371 – Attacken

Ich war es gewohnt, mich täglich zu rasieren. Dabei wäre es mir doch auch ohne Brille aufgefallen, wüchse unter meinem Schnabel ein Kehlsack! Zur Sicherheit schleiche ich verstohlen ins Badezimmer und betrachte mein Gesicht aufmerksam – ein paar Falten, sonst nichts. Sieht aus wie immer. Ich schaue eine Etage tiefer, dorthin, wo man bei der Rasur so viel Mühe aufwenden muss, weil die Borsten in alle Himmelsrichtungen wachsen. Ein Schatten. Nein, ein – ich möchte den Gedanken nicht denken – es ist einer. Ein – na Du weißt schon. Dort, wo ein normaler Mensch meines Kalibers ein dreifaches Doppelkinn trägt, hängt bei mir etwas, was beim Rind „Wamme“ genannt wird. Nun mal halblang. Das Teil ist sehr wohl korrekt proportioniert, und erst mal nur Andeutung eines späteren Zustands.
Meine Madame hatte also recht. Da wächst öffentlich eine Hautfalte von der nutzlosen Sorte, in den man also nichts reintun kann – nicht mal ein Pfefferminzbonbon, wofür man sowieso die Backentaschen hat, für die Fishermen´s Friends, die nach ausgiebigem Tsaziki-Genuss so unentbehrlich sind.
Ein Kehlsack also, echt truthahnmässig. Bloss gut, dass ich nicht eitel bin. Und ich beherrsche die Anwendung der politischen Doktrin „Na und? Vergiss es und sitze aus!“. Zumindest rede ich mir das ein. Aber mit der zweiten Trumpfkarte meiner Madame hatte ich halt überhaupt nicht gerechnet. Die Abmahnung eskaliert: „Ausserdem ist Dein Bauch nicht mehr dort, wo er hingehört“ Sprach´s, und wandte sich ab, dabei etwas knurrend, was wie „Alt werden“ nachklang.

Es glich einem Paukenschlag mittenrein ins Ave Maria. Eben hatte ich noch sinnig die Kartoffeln geschält, weinend Zwiebeln gehackt, und unversehens … na ja. Recht hat sie ja. Wenn die Wampe sich um weitere 5 cm senkt, kann ich sie sitzend bequem auf den Oberschenkeln ablegen. Ein Zentimeter pro Jahr, das macht in 30 Jahren … und dann bin ich ….. seufz. Ich bin vorsichtshalber uneitel.

Heute kommt es dicke, denke ich gerade, als Madame noch einmal nachlegt: „Ich verstehe sowieso nicht, dass Du in Deinem Alter …. immer noch eigene Zähne … seit acht Jahren keine Reparatur, nur Weinstein rauspulen …. wo Du doch … !“ Instinktiv habe ich auf selektives Hören umgeschaltet ( input = zero / process = none ), einer meiner Not-Aus-Schalter, auf den immer Verlass ist.
Die folgenden 15 Minuten waren wirklich schwierig. Hier gab es die Fakten, dort meine Madame, und dazwischen ich, mit dem dringenden Bedürfnis, Dampf abzulassen. Aber wie nur? Ich weiss: Zurückschlagen ist tödlich. Auch ich bin weder der Wahrheit verpflichtet, noch der weiblichen Logik gewachsen. Ich verliere Scharmützel immer. In meiner Not alleine gelassen ass ich einen Apfel, und dann noch zwei.
Beim dritten schweiften meine Gedanken ab: Es reicht, ich stellte fest. Die Äpfel waren erstens unschuldig, zweitens mehlig. Ich nahm mir vor, meine Gedanken zu ordnen, und dann ganz vorne anzufangen:

Noch lebe ich, und ich fühle mich heute wohl, trotz Paukenschlag. Das ist mal eine Basis. Ich werde ruhig. Sehr ruhig. Und müde. Um nicht vom Sessel zu kippen, ziehe ich um. Es sind nur 75 cm Weg zu meiner Couch. Inschallah! Ich segle unversehens ab, so für ein knappes Stündchen. Beim Erwachen stellte ich dreierlei fest:
Erstens fühlte ich mich gut. Zweitens war meine Madame nicht mehr zu hören. Und drittens sollte ich mich endlich rasieren.

Na bitte! Geht doch! Es herrscht Ruhe im Schiff – schon ist alles schön.

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