua Testament eine Bürde auferlegt hast, die sie zu einmaligen Kosten in Höhe von 5.386 Euro und einer 30jährigen Pflege von zwei Quadratmetern Land verurteilt, jenem Örtchen, an dem Du angeblich ruhst.

Immerhin hast Du mit Deiner Verfügung dem Wirtschaftszweig TOD & BESTATTUNG zu Umsatz verholfen. Das wäre einer der positiven Aspekte Deines Dahinscheidens.

Der zweite Nutzeffekt ergibt sich aus der ländlichen Sitte, des Toten Fell zu versaufen. Ja, plötzlich bist Du wieder ein Toter, klar und ehrlich als das bezeichnet, was der Realität am ehesten entspricht. Du selbst hast das Fell einiger Leute versoffen und erfahren, wie heilsam derlei Aufarbeitung von Ansätzen der Trauer sein kann – auch wenn der eine oder andere nur mitsäuft im Glauben, Dich zum guten Schluss noch einmal richtig zu schädigen, oder das Erbe Deiner Hinterbliebenen zu schmälern. Eigenartig zu beobachten, wie man mit Kaffee, Butterkuchen und geflüstertem Tratsch beginnt und nur wenig später bei Schinkenbrot, Bier und Korn lärmenden Spass verbreitet. Der Heimgegangene gerät unversehens zum Katalysator für die Dagebliebenen, sie beginnen zu reagieren, sondern ungeahnte Lebensfreude ab, und würde Dich ein merkwürdiges Schicksal zur Rückkehr in diesen Kreis verdammen, und Du tauchtest unvermittelt dort auf, in Deinem schwarzen Hochzeitsanzug und dem Toten-hemd aus Papier, Du wärst d e r Partykiller des Jahrzehnts. Obwohl: Der Gedanke hat was, nicht wahr?

Nun, ein mit Anstand Heimgegangener unterlässt solcherart makabre Scherze, gönnt seinen verblie-benen Gästen einige fröhliche Stunden, und kümmert sich um seinen eigenen Kram. Und der wäre?

Immerhin: Nicht zu Unrecht redet der Volksmund vom Lichtausknipsen. Pastorale Termini für Deinen Zustand sind

o der Tote
o der Entschlafene
o der Dahingeschiedene
o der Heimgegangene
o der Selige
o der Entseelte
o der Entleibte
o der Aufgebahrte,
o der Eingesargte
o der Gestorbene
o der Beerdigte
o der Begrabene
o der in Frieden Ruhende
o der Dahingeraffte
o der Verblichene
o der Erblasser, und
o der Sack, der Sau- oder Mistkerl.

Nur: Irgendwie bist Du übern Berg. Das alles geht nicht mehr an Dich heran. Irgendwer hat mit dem mächtigen Finger geschnippt, und Du bist drüben. Drüben, da ist man eine Existenz ohne alles, also mit nichts..

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