372 – Feenstaub

Der Mensch altert. Es laufen unaufhaltsam physiologische und psychologische Prozesse ab, in denen er gleichsam rücksichtsvoll auf seine finale Rolle als Erblasser vorbereitet wird. Dabei sind individuelle Parameter wirksam – deshalb altern wir nicht alle auf dieselbe Weise. Und darum hat es der eine in den Knien, und der andere im Kopf, und der dritte am Kehlsack, an den Knien und im Kopf.
Die Parameter sind teils fix, teils variabel; das meint: Wenn meine Stammzellen sagen würden, mit 65 geht die Pankreas in Rente, dann wäre ich ab 65 Diabetiker Typ II. Basta. Iss nicht so viel. Theoretisch machbar. Statt Bauch nur noch Bauchlappen wie beim Kaninchen (lecker mit Zwiebelfüllung!), lässt sich wegschneiden. Das wäre auch mit dem Kehlsack machbar; aber wie sieht das dann aus? Überleg mal:
Ein altes Gesicht über einem jungen Hals, und ganz oben das strahlende Nichts, wo mal Haare gewachsen sind, der Hintern in der weissen Mai-Büx, die ich vor 43 Jahren gekauft und nie getragen habe, und am neu gestylten Hals vielleicht eine Goldkette, etwa 400 g schwer, den Rolex-Nachbau aus Hongkong am rechten Handgelenk – sehr eigen, das Bild.
Ich bin eh für´s Gründliche, wenn also etwas gemacht werden soll, dann richtig, und das hiesse: Zusätzlich Krampfader links raus, rechtes Bein ab, Hinterteil geliftet, Brust- und Kopftoupet, Perlweiss auf die Zähne, Sonnenbank, Gesicht zum Dauer-Smiley geliftet, die Goldkrone im Mund von hinten nach vorne versetzt, den Schnauzbart blondiert und alle Mitesser raus, Peeling drüber und Wimpern re-implantiert, das Fettabsaugen von den Hüften nicht vergessen! Und …..

Back to normal! Aber ein bisschen plötzlich!

Meine konservative Gesinnung verlangt von mir einen altersgerechten Habitus, eine altersgerechte Lebensweise. Aber: Was zum Teufel ist das eigentlich? Sagen wir es mal so: Ich bin in einer verfressenen Gesellschaft aufgewachsen. Darum habe ich verinnerlicht, es müsse für alles ein Rezept geben. Eben auch für das vergnügliche Älterwerden. Bestimmt habe ich mal eines gefunden, (Dale Carnegie oder so), es hat nicht funktioniert, und deshalb habe ich es wieder vergessen.

Wenn die Not am grössten ist, erscheint manchmal die gute Fee. Sie bietet mir die berühmten drei Wünsche an, und setzt resolut hinzu: „Und ICH sage Dir, was Du Dir wünschst. Dein erster Wunsch: Vernunft. Dein zweiter Wunsch: Weisheit. Und Dein dritter Wunsch: Gelassenheit. Sie seien Dir erfüllt!“ Wusch!, und sie ist wieder weg. Bin garnicht zu Wort gekommen, aber ich verstehe: Diese Lady kennt mich in- und auswendig.
Ich gestehe: Das ging mir alles zu schnell. Und ich glaube, die Fee hat bei mir gepfuscht. Jedenfalls funktioniert es nicht so, wie ich es erwartete. Aber das Prinzip scheint stimmig. Soviel habe ich verstanden. In meinem Falle heisst „Weise sein“, zuzulassen, dass Dinge an Wert verlieren, und andere an Wert gewinnen. Ich soll ein meiner Situation angemessenes Wertesystem entwickeln und akzeptieren. Gut, das ist vorläufig zugesagt. „Vernünftig sein“ soll möglicherweise bedeuten, ich möge mich gefälligst bei meinem Tun und Lassen an meinen eigenen Masstäben orientieren. Heiligs Blechle! Das war frech! Ja wer tut denn sowas!
Und „gelassen sein“ meint möglicherweise, ich möge mich um meinen Kram kümmern und nicht mehr darauf achten, was andere davon halten. Das wenigstens kann ich.
Die Fee meint: Mache es Dir endlich bequem, denke nach, und dann beginne, Dein Leben auf behutsame Weise in eine neue Richtung zu lenken. Du hast alle Zeit der Welt, und die ist zu knapp zum Verplempern!
Sei Du selbst, akzeptiere Dich und kümmere Dich um Dein Wohl. Solange die Uhr tickt, ist alles ok, und wenn sie mal nicht mehr tickt, ist immer noch Zeit, sich zu sorgen. So ungefähr geht bei mir „Gelassen sein“ .

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