364 – Seelenheil

Fussballzeit. Bayern München gegen den FC Nantes. Der Fernseher steht in meinem Rücken, wenn ich am PC sitze. Ich habe mir angewöhnt, die Glotze als Radio zu verwenden, das mir von hinten erzählt, was in der Welt, oder auch auf dem Fussballplatz geschieht; wird’s interessant, dann drehe ich mich einfach mal um. Es gab schon Spielfilme, bei denen ich mich nicht ein einziges Mal umgedreht habe. Keine Figur hat ein Gesicht erhalten. Es gibt Werbung, die ich hundertmal gehört, aber nie im Bild wahrgenommen habe. Es könnten Hundeköddel als Akteure für Fischstäbchen werben – der Spass entginge mir über Wochen!

Wie? Schwachsinnig? Genau das ist es. Aber irgendwann kommt die Meldung des Jahres, oder der Kick des Jahrhunderts, und dann vollführe ich eine 180-Grad-Drehung mit meinem Chefsessel und bin voll da.

In meinem Rücken nörgelt der Reporter über ein miserables Fussballspiel. Offensichtlich passiert auf dem Acker nicht viel, hört sich an wie eher nichts, und die Zusachauer pfeifen um die Wette und ihren Eintrittskarten hinterher. Wenn was geschieht, bei dem nichts passiert, fällt mir stets ein Sechszeiler von Marie von Eber-Eschenbach ein. Der geht so:

Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
dass man so lieb es haben kann.
Was liegt darin: Erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang –
und eine ganze Seele!

Na komm schon, lies nochmal! Dann reflektiere! Seelenlose Politik, seelenloser Fussball, seelenlose Musik, statt dessen Taktik, Klischees, Mechanisierung, Automaten, Geldverdienen – sind wir eine Gesellschaft von Zombies geworden? Tut es nicht weh, einen seelenlosen Tag gelebt, ohne gelacht oder geweint zu haben? Oder tut es weh, und wir sind gegen diesen Schmerz unempfindlich geworden und spüren nicht mehr, wie wir kaputt gehen?

Schwere Kost. Ich giesse mir ein letztes Glas Stimmungsaufheller ein.

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